Jürgen Dose erzählt (1): Stadtkäfer Heinz Strunk

von

Wenn am Montag in aller Herrgottsfrühe der Wecker klingelt, bin ich meist schon hellwach und grüble darüber nach, was die neue Woche wohl bringen wird. Ob wieder alles halbwegs glattgeht, damit man am Freitag durchschnaufen und sich «Puh, das wäre wieder mal geschafft» sagen kann. Ich weiß ganz genau, irgendwann, vielleicht viele Jahre in der Zukunft, wird ein Zeitpunkt kommen, an dem man das nicht mehr so unbeschwert sagen kann und spürt, dass das der Anfang vom Ende ist und man bald den Regenschirm zuklappen muss. Aber bis es so weit ist, verstreicht hoffentlich noch ein erkleckliches Weilchen.

Wie ich so daliege, lasse ich die Woche geistig schon mal im Voraus Revue passieren: Was liegt an? Was ist wichtig, was weniger? Ich denke das so lange durch, bis sich diese Notizen an mich selbst förmlich in meinem Kopf eingebrannt haben. Um halb sieben springe ich dann guten Gewissens und ohne eine Sekunde zu zögern, aus dem Bett. Es gab mal eine Zeit, wo mir eine innere Stimme zuzuflüstern schien: «Nur noch ein kleines Weilchen, Jürgen. Bleib doch ruhig noch ein Minütchen liegen.» Doch aus einer Minute wurden schnell fünf, aus fünf zehn und so weiter, und am Ende war ich so kraft- und saftlos, dass ich am liebsten für immer liegen geblieben wäre. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Menschen gibt, die irgendwann einfach nicht mehr hochkommen und von denen man dann auch nie wieder etwas hört. In der Sprache der Immobilienwirtschaft nennt sich so etwas «zufällige Verschlechterung und zufälliger Untergang».

Es war dies zum Glück nur eine kurze Phase, die wie ein Spuk aus dem Nichts auftauchte und auch wieder dorthin verschwand. Was einen jedoch nicht in Sicherheit wiegen sollte. Denn das Motto lautet: Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur.

 

Morgens liegt der Tag vor einem wie eine endlose, gleichförmige Steppe. Damit man ihn sich untertan macht und nicht umgekehrt, gilt es, den Riesenklumpen Zeit in mundgerechte Häppchen zu unterteilen, denn in kleine Portionen und kleinste Portiönchen zerschnitten verliert selbst die größte Schwierigkeit ihren Schrecken. Zauberwort Zäsuren, zu Deutsch Unterteilungen. Beispiel: Ich habe irgendwann die morgendliche Kaffeegabe durch Tee ersetzt. Denn auch Tee ist anregend, aber keine so gewaltige Keule wie Koffein. Es gibt ja nicht wenige Zeitgenossen, die sich sozusagen am laufenden Meter eine Tasse nach der anderen in den Hals schütten und dann wundern, weshalb ihr Nervenkostüm zerrüttet ist und sie vor lauter Aufregung nicht mehr schlafen können. Aber das für mich Entscheidende: Durch die Verlegung der Kaffeestunde auf den Nachmittag habe ich eine Zäsur gesetzt. Zu den morgendlichen Zäsuren zählt, nach dem Aufstehen für ein paar Minuten das Radio einzuschalten und so Anteil an der Welt zu nehmen, als ein Zeitgenosse, der sich wie alle anderen auch für Nachrichten, Wetter oder aktuelle Verkehrsmeldungen interessiert.

Diese genannten und noch viele andere Vorkehrungen mehr nenne ich zusammengefasst lebensoptimierende Maßnahmen. Einmal, so stelle ich mir vor, kommt der Punkt, an dem alles, aber wirklich alles verbessert und geregelt ist und das Leben nahezu geräuschlos vor sich hin schnurrt. Dann ist alle Wäsche gewaschen, sind alle Einkäufe erledigt, alle Telefonate geführt und sämtliche Arzt- und Behördengänge absolviert. Zukunftsmusik.

 

Kaum habe ich das Radio ausgedreht, ruft meine Mutter nach mir, die trotz ihres Alters Ohren hat wie ein Luchs. Die Nacht schläft sie friedlich durch wie ein Marmeltier, aber sobald in der Frühe die ersten Radioklänge ertönen, ist sie von einer Sekunde zur nächsten blitzwach. Sie wartet aber wie gesagt ab, bis das Radio wieder aus ist. Eine stillschweigende Verabredung zwischen uns oder wie der Engländer sagt: ein Gentlemen’s Agreement. Solange das Radio läuft, weiß Mutter, dass ich noch für mich herumklamüsere, danach bin ich für sie und die Allgemeinheit da.

Mutter hatte vor Jahren einen schweren Unfall und ist seither bettlägerig. Um ihr einen Pflegeheimaufenthalt zu ersparen, habe ich sie zunächst bei mir aufgenommen. Was als Zwischenlösung geplant war, ist mittlerweile allerdings Dauerzustand geworden. Tja.

Begrüßen tun wir uns jeden Morgen per Handschlag. Das mag zwischen Mutter und Sohn etwas ungebräuchlich erscheinen, aber die üblichen Küsschen auf Wange oder Stirn waren uns irgendwann regelrecht zuwider. Außerdem muss ein Händedruck nicht zwangsläufig weniger herzlich oder wert sein. Ganz im Gegenteil. Denn der Kuss, den wir uns zu besonderen Anlässen geben, behält so seinen ganz einmaligen, unverwechselbaren Charakter. Merke: Ein fröhlicher Handschlag ist mehr wert als ein trauriges Küsschen!

Mutter fragt als Erstes, was es Neues gibt. Eine merkwürdige Angewohnheit, denn es gibt praktisch nie Neuigkeiten, gerade wenn man sich so oft sieht wie wir. Dann schüttele ich ihre Decke auf, für sie ein außerordentlich erfrischender Moment, da ihr Bett heißer als gewöhnliche Betten ist. Es handelt sich nämlich um ein vollelektrisches, sog. bewegtes Bett, das durch ständige Gewichts- und Schwerpunktverlagerung einem etwaigen Wundliegen vorbeugt, um es einmal einfach und für den Laien verständlich auszudrücken. Für Mutter kommt aufgrund ihrer Maleschen nämlich nur noch Rückenlage in Frage. Die einzige Abwechslung ist die Position ihrer Arme: mal starr und schnurgerade neben dem Körper, mal über der Brust gefaltet oder hinter dem Kopf verschränkt.

Mutter wurde in Pflegestufe 2 eingeordnet und hat deshalb Anspruch auf regelmäßig dreimal am Tag medizinische Versorgung, die sich die diensthabenden Schwestern Petra (Brohm) und Angela (Raubal) vom mobilen Pflegedienst Stadtkäfer aufteilen. Was dessen Chef, Herrn Engel, geritten hat, seinem Pflegedienst einen so albernen Kindergartennamen zu verleihen, würde ich nur zu gerne wissen. Die Arbeit wird jedoch stets pünktlich und zuverlässig verrichtet.

 

Herrn Engel selbst habe ich nur ein einziges Mal gesehen, am Tage der Vertragsunterzeichnung im winzigen Büro der Stadtkäfer, das sich in einem schäbigen Gewerbegebiet im Stadtteil Tonndorf befindet. In Erinnerung geblieben ist mir einzig sein verschwitzter, kalter Händedruck. Heiß und schweißig ist ja schon unangenehm, aber eisekalt und feucht, da zuckt man unwillkürlich zusammen. Insgesamt machte Herr Engel einen schmuddeligen Eindruck, besonders die Haare wirkten wie zwischen Tür und Angel geschnitten. Auffallend waren zwei Büschel, die wie Hörner aus dem Rest der «Frisur» herausstachen. So wird aus einem Engel ganz schnell ein Teufel!

Angela, die zweite Schwester im Bunde, bekomme ich so gut wie nie zu Gesicht, weil sie den Spätdienst verrichtet, da bin ich meist noch auf der Arbeit. Petra hingegen sehe ich so gut wie jeden Tag. Sie ist eine flache, platte Erscheinung, alles an ihr scheint an jeder Stelle ebenmäßig gleich zu sein und seltsam in die Länge gezogen, ganz schwer zu beschreiben ist das. Dabei ist sie nicht sonderlich groß, sie misst sicher nicht mehr als 1 Meter 65. Ich könnte aus den genannten Gründen auch überhaupt nicht abschätzen, wie viel sie wiegt und ob sie eher als dünn oder dick zu gelten hat.

 

Schlag sieben Uhr ein Schlüssel, der energisch im Schlüsselloch stochert, und einen Augenblick später fliegt die Wohnungstür in hohem Bogen auf. Schwester Petra stürmt mit dem Schlachtruf «GRÜSS, GRÜSS!» mehr die Wohnung, als dass sie sie betritt. Zeit ist eben Geld. Das spiegelt sich auch in dieser bis dato nie vernommenen Grußformel wider. «GRÜSS, GRÜSS!» scheint so viel zu bedeuten wie «LASS MICH DURCH, ICH HAB KEINE ZEIT». Es ist sozusagen der Kern des Grüßens, der absolute Gruß, wenn es so was denn gibt.

