Der Tod ist auch nur eine arme Sau Tobias Geigenmüller

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«Es ist ein echter Knochenjob», seufzt der Sensenmann und schaut aus seinen leeren Augenhöhlen hinaus aufs weite Meer. «Die Zeiten werden wirklich immer schnellsterbiger.»

In seinem schwarzen Gewand wirkt der Tod in diesem Strandkorb an der Rügener Ostseeküste eher wie eine Halluzination als eine Bedrohung. Klapprig. Ausgemergelt. Nur noch ein Schatten seiner selbst.

«Für mich gibt es lediglich eine allerletzte Motivation. Jemanden, den ich unbedingt unter die Erde bringen muss, bevor ich mich zur Ruhe setze.» Nachdenklich schüttelt der Tod den Totenkopf.

«Dieser verdammte Mistkerl!»

Mit Blick zum Boden richtet der Gevatter seine Spitzkapuze, sodass sein Schädel nun beinahe vollkommen darunter verschwindet. Es lässt sich nur erahnen, dass dem Sensenmann die Strapazen des vergangenen Jahres noch immer in den Rest seines Gesichts geschrieben stehen.

«Allerdings wurde mir der Stress irgendwann einfach zu viel», fährt der Gevatter mit zittriger Stimme fort. «2016 sind ja mehr oder weniger sämtliche Prominente gestorben.» Nervös streicht der Tod sein schwarzes Handtuch mit den Fingerknochen glatt.

«David Bowie, Prince, Muhammad Ali, Bud Spencer, Leonard Cohen, Fidel Castro – selbst Achim Mentzel ist tot.»

Der Tod massiert sich die Schläfen.

«Noch dazu muss man jede Minute damit rechnen, dass Keith Richards stirbt.»

Hektisch tastet der Sensenmann seine Brusttasche ab. Er zieht eine zerbeulte Schachtel heraus und schiebt sich eine seiner Zigaretten in den Mund.

«Früher – früher war jeder Star für mich noch ein echtes Spektakel. Aber Michael Jackson und Amy Winehouse waren einfach noch ein anderer Schlag. Damals hat man beim Ableben noch Rücksicht genommen. Und heute? Heute sterben die Promis sogar zur Weihnachtszeit.»

Es knistert, als der Tod an seiner Zigarette zieht.

«Mit George Michael kam bei mir der Zusammenbruch. Da war Sense. Ich war so erschöpft, dass ich nicht mal mehr einer Fliege was zuleide tun konnte. Und dann stand ich da. Völlig verzweifelt. Mit der Fliegenklatsche in der Hand. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich Hilfe brauche.»

Der Tod nimmt einen weiteren tiefen Zug.

«Wahrscheinlich würde ich pausenlos nur weinen. Aber wo keine Augen sind, können auch keine Tränen sein. Ich meine: Der Stress ist ja nicht alles. Dazu kommt das Mobbing. Als Tod fühlt man sich einfach nirgendwo willkommen. Es ist nicht gerade leicht, sich unter diesen Umständen mit seinem Job zu identifizieren. Man kriegt kaum mal ein Lob.»

Der Sensenmann bläst den Rauch aus, erhebt sich mit einem Ächzen und greift seine Sense.

«Aber die Gespräche hier helfen mir. Und die Musikstunden gefallen mir auch. Nur neulich hat mal jemand nicht mitgedacht und David Bowie gespielt. Da kam gleich alles wieder hoch.»

Bei aller Traurigkeit könnte man für einen Moment fast meinen, der Tod hätte geschmunzelt. Aber das ist wohl nur die Verlegenheit.

«Zum Glück ist dieses Jahr ruhiger. Bisher ist mehr oder weniger nur Chuck Berry gestorben – ach ja, und Chris Cornell, der Sänger von Soundgarden. Und wie gesagt: Eigentlich hätte ich ja längst aufgehört. Wenn da nicht dieser Hundesohn wäre, den ich nun schon seit vierzig Jahren jage. Vierzig verdammte Jahre! Es ist fast so, als würde sich der Typ über mich lustig machen. Aber irgendwann krieg ich sie alle. Jedenfalls werde ich nicht in Rente gehen, bevor ich nicht auch diesen Mistkerl endlich zur Strecke gebracht habe.»

Der Sensenmann seufzt. Hinter ihm ist in der Ferne ein Schild zu sehen. Darauf steht in großen Lettern REHAKLINIK. Vermutlich hätte der Tod nie gedacht, dass es ihm einmal schwerfallen würde, mit dem Leben klarzukommen. Doch kurz – ganz kurz – leuchtet ein rotes Glühen in seinen Augenhöhlen auf und eine seltsame Kälte breitet sich aus.

«Diesen einen mache ich noch. Muss ich einfach. Denn es gibt einen Satz, den ich niemals, wirklich niemals wieder hören möchte: Elvis lebt