Ziehen (10) Tex Rubinowitz

von

Ziehen und Sterben

 

Ich hab mich immer gefragt, nein, falscher Start, ich frage mich in letzter Zeit immer häufiger, wann endlich diese Angst aufhört, man könne etwas verpassen oder etwas nicht verstehen. Warum mit dem Alter nicht eine Gelassenheit kommt, dass doch sowieso alles egal ist, dass es doch reicht, dass man weiß, wo man schläft, und in seltenen Fällen, mit wem, was man isst und was man sieht, und wenn das erledigt ist, kann man abtreten, was sollen denn noch zusätzliche Informationen, die nichts Wesentliches mehr verändern an einer Routine, die man sowieso nicht steuern oder beeinflussen kann, leichte Abweichungen vielleicht, aber die erzeugen auch eher nur Irritationen, sehr viel weiter bringen sie uns nicht. Und nicht mehr. Und immer weniger. Man verfällt dann doch wieder in das alte Muster.

Und das einzige, was uns noch bleibt, von dem Wiedehopf, unserem letzten Freund, ist eine Feder, die nicht kitzelt. Zuerst rufen wir den Vögeln im Schwarm nach, dass sie waten sollen, weil wir noch kurz aufs Klo müssen, dann, dass sie schon mal vorfliegen sollen, wir kommen mit dem Taxi nach, dann mit dem Bus, dann bleiben wir einfach hier sitzen und bringen uns das Eierlegen selbst bei, es interessiert uns einfach nicht, wie es dort „unten“ aussieht. Vielleicht ist diese Neugier, die zwar blass und blasser wird, aber trotz allem nie ganz weggeht, das Programm, das uns am Leben hält, das uns atmen macht, essen und uns vermehren. Am Ende erübrigt sich das, und wir können schon mal damit beginnen, uns in die Erde einzubuddeln, oder jemanden zu beauftragen, uns einzubuddeln, uns gleichsam einzusäen, um dann doch noch mal, mit der verbliebenen Restneugier, nachzusehen, wie es da „unten“ aussieht, und statt einem Grabstein können wir uns eine Tür aufs Grab stellen lassen, auf der Ziehen steht, niemals Drücken, denn Drücken, das machen die anderen, die Ungeduldigen, die Drängler, die den Druck machen, die uns letztlich hier her gebracht haben.