Gelobt sei die Blasphemie? Marc Trévidic

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Blasphemie! Ein Wort, als wäre es den Tiefen der Zeit entstiegen. Aus seiner Gruft kommt es gekrochen wie ein verstaubter Vampir, im Schlepptau längst vergessene Ängste, blasse Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit, die es nie gegeben zu haben schien. Indes – es gab sie. Es gab düstere Epochen mit Scheiterhaufen, auf denen Häretiker brannten, gab Blutnächte und Köpfe, die im Namen Gottes rollten. Und jeglicher Frevel wurde mit einem Opfer gesühnt. Die Gläubigen brachten Gott Lämmer und Schafe dar, Vögel, Säuglinge und Jungfrauen, um seinen Zorn zu stillen. Sie glaubten im Ernst, Gott könne sich durch ihre jämmerlichen Machenschaften hienieden beleidigt fühlen. Schlimmer noch, sie waren überzeugt, dass Gott vor allem das Blut Unschuldiger schätzte. Besonders jenes von Jungfrauen.

Aus jenem reichen Glaubensfundus wird heute gern wieder geschöpft, um die Märtyrer des Islamischen Staats zu belohnen. Und jene fahren, zweifellos in respektvoller Wahrung der Tradition, darin fort, Gott das Blut Unschuldiger zum Opfer zu bringen.

Seien wir ehrlich: Es gab Zeiten, da waren wir genauso fanatisch wie die, auf die wir heute mit dem Finger zeigen. Aber wir haben uns weiterentwickelt: Wir töten nur noch aus rationellen und bezifferbaren Gründen, während die islamistischen Terroristen im Leben wie im Sterben dem Irrationalen verhaftet sind. Sie geben ihr Leben, um andere zu töten. Doch vom Prinzip her ist es löblicher, das eigene Leben zu geben, um ein anderes zu retten. Wäre somit nicht bewiesen, dass sie in allem genau das Falsche tun?

Die Absurdität ihres Handelns verstört uns somit zu Recht!

Doch nicht ganz: Dass Dschihadisten im Irak oder in Syrien kämpfen, um ein Gebiet einzunehmen oder zu verteidigen, auf dem sie ein Kalifat errichten wollen, bleibt im Bereich des Altvertrauten und nur allzu Bekannten. Wie viele Leute sind seit Anbeginn der Menschheit nicht schon für ein Stück Land gestorben? Aber dass man wegen einer vermeintlichen Gotteslästerung tötet oder stirbt, wegen ein paar Zeilen oder ein paar gezeichneten Strichen, ist wahrhaft rätselhaft und, offen gesagt, alles andere als zeitgemäß.

Der bloße Gedanke, Gott oder der letzte seiner Propheten könne sich durch eine Zeichnung beleidigt fühlen, mutet seltsam an. Dass Folter, Massaker, Vergewaltigung, atomare Katastrophen oder auch die Klimaerwärmung Gottes Missfallen erregen könnten, wäre noch nachvollziehbar, zumal wenn diese Untaten explizit in seinem Namen begangen werden. Immerhin ist die Erde mit allen Lebewesen ja Gottes Schöpfung, und gut möglich, dass er es als persönliche Beleidigung auffasst, was so manche Menschen damit anstellen. Doch dass ihn eine Karikatur erzürnt, ist überaus fraglich. Sehr viel wahrscheinlicher ist doch, dass der Blasphemie-Hype ihn nicht im mindesten tangiert.

Lange vor der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch die dänische Zeitung Jyllands-Posten – und später dann durch Charlie Hebdo – wurde die Blasphemie-Keule nach Jahren der Unaufgeregtheit schon einmal geschwungen: wegen vermeintlicher Verunglimpfung von Jesus Christus. Zahlreiche Filmemacher waren zu Recht der Meinung, dass Christi Leben Stoff ohne Ende für die Leinwand bot. 1979 schlug «Das Leben des Brian» von Monty Python ein wie eine Bombe auf dem Berg Golgatha; Martin Scorsese folgte 1988 mit «Die letzte Versuchung Christi» nach. Im Jahr zuvor  hatte Andres Serrano bereits ein kleines in Urin versenktes Plastikkruzifix fotografiert. Die künstlerische Aussage dieses «Piss Christ» titulierten Werks deckt sich so ziemlich mit jener von George Grosz‘ Skandalgemälde aus dem Jahr 1928, dem «Christus am Kreuz mit Gasmaske».

Dieser «Christus am Kreuz mit Gasmaske» verhält sich zu Jesus Christus nicht anders als Kurt Westergaards Karikatur in Jyllands-Posten zum Propheten Mohammed. Letzteren mit einer Bombe unterm Turban zu zeichnen, hat zum Ziel, den Irrsinn der Menschen anzuprangern, die in seinem Namen töten – und aus ebendem Grund trägt der Jesus aus dem Jahr 1928 eine Gasmaske.

Ist Jesus Christus am Ende vielleicht weniger empfindlich als Mohammed? Man darf annehmen, dass Jesus, von den jüdischen Behörden Jerusalems wegen Blasphemie angeklagt, wohl eher Sympathie für jene aufbringt, die desselben Vergehens bezichtigt werden. Aus der Warte eines Gekreuzigten dürften eine Zeichnung, ein Film oder ein Kinoplakat zudem als das allemal geringere Übel erscheinen. Und nehmen wir im schlimmsten Falle an, er hätte sich doch beleidigt gefühlt, so hat immerhin er uns das Vaterunser gelehrt: «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.»

Zurück zum Propheten Mohammed. Dieser hat die schlimmste Kränkung überhaupt durch Muslime erfahren: durch den Nachfolgekrieg, der nach seinem Ableben entbrannte und bis in die Gegenwart anhält. Dass hier und da mal ein Zeichner jene ins Lächerliche zieht, die seine Lehre missbrauchen, dürfte ihm wohl kaum missfallen; allenfalls lässt es ihn kalt.

Schön und gut, aber wenn es unmöglich ist, Gott, dessen Geduld schier grenzenlos scheint, oder auch nur seine Propheten, die hoch über alldem stehen, in Wort oder Bild zu beleidigen , dann verliert der Begriff der Blasphemie seinen Biss. Die vermeintliche Gotteslästerung läuft dann darauf hinaus, mehr oder weniger empfindsame Zeitgenossen zu verärgern. Wird zu einer rein zwischenmenschlichen Angelegenheit. Unter diesen Umständen ist es ziemlich wahrscheinlich, dass jeder jemandes Lästerer ist und somit jeder der Lästerer eines Lästerers, was uns in letzter Konsequenz dahin bringt, dass wir uns gegenseitig umbringen. Da das schon so lange geht, wie die Menschheit besteht, gibt es nur einen Weg, da herauszukommen: den Tatbestand der Blasphemie abzuschaffen.

Aber aufgepasst, dass man nicht bloß eine jahrhundertealte religiös gefärbte Blasphemie durch eine laizistische Blasphemie à la française ersetzt! Denn die Versuchung ist groß, wie das Burkini-Intermezzo vom vergangenen Sommer zeigt. Seine Religionszugehörigkeit durch sein Outfit zu erkennen zu geben, wäre dann schon ein Akt der Blasphemie gegen die Gesetze der Republik. Manche Politiker wedeln bereits mit einem Gesetzesentwurf. Das wäre das Aus für Schleier und Kamis, für Burkini, Kippa und Kreuz. Selbst wenn das Land, das einen Georges Brassens hervorgebracht hat, es traditionell mehr mit nackten Tatsachen als mit vollverschleierten Wahrheiten hält, wäre es doch wünschenswert, nicht die eine Blasphemie durch die andere zu ersetzen. Man will ja zwischendurch auch noch mal Atem holen.

Ja, aber … wo bleibt dann die öffentliche Ordnung?

Ach ja! Das berühmte Risiko einer Störung der öffentlichen Ordnung, das Totschlagargument kranker Gesellschaften, deren Bürger einander auf den Geist gehen: die Erregung öffentlichen Ärgernisses, die in der Republik für alles und jedes herhalten muss, diese Tyrannei der Mehrheit, von Alexis de Tocqueville schon vor langem vorhergesagt! Es gehört alles, was uns stört, verboten, vor allem, wenn die Störenfriede es genau darauf abgesehen haben!

Die Anklageschrift, die die Vertreter der jüdischen Gemeinde Jerusalems einst Pontius Pilatus überreichten, lautete auf Blasphemie: Jesus hatte Gott gelästert, deshalb sollte er sterben. Aber Pilatus war das herzlich egal. Ihn kümmerte allein das römische Recht. Und so verurteilte er Jesus zum Tod – wegen Störung der öffentlichen Ordnung.

 

Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe