Ich bin der Nachfolger von Maxim Biller Tex Rubinowitz

von

 

Ich sitze mit Maxim Biller in einem sehr großen Flugzeug, es ist vollkommen leer. Biller hat panische Flugangst, er meint, dass das Flugzeug so leer sei, mache es nicht besser, im Gegenteil, in der Gruppe stirbt es sich leichter. Er krallt sich in meinem Arm fest wie ein Oktopus, wenn der statt Saugnäpfen Krallen hätte, und ich denke, er will mir weh tun, damit ich für ihn als Stellvertreter sterbe. Der Flug rumpelt, und Biller krallt immer mehr, wir sausen auf eine mittelalterliche Stadt zu, ich sage, schau, Herr Biller, gleich landen wir, das Flugzeug rutscht einfach so lange, bis es steht. Er antwortet verzweifelt, nein, das kann nicht sein, durch die Reibung wird das Flugzeug zu glühen anfangen, und wir verschmoren wie in einem Backofen, wir rutschen durch die mittelalterliche Stadt, ein Eselskarren weicht uns aus, der Esel scheut, Millionen Melonen kollern von der Ladefläche, das Flugzeug bleibt in einem Torbogen stecken. Biller neben mir ist tot, ich zupfe seine leichenstarren Krallen aus meinem Arm wie Kaktusstacheln.

Als ich aufwache, ist das Erste, was ich mache, im Internet zu schauen, wie es Maxim Biller geht, und was lese ich? Er verlässt das Literarische Quartett. Hm, sollte mein Traum ein verklausulierter Hinweis auf seinen Entschluss gewesen sein? Eine Sendung, die von niemandem gesehen wird (leeres Flugzeug), so wie das Duschgelcamp (heißt wirklich so, der Fehler im Namen ist nur ein Distinkionstest für die Auskenner) und die Darts-WM? Man weiß, dass da etwas unter diesen Bezeichnungen läuft, aber davon, was da genau passiert, hat eigentlich keiner eine Vorstellung. Irgendwas mit Büchern (beziehungsweise mit Würmern und mit Wurfpfeilen), vielleicht ist das ja alles auch nur eine einzige Sendung mit wechselnden Namen, eine Art Platzhalter für etwas Kommendes, ganz Großes. Nur was?

Das Telefon klingelt, es ist Volker Weidermann, der mich fragt, ob ich nicht Lust hätte, Maxim Biller in der Sendung zu ersetzen, ich hätte davon doch sicher in der Zeitung gelesen. Ich sage, ich wäre doch nicht geeignet, ich leide nämlich unter funktionalem Analphabetismus, das heißt, ich kann zwar lesen, habe aber Schwierigkeiten, Zusammenhänge zu erfassen. Das sei egal, sagt er, bei seiner Sendung handle es sich ohnehin nur um eine Simulation. Ich müsse nur so tun, als hätte ich die Bücher gelesen, die sie dort «durchnehmen», ich müsse nur immer gegen alles sein, und meine mitgebrachten Bücher könnten auch vollkommen unbekannt oder sogar erfundene sein, kein Mensch würde das mitkriegen, man befülle nur ein Vakuum mit einem weiteren Vakuum in einem noch größeren Vakuum eines Auslaufmodells namens Fernsehen. Und Bücher? Wer lese denn überhaupt noch Bücher? Ob ich allen Ernstes glaubte, dass Buchkritik außerhalb der Kundenrezensionen von Amazon noch irgendeine «Katze hinterm Ofen hervorlocken» könne (seine Worte)?

Aber warum er denn die Sendung nicht gleich aufgeben könne, frage ich. Ach, Herr Rubinowitz, sagt er, wir seien doch alle menschliche Algorithmen in einem kulturellen Bezugssystem, das sei doch auch der einzige Grund gewesen, warum Biller das gemacht habe, er habe eben geglaubt, er könne seine Bücher mit uns besser verkaufen, sie müssten nicht mal vorkommen, und nun hat er gemerkt, sie verkaufen sich trotzdem nicht. Jetzt wolle er eine andere Taktik probieren. Welche, frage ich.  Na ja, sagt Weidermann, Biller habe jetzt den Flugschein gemacht, fliege die «ganz dicken Brummer». Panisch frage ich ihn, ob es sein könne, dass wir in exakt diesem Moment in einem von Billers «ganz dicken Brummern» säßen. Weidermann lacht. Ja, sagt er, ob ich das nicht witzig fände, dass der Flieger komplett leer sei? Ich kralle mich panisch in seinen Arm, während die Maschine auf die Erde zurast, genauer gesagt auf das Gelände der Leipziger Buchmesse, Weidermann sagt immer noch lachend: Seien Sie unbesorgt, nicht wir rasen auf die Erde zu, sondern die Erde auf uns, und er fragt, ob ich den Job denn jetzt annähme, die Nachfolge von Biller, ob ich mich entschlossen hätte, und ob ich bitte mal seinen Arm loslassen könne? Ich sage: Ja, ich mache es. Und am Tag als wir die erste Sendung aufnehmen wollen, im Berliner Ensemble, wir sind verkabelt und gerade aus der Maske gekommen, mein Buch ist «Der Donnerclown» des vollkommen unbekannten südafrikanischen Autors Boubou Schroeder, verkündet Weidermann:

So liebe Freunde, das war’s mit dem Quartett. Es hat mich sehr gefreut, dieses ehrwürdige Format wiederbeleben zu dürfen, es hat leider nicht geklappt, die Schuhe waren einfach zu groß, und die Zeit ist eine andere. Wir verteilen jetzt Wurfpfeile an alle, und unser neues Quartettmitglied, der liebe Tex Rubinowitz hier, der ist die Zielscheibe. Wer sein Auge trifft, gewinnt das neuste Buch von Boubou Schroeder, von dem ich, ehrlich gesagt, noch nie etwas gehört habe.

Schreiend wache ich auf.