Petras Programmpunkt Nummer eins ist die Morgentoilette, während deren sie die Tür zu Mutters Zimmer fest hinter sich verschließt und ich mich diskret in die Küche zurückziehe. Es ist keineswegs so, dass ich mich vor Mutter ekele, aber ich bin doch recht froh, nicht für Belange der Körperpflege eingespannt zu werden. Außerdem kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es ihr recht wäre, wenn ihr Sohn sie der Länge nach abseift, kämmt oder ihr die paar verbliebenen Zähne putzt. Leider weigert sie sich, ein Gebiss zu tragen, mit der gebetsmühlenhaften Begründung: «Gebiss macht alt.» Ich antworte dann zum Scherz: «Schlechte Haut macht jung», weil ich selbst als erwachsener Mann gelegentlich noch mit Pickeln und Hautunreinheiten allgemein zu kämpfen habe.

 

Während der Morgentoilette kommt es oft zu erbittert ausgetragenen Wortgefechten zwischen Schwester und Pflegling, die im Wesentlichen nach ein und demselben Schema ablaufen: Mutter piesackt Petra so lange, bis der die Hutschnur hochgeht. Petra erträgt Mutters Tiraden zunächst mit stoischer Geduld. Was folgt, ist ein Drama in drei Aufzügen. Akt Numero uno: Mutter beschwert sich, dass sie ihrer Meinung nach viel zu viel essen und trinken muss. Es könne ja wohl nicht Sinn des Lebens sein, den ganzen Tag in einem laut brummenden Bett zu liegen und, wörtlich, zu fressen und zu saufen. Denn genau das ist ihrer Meinung nach ihr einziger Tagesinhalt: Der nicht enden wollende Kampf gegen die übervoll eingeschenkten Becher. Es wäre ihr wohl auch nahezu egal, wenn sie statt des ewigen Detox-Tees (basenreicher Spezialtee, unterstützt den natürlichen Stoffwechsel) appetitlich sprudelnde Limonade oder ein Fruchtsaftgemisch süffeln dürfte, es geht ihr tatsächlich um Flüssigkeit im Allgemeinen.

Neben Essen und Trinken findet sie vor allem beklagenswert, dass alles immer heißer und heller würde, wobei mir nie ganz klar geworden ist, was genau sie damit meint. Und last, but not least werden ihr angeblich nachts, während sie schläft, regelmäßig innere Organe entnommen. So zetert sie in einem fort, während die Schwester stumm und ergeben die Tiraden über sich ergehen lässt.

Dann zieht Mutter das nächste Register. Akt Numero zwei: Sie behauptet, die Pflegekraft würde extra brutal mit ihr umspringen. Was nicht stimmt, vielmehr ist Mutter seit ihrem Unfall empfindlich wie ein Neugeborenes. Jede Bewegung und Berührung schmerzt, und sie hat starke Blaufleckenneigung. Mutter keift mit schriller Stimme, Petra soll nicht so doll machen, dies nicht tun und jenes nicht. Noch weiß sich die Pflegekraft zu beherrschen und ihrer Arbeit sachlich und fachlich nachzugehen. Bis sich Akt Numero drei anbahnt, und der heißt: persönliche Beleidigungen. Sie unterstellt der Schwester beispielsweise, dass sie kein Mensch sei, sondern ein Teufel. Oder gleich der Teufel höchstpersönlich.

«SCHWESTER PETRA, SIND SIE EIGENTLICH EIN MENSCH ODER DER TEUFEL? ICH WILL IHNEN MAL SAGEN, WAS ICH GLAUBE: SIE SIND DER TEUFEL HÖCHSTPERSÖNLICH. ERST WERDE ICH VON IHNEN GEMÄSTET, UND WENN ICH ENDLICH FETT GENUG BIN, SCHLACHTEN SIE MICH WIE EIN SCHWEIN.»

Dabei ist Mutter das ganze Gegenteil von dick, nämlich durchsichtig wie ein Gespenst und leicht wie eine Feder. Weil die Knochen nicht mehr richtig zusammengewachsen sind, hat sie gut und gerne fünf Zentimeter an Größe verloren. Heißt, dass sie nur noch 1,49 misst und vielleicht 35 Kilo wiegt.

«GEBEN SIE ES ENDLICH ZU: SIE SIND DER TEUFEL UND WOLLEN MICH UMBRINGEN.»

Das ist regelmäßig der Punkt, an dem bei Schwester Petra die Gäule durchgehen und sie zurückbrüllt, welche Unverfrorenheit Mutter besitzt, ihr solche Dinge an den Kopp zu schmeißen. Das Gekeife, das nun folgt, steigt bei sich überschlagenden Stimmen bis hinauf in höchste Höhen. Unwahrscheinlich, was aus so einem papierdünnen Persönchen wie Mutter alles herauskommt. Sie kann viel lauter schreien als Petra. Aber verwunderlich ist das nicht, denn Neugeborene und Kleinkinder brüllen ja auch ohrenbetäubend laut. Das hat die Natur so eingerichtet, weil die Stimmbänder die einzigen Waffen von hilflosen Personen sind, mit ihren dünnen Ärmchen und Beinchen können sie sich ja wohl schlecht gegen Erwachsenenkraft durchsetzen. Ganz am Ende droht Petra regelmäßig damit, den Pflegevertrag zu kündigen, was aber wohl in den Bereich «leere Drohung» fallen dürfte. Zum einen kann nur Herr Engel den Vertrag kündigen, und zum anderen lebt Petra auch und gerade von so schwierigen Zeitgenossen wie Mutter. Man kann sich eben nicht immer alles aussuchen. Während Mutter weiterzetert, kommt Petra mit hochrotem Kopf in die Küche marschiert, um Frühstück zu bereiten. Morgens sind das zwei Scheiben Toast mit dünn Butter und Scheiblettenkäse. Dazu füllt sie die Becher neu auf. Das mittägliche Essen auf Rädern wird gegen 14 Uhr vom Bringdienst Appetito Spezial angeliefert.

 

Mit mir redet Schwester Petra eigentlich nur über das Thema Besorgungen, privat wird so gut wie kein Wort gewechselt. Wenn ich mal wieder etwas vergessen habe, ist regelmäßig High Life in Tüten angesagt, sie nutzt dann die Gelegenheit, um ihre durch Mutters Breitseiten angestaute Wut an mir auszulassen. Ich wiederum knöpfe mir meine alten Stofftiere aus der Kinderzeit vor. Die Tiere habe ich in meinem Zimmer so drapiert, dass sie Spalier stehen und mich mit ihren lieben Gesichtern freundlich und aufmunternd anschauen. Sobald ich den Raum betrete, wird die Parade abgenommen, und ich freue mich jedes Mal von neuem auf sie und ihre unkomplizierte Art. Nach einer von Petras Attacken teile ich allerdings selber aus. Es ist wie ein Wutkreislauf, der nie unterbrochen wird. Zum Glück sind es nur Stofftiere, aber leid tun sie einem doch, vor allem das allerälteste Tier, Bautzi, ein hoffnungslos zerrupfter Dackel. Dann gibt es noch einen Elch ohne Namen, eine Giraffe und einen Tiger, ebenfalls beide namenlos. Seltsam, ich hatte nun wahrlich genug Zeit, alle Tiere zu taufen, aber irgendwann war es zu spät, und nun habe ich keine Lust mehr.

 

Wenn Schwester Petra nach einer Dreiviertelstunde schließlich mit hängenden Schultern und glasigem Blick einen Kopf kleiner von dannen zieht, vermag man sich kaum noch vorzustellen, wie sie vorhin heftig schnaubend und «GRÜSS, GRÜSS!» schmetternd hereingestürmt kam wie die Kavallerie. Erstaunlich, wie Mutter es immer wieder schafft, die robuste Pflegekraft in die Knie zu zwingen. Sie könnte, denke ich, auch einen ausgewachsenen Mann spielend erledigen. Ich stelle mir manchmal vor, wie Schwester Petra von Patient zu Patient eilt und jeweils noch und noch einen Kopf kleiner gemacht wird. Am Abend ist sie dann auf Däumlingsgröße geschrumpft und muss in der Nacht wieder auf Normalmaß wachsen. Wo Mutter, so klein und mickrig sie auch ist, trotz körperlicher und seelischer Defekte diese Energie herzaubert, ist und bleibt ein Riesenrätsel. Sie scheint jederzeit zu Dingen fähig, die ihr niemand zugetraut hätte.

 

Erst wenn die Schwester gegangen ist, nehme ich eine erste Kleinigkeit zu mir. Aber nur Nahrungsmittel, die Magen und Verdauungssystem nicht über Gebühr belasten. Eine Schüssel Obstsalat spendet schnelle Energie, die auch vom Körper rasch umgewandelt werden kann. Außerdem gehöre ich zu den Menschen, die der Meinung sind, dass Mahlzeiten nicht vom Himmel fallen, sondern erst verdient werden müssen. Nichts geleistet haben, aber sich die Wampe bin obenhin vollstopfen, das ist ja wohl nicht Sinn der Sache! Ich verabschiede mich per Handschlag von Mutter und hänge, bevor ich zur Arbeit gehe, noch den Besteckkasten an den Ventilator, damit sie nicht so alleine ist. Die lauten Geräusche sind für sie wie Besuch, hat sie mal gesagt.

 

© Dennis Dirksen (Autorenfoto)