02.03.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ziehen (1)


Wenn ich ein Spatz wäre, würde ich vermutlich nicht Sätze bilden, die mit <em>Wenn ich ein Spatz wäre</em> beginnen. Was würde ich stattdessen machen? Was fällt einem zu Spatzen ein? Ah, ja, Spatzen nehmen gerne ein Sandbad, o.k., ein Sandbad hab ich auch schon genommen, in Beppu war das, einem südjapanischen Badeort. Man wird in geothermisch aufgewärmtem Sand eingegraben und kann sich dann nicht mehr rühren, aber im Gegensatz zu den Spatzