Rowohlt-Bomben oder Was war eigentlich die Ballon-Affäre? Wolfgang Kraushaar

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Kurz bevor mit den Bundestagswahlen im September 1969 die Zeit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) endgültig vorüber ist, erschüttert eine Affäre einen der bekanntesten bundesdeutschen Verlage. Die «Zeit» bezeichnet das Geschehen vielsagend als einen «Thriller mit Hintertreppenelementen» (Dieter E. Zimmer). Es beginnt damit, dass ein Lektor des in Reinbek bei Hamburg ansässigen Rowohlt Verlags eines Morgens ein Päckchen mit einem Minibuch aus der DDR erhält. Es misst nur 10 mal 12,5 Zentimeter, umfasst 283 Seiten, ist in grünen Kunststoff gebunden und steckt in einem Plastikbeutel. Das Bändchen trägt den Titel Marschroute eines Lebens und stammt von Jewgenija Semjonowna Ginsburg, einer antistalinistischen Autorin.

Die einer jüdischen Apothekerfamilie in Moskau entstammende Russin war als Mitglied der KPdSU wegen angeblicher Verbindungen zu Trotzkisten 1937 aus der Partei ausgeschlossen, verhaftet und schließlich zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Nach ihrer Freilassung und ihrer partiellen Rehabilitierung im Jahre 1955 beschrieb sie ihre Odyssee durch Gefängnisse und Arbeitslager in einer Autobiographie, schmuggelte den Text in den Westen und ließ ihn 1967 in russischer Sprache in einem Frankfurter und einem Mailänder Verlag veröffentlichen.

Während er in ihrem Heimatland nur als «Samisdat» zirkulierte, als eine im Selbstverlag publizierte Schrift, mit der die Zensur umgangen werden sollte, wurde er bald darauf in verschiedene Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche. Angeblich ist das Päckchen, das der Lektor Nicolaus Neumann (33) öffnet, von Freunden in einer brandenburgischen Elbniederung gefunden worden. Den früheren Leiter des APO-Verlags Edition Voltaire und jetzigen Assistenten des Herausgebers der «rororo aktuell»-Taschenbuchreihe, Fritz J. Raddatz (38), macht zweierlei stutzig: Das Büchlein stammt aus dem Verlag, in dem er selbst arbeitet, und trägt anstelle eines Impressums einen merkwürdigen Hinweis: «Achtung bei Zuschriften aus der SBZ!/ Wählen Sie einen Briefkasten im anderen Ortsteil!/Gebrauchen Sie ­einen fingierten Absender und verstellen Sie Ihre Handschrift, sicher ist sicher!/Verantwortlich Hugo Jockel, 5205 Hennef (Sieg), Jahnstraße 17.» Offenbar sollten Bewohner der «Sowjetischen Besatzungszone» damit aufgefordert werden, sich nach ihrer Lektüre an eine Westadresse zu wenden.

Wie sich bald herausstellt, handelt es sich dabei um eine Deckadresse. Zwar gibt es in Hennef eine Jahnstraße, jedoch kein Gebäude mit der Hausnummer 17; die Straße endet bereits mit der Nr. 12. Neumanns Vermutung, dass es sich bei dem Band um einen Raubdruck handeln müsse, bestätigt sich nicht. Es handelt sich um eine ganz legal in der nordfriesischen Druckerei Clausen & Bosse hergestellte Sonderausgabe des zwei Jahre zuvor offiziell erschienenen Buches. Bei weiteren verlagsinternen Nachforschungen stellt sich her­aus, dass es noch ein weiteres in Planung befindliches Bändchen gibt, mit dem offenbar die antistalinistischen Bestrebungen des Prager Frühlings unterstützt werden sollen. Es stammt von Radoslav Selucky und trägt den Titel: Reformmodell ČSSR – Entwurf einer sozialistischen Marktwirtschaft oder Gefahr für die Volksdemokratien? Auch hier findet sich eine Deckadresse. Diesmal lautet sie auf den Namen Kurt Stötzer und verweist auf eine tatsächlich existierende Anschrift, den Fuchsweg 46 in Lüneburg; das jedoch ist keine Privatadresse, sondern der Sitz des 33. Instandsetzungs- und Ausbildungsbataillons der Bundeswehr.

Neumann ist von all diesen Merkwürdigkeiten so sehr alarmiert, dass er sich am 25. August 1969 an Raddatz wendet und ihn über das Päckchen und seine Recherchen unterrichtet. Der Cheflektor jedoch, der während des Ungarn-Aufstandes 1956 an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin zum regimekritischen Donnerstags-Kreis zählte und einige Monate später die DDR verlassen musste, um sich in Sicherheit zu bringen, fällt keineswegs aus allen Wolken. Er gibt an, ungefähre Kenntnisse von dem Vorgang zu haben, und erklärt seinem Assistenten, er habe so viel gewusst, dass «irgendeine Bonner Dienststelle» die Ginsburg-Memoiren «irgendwie» in die DDR schicke. Und damit sei er durchaus einverstanden gewesen: «Ich schicke ja auch privat Bücher in die DDR, und ich finde im Übrigen, dass die Ginsburg in der DDR viel gelesen werden sollte.»

Als der Verlagschef Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (61) zwei Tage später aus seinem Urlaub zurückkehrt, wird umgehend eine Geschäftsführersitzung anberaumt, um über die Verbreitung von Rowohlt-Büchern als – ganz nach Standpunkt – antikommunistische Aufklärungs- oder Propagandaschriften zu beraten. Dabei bestätigt sich, dass der Verlag im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums eine Mini-Ausgabe der Ginsburg-Erinnerungen hat drucken lassen, um sie mit Ballons über dem Gebiet der DDR zu verbreiten. Auflagenhöhe: 50000 Exemplare. Nachdem die Sache nun aufgeflogen und zu befürchten ist, dass das Ansehen des Verlags Schaden nehmen könnte, wird beschlossen, den Auftrag für das Selucky-Buch umgehend zu stornieren. Während der Sitzung kommt es zu einer heftigen Konfrontation zwischen Raddatz und Vertriebschef Karl Hans Hintermeier (57). Dieser droht dem «rororo aktuell»-Herausgeber im Zusammenhang mit geheimgehaltenen Druckaufträgen ganz unverblümt: «Wenn so etwas in diesem Haus nicht mehr möglich sein soll, dann kann ich den Gerüchten, dass Sie bezahlter Ostagent seien, nicht mehr widersprechen.» Außerdem beklagt er sich darüber, dass ein Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums, mit dem Walter Kempowskis Im Block, in dem dieser seine Haftzeit in einem sowjetischen Speziallager im Zuchthaus Bautzen schildert, hätte aufgelegt werden sollen, zurückgezogen worden sei, weil in der «rororo aktuell»-Reihe zuvor ein Band über das Recht zur Kriegsdienstverweigerung publiziert worden war. Anschließend kündigt Hintermeier an, dass er möglichst bald zu demissionieren gedenke. Unmittelbar darauf informiert Raddatz seine Lektoren über den Verlauf der Sitzung. Er bittet sie darum, mit ihm gemeinsam die Ergebnisse zu ­protokollieren.

Gegen 23 Uhr besteigen drei Lektoren am Reinbeker Bahnhof ein Taxi, um sich nach Hamburg chauffieren zu lassen. Es sind Traugott König (34), Nicolaus Neumann und Hermann Peter Piwitt (34). Ohne zu ahnen, welche Folgen dies für sie haben könnte, unterhalten sie sich während der nächtlichen Fahrt über den Konflikt in der Geschäftsführung. Sie verabreden dabei, dass sie ein Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen des Rowohlt Verlags fordern wollen. Der Taxifahrer Heinz Bertinetti hat das Gespräch aufmerksam verfolgt, wendet sich am Tag darauf an die Chefsekretärin des Verlagsleiters, Annelotte Becker-Berke, kurz «bb» genannt, und berichtet ihr detailliert. Ledig-Rowohlt ist alarmiert. Er veranlasst, dass sich die beiden in einem Lokal in Aumühle treffen und von dem Gesprächsverlauf ein ausführliches Protokoll anfertigen. Dieses liest er am 29. August den betreffenden drei Lektoren vor.

Danach überschlagen sich die Ereignisse. Zunächst fährt Raddatz nach Marbella in Urlaub, dann werden König und Neumann ohne zuvorige Konsultierung des Betriebsrates mit sofortiger Wirkung beurlaubt, daraufhin spricht Neumann, der sich ohnehin mit dem Gedanken getragen haben soll, seine Stelle aufzugeben, seine Kündigung aus, und nun wird der Verwaltungsrat einberufen. Raddatz unterbricht, um daran teilnehmen zu können, für anderthalb Tage seinen Urlaub. Ledig-Rowohlt verlangt anschließend von König und Piwitt eine Loyalitätserklärung. Diese kommen der Aufforderung nicht nach. König bestreitet, dass das Gedächtnisprotokoll des Taxifahrers der Wahrheit entspreche, und Piwitt teilt dem Verleger schriftlich mit, dass er nach Antritt seines halbjährigen Arbeitsurlaubes nicht mehr als Lektor in den Verlag zurückkehren werde.

Einen Tag darauf findet eine Betriebsversammlung statt, auf der Ledig-Rowohlt einen Bericht über den Verlauf des Konflikts abgibt, König und Piwitt nach dem Gesprächsprotokoll der Taxifahrt befragt und eine Vertrauenserklärung der Belegschaft fordert. Am 15. September kursiert unter den 185 Betriebsangehörigen eine entsprechende Erklärung; innerhalb von drei Tagen ist sie von 98 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterzeichnet. Die Beurlaubung Königs ist inzwischen aufgehoben. Ledig-Rowohlt wendet sich am selben Tag mit einer Mitteilung an die Presse und kündigt an, dass der Verlag wegen zu befürchtender Störaktionen nicht an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen werde. In der Erklärung heißt es: «Es hat sich bei uns etwas ereignet, das weder zum Rowohlt Verlag, wie ich ihn sehe, noch zu mir passt, weil es dem Sinn und Geist meiner jahrelangen Arbeit völlig zuwiderläuft.» Dann nimmt er die Gelegenheit wahr, um einige in Umlauf befindliche Behauptungen richtigzustellen. Er erklärt, dass 1967 der Sonderdruck der Ginsburg-Memoiren, von dem insgesamt 50000 Exemplare hergestellt worden seien, «weder geheim erteilt noch geheim (…) ausgeführt» worden sei. Bereits ein Jahr zuvor seien 10000 Exemplare des «rororo aktuell»-Bandes Theorie des Guerillakrieges von Mao Tse-tung durch eine Buchhandlung an das Bundesverteidigungsministerium geliefert worden. Erst nach der Rückkehr aus seinem Urlaub habe er eines der als Notizbuch getarnten Exemplare des Ginsburg-Buches zu Gesicht bekommen. Er habe daraufhin der Geschäftsführung vorgeschlagen, den Auftrag an den Bundesminister der Verteidigung als «nicht durchführbar» wieder zurückzugeben, was dann auch geschehen sei. Einen Tag später veröffentlicht das Bundesverteidigungsministerium eine Stellungnahme, in der es heißt, dass die Leitung des Rowohlt Verlags über den Verwendungszweck der Sonderausgaben vollständig informiert gewesen sei. Und wiederum einen Tag später trifft in Reinbek eine an Raddatz adressierte und mit «APO» unterzeichnete Postkarte ein. In dem Drohschreiben, das wie eine Bestätigung der von Ledig-Rowohlt formulierten Befürchtungen erscheint, heißt es: «Auf der Buchmesse werden wir Euren Stand zusammenschlagen, dass die Fetzen fliegen und nichts mehr übrig bleibt! (…) Es bleibt kein Auge trocken. Auch in Reinbek räumen wir auf. Am Tage X! Kauft Euch jetzt schon eine Prothese beim Zahnarzt, damit Ihr dann weiterkauen könnt. Wir boykottieren Eure ganze Scheißliteratur. Wir machen Euch ­fertig!»

Zur selben Zeit kursiert eine von dem Lektor Bernt Richter (39) verfasste und von 26 Mitarbeitern unterzeichnete Eingabe, in der der Betriebsrat aufgefordert wird, eine weitere Betriebsversammlung einzuberufen, um den drei Lektoren Gelegenheit zu einer Darstellung der Vorgänge aus ihrer Sicht zu bieten. Für den Fall, dass es zu dieser Versammlung nicht komme, wird ein Ersatztreffen in dem Reinbeker Lokal «Waldhaus» vorgeschlagen. Der Betriebsrat lehnt den Vorschlag jedoch ab. In einem von dem Lektor Hermann Gieselbusch und dem Korrektor K.A. Eberle verfassten und von 77 Mitarbeitern unterzeichneten Aushang wird vor einer Teilnahme an dem «wilden Treffen» im «Waldhaus» mit der Begründung gewarnt, es könne den «ureigensten Interessen aller Rowohltianer» schaden. Drei Tage später wird zusammen mit der Stellungnahme von Verlagschef Ledig-Rowohlt und einer Gegendarstellung Nicolaus Neumanns eine «Mitteilung von Autoren des Rowohlt Verlages» an 60 Autoren verschickt. Darin heißt es, dass die Unterzeichner in der Zusammenarbeit des Verlags mit dem Bundesverteidigungsministerium einen «Vertrauensbruch» sehen, der die Veröffentlichungen und Publikationsvorhaben diskreditiere. Die Tatsache, dass sich der Verlag «an Subversionsarbeit des Bundesministeriums für Verteidigung beteiligt und sich zugleich auf dem linken Markt betätigt» habe, wäre nur möglich gewesen, weil die Entscheidungsgewalt «allein der Verlagsspitze vorbehalten» sei.

Am selben Tag startet das SED-Zentralorgan «Neues Deutschland» unter der Überschrift «Rowohlt-Bomben» einen Generalangriff auf den Reinbeker Verlag. Die Polemik gipfelt in dem Vorwurf, das Unternehmen sei «zu einem dienstwilligen Apparat der psychologischen Kriegsführung gegen den Sozialismus» geworden und produziere «für das Kriegsministerium des SA-Mannes Schröder Sonderausgaben von antisozialistischen Texten». Wenige Tage später erscheint in der «Deutschen Volkzeitung» eine von Peter Schütt verfasste Attacke, in der sich die gleichen Stichworte finden. Der «renommierteste und produktivste Linksverleger der Bundesrepublik», heißt es darin, sei sich nicht zu schade, mit seinen Druckerzeugnissen «(…) als Zuträger für die psychologische Kriegsführung des Bundesverteidigungsministeriums gegen die DDR zu dienen». Es gebe bislang kein Rowohlt-Buch, das offen für den Krieg votiere, was der Verlag nun aber unternommen habe, das stelle «eine kaum noch ‹versteckt› zu nennende Kriegshandlung» dar. Der APO-Aktivist und DKP-Mitbegründer Schütt geißelt zudem, eine Thomas-Mann-Formulierung zitierend, die Gegnerschaft einiger der Neuen Linken zugerechneten «rororo aktuell»-Autoren wie Daniel Cohn-Bendit gegenüber der DDR als antikommunistisch und damit als angebliche «Grundtorheit des Jahrhunderts». Am 24. September findet schließlich die umstrittene Zusammenkunft statt; moderiert wird sie von Richter. Anwesend sind rund zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rowohlt Verlags sowie mehrere Journalisten. Neumann und Piwitt erhalten nun ausführlich Gelegenheit, den Verlauf des Konflikts aus ihrer Sicht darzustellen.

Erneut überschlagen sich die Ereignisse. Als Erster reagiert Ledig-Rowohlt. Er teilt Richter mit, dass die Auffassungen, wie eine Zusammenarbeit im Verlag auszusehen habe, unvereinbar geworden seien, er keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit sehe und das Arbeitsverhältnis deshalb zum Jahresende auflösen werde. Am 1. Oktober teilt die Verlagsleitung mit, dass Raddatz, der kurz zuvor aus seinem Urlaub zurückgekehrt ist, aus dem Verlag ausscheiden werde. Daraufhin sprechen mehrere seiner Mitarbeiter ihre Kündigung aus.

Die Folgen der Rowohlt-Affäre sind beträchtlich. Der Verleger Viktor Niemann, einst Mitglied der Geschäftsführung des Rowohlt Verlags, Prokurist und Vertrauter Ledig-Rowohlts, fasst dreißig Jahre später die Folgen der Ballon-Affäre mit den Worten zusammen, sie habe «eine ganze Generation dahingerafft», den literarischen Leiter des Rowohlt Verlags, dessen Marketing-Geschäftsführer, eine ganze Reihe von Lektoren und als Autoren «die Crème der 68er».

 

(Der Text erschien zum ersten Mal 2008 in «100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik» unter dem Titel: «Die Ballon-Affäre. Ein Kapitel aus der ‹Protest-Chronik›».)