Ziehen (1) Tex Rubinowitz

von

Ziehen und Stehen

 

Wenn ich ein Spatz wäre, würde ich vermutlich nicht Sätze bilden, die mit Wenn ich ein Spatz wäre beginnen. Was würde ich stattdessen machen? Was fällt einem zu Spatzen ein? Ah, ja, Spatzen nehmen gerne ein Sandbad, o.k., ein Sandbad hab ich auch schon genommen, in Beppu war das, einem südjapanischen Badeort. Man wird in geothermisch aufgewärmtem Sand eingegraben und kann sich dann nicht mehr rühren, aber im Gegensatz zu den Spatzen, für die das Bad im Sand eine hygienische Funktion hat, Parasiten werden sozusagen abgestaubt, hatte mein Sandbad keine Funktion, nicht mal eine entspannende, weil ich nur verkrampft war. Wie schaufelt mich jetzt die Japanerin ein, macht es ihr Freude, mir einen schweren Klumpen Sand auf den Unterleib zu schaufeln, was soll das hier alles, warum kann ich nicht lesen, wohin soll ich schauen? Sandbadende liegen in Beppu nebeneinander wie lebende Leichen, wie eingebackene Mumien, ihre Uhren ticken noch. Spatzen haben keine Uhren, auch deswegen macht ihnen, im Gegensatz zu mir, so ein Sandbad augenscheinlich Spaß.

Rubinowitz_ZiehenBild2Spatzen sind Standvögel, das ist ein schönes Wort, hab ich mal gelesen in einem Buch namens «Ein Spatz namens Irma». Ein Standvogel ist das Gegenteil von einem Zugvogel, irgendwann wird ihnen wohl die lange Reise zu mühsam geworden sein: Wozu die Vorbereitung, die Orientierung aufs unsichere Ziel? Bleiben wir hier, senken wir unsere Körpertemperatur und unsere Aktivitäten im Winter etwas runter, baden vielleicht im Schnee, dem Sand des Winters, irgendwie geht’s ja hier auch; wo Menschen sind, gibt’s Krümel, die vom Tisch fallen, das ist in Afrika gar nicht mal so gesichert.

Und auch wenn mein Badeverhalten nicht dem der Spatzen gleicht, ich eiskaltes Wasser dem Sand vorziehe (wie einer der «Waterproof Sparrows», die Band, in der Steve Peregrin Took trommelte, bevor er an einer Cocktailkirsche erstickte), werde ich immer mehr zum Standmenschen, früher gerne verreist, heute nur noch ungern, das Wohin würde mir ja noch einfallen, komische Ziele gibt’s genug, aber das Wozu wird immer blasser. Mich interessiert nichts mehr. Wenn ich hier schon nicht glücklich sein kann, wodurch soll das in der Fremde erreicht werden? Ich kann nicht sagen, ob Spatzen unglücklich sind, so sehen sie eigentlich nicht aus, man stellt sich einen unglücklichen Vogel eher vor wie einen Marabu, so zerrupft steht der herum, fassungslos, unfroh, im Zoo, in der Freiheit hätte er vermutlich keine Überlebenschance mehr, das ist Unglück. Aber die Spatzen machen einen Radau, wenn sie sich mal wo versammelt haben, sie kommen mir eigentlich immer gutgelaunt vor, gerade so, als seien sie von sich selbst betrunken, nein, nicht betrunken, beschwipst, Spatzen sind beschwipst. Ich hab mal im Zoo eine Mutter mit ihrem Kind gesehen, das Kind fragte vorm Marabukabuff: «Mama, was ist das für ein Vogel?» Die Mutter raunte nur, fast so, als könne es den Vogel verletzen, wenn er mithöre: «Komm weg von dem, der ist hässlich.»

Zum Spatz würde dem Kind vermutlich gar nichts einfallen, er ist und war einfach immer da und wird es immer sein. Er ist ein Teil von uns geworden, die gefiederte Anti-Miesepeter-Liga, ohne Spatzen wären wir Marabus und in unserem angestammten Habitat längst ausgestorben, man müsste uns künstlich am Leben erhalten in Zoos. So wie die Sprache das Denken formt, formt uns auch die Umgebung und mit wem wir es zu tun haben. Ward je ein Spatz im Zoo gesehen? Ja, er geht freiwillig hinein, um etwa im Gnudung nach Brauchbarem zu stochern. Gutes Wort, Gnudung, der beschwipste Standvogel knietief im Gnudung. Er kann sich’s eben aussuchen, sein sprichwörtliches Spatzenhirn scheint wohl doch nicht so unterentwickelt zu sein, er kann wählen, er kann sich anpassen, vielleicht zog er mal, aber jetzt zieht er es eben vor, zu bleiben, zu stehen, der alte Standvogel.

 

© Tex Rubinowitz (Illustration)