Ziehen (8) Tex Rubinowitz

von

Ziehen und Stehlen

 

– Unmöglich, hat Jenny Erpenbeck gesagt, über etwas zu schreiben, was einen nicht interessiere, wie wichtig das Thema auch sei.

– Das hat also Jenny Erpenbeck gesagt?

– Ja, das hat Jenny Erpenbeck gesagt.

– Unmöglich also, übers Ziehen zu schreiben, das interessiert dich doch nicht, nicht?

– Ja, interessiert mich nicht.

– Warum tust du es dann, ist das Thema so wichtig?

– Nicht mal das. Aber ich muss es tun, alleine wegen Jenny Erpenbeck, oder für sie, ich muss das Gegenteil beweisen, über etwas zu schreiben und so zu tun, als würde es mich interessieren.

– Aber jetzt geht dir schon die Puste aus, Ziehen kommt ja nur noch am Rande vor, Onkel, Hechte, Steine, was soll da noch kommen? Sag nicht Jenny Erpenbeck.

– Warum nicht?

– Weil du dir in dem Moment, in dem du sie erwähnst – und ich meine mit dem Zitat –, alles zunichte machst. Hör doch einfach auf, lass das alles so stehen, so kariös, wie es ist, sag vielleicht noch, die Zeichnungen waren zuerst da, die Texte hättest du alibihalber drangepappt.

– Nein, die Zeichnungen haben damit gar nichts zu tun, die hab ich gefunden, nachdem ich etwas über Spatzen schreiben wollte, für Judith Schalansky, die macht doch so Naturbücher. Die Zeichnungen sind ja nicht von mir, die hab ich in so einem Büchlein aus der DDR gefunden, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, so ein Humorbüchlein, völlig unbekannt, kennt kein Mensch mehr.

– Aber das kannst du doch nicht einfach so verwenden! Da muss man doch fragen, die Rechte einholen. Wie heißt denn der Zeichner?

– Keine Ahnung, ich dachte, das merkt eh keiner, im Internet, da ist doch alles von überall her zusammengeklaut.

– Im Gegenteil! Im Internet merkt jeder alles, das Internet vergisst nicht und sieht alles, da laufen kleine Polizisten oder Spinnen herum und registrieren ALLES. Es ist nicht leicht, im Internet ein Nichts zu sein. Also, was jetzt, du wolltest ein Buch über Spatzen für Judith Schalansky schreiben, und dann …

– …hab ich übers Scheitern geschrieben.

– Scheitern? Welches Scheitern, wessen Scheitern?

– Tierisches Scheitern, Tiere scheitern ja auch.

– In was, also wo scheitert ein Tier? Gibt’s das überhaupt?

– Na sicher, ein Eichhörnchen, das die Nuss nicht aufkriegt.

– Naja, ich würde das nicht als Scheitern bezeichnen, Scheitern ist ja, eine Aufgabe nicht zu lösen, etwas, was für uns völlig neu ist. Wenn Tieren etwas nicht gelingt, ist das ja gewissermaßen einkalkuliert, kennt man doch von Fliegen, die nicht und nicht begreifen, dass eine Glasscheibe undurchlässig ist, der Kuckuck, der nicht im Süden ankommt, das ist der fatalistische Kollateralschaden des ganzen Kuckuckprogramms. Interessant wäre doch, wenn der Kuckuck auf halber Strecke umkehren würde, um dann bei einem Standvogel einzuziehen, er ist ja nicht wirklich dumm, er frisst beispielsweise auch haarige Raupen oder solche mit Warnfarbe, er hat wohl gelernt, dass das nur Trug ist. Und warum? Weil er alles das frisst, was die vielen verschiedenen Eltern so anschleppen, er muss die ganze Speisekarte kennen, das ist genetisch bei ihm eingeschrieben.

– Woher hast du das? Aus Wikipedia abgeschrieben?

– Ja.

– Was ist das für ein Drang, alles bei Wikipedia abzuschreiben? Warum machst du das?

– Der Kuckuck ist der «Hauptdarsteller» in einer Kuckucksuhr.

-Wie bitte?

– Dieser Satz steht bei Wikipedia, und er gefällt mir einfach, weil er prototypisch ist für diesen Sound unbeholfener Faktizität, er erheitert mich, mich erheitert zudem die Frage, wer wohl die Nebendarsteller sind, wenn der Kuckuck der Hauptdarsteller in der Uhr ist. Kleiber?

– Mir fällt ein ornithologischer Witz ein. Ein Mann ist über und über mit Kleibern bedeckt. Ein zweiter Mann ruft, auf den Bedeckten deutend, anderen zu: „Reißt ihm die Kleiber vom Leib!“

– Das ist nicht witzig.

– Aber der Name Jenny Erpenbeck ist witzig?

– Ja. Nein. Aber hat einen guten Sound.

– Was denn für ein Sound?

– Das Geräusch der Gedanken einer Ente beim Anblick ziehender Graugänse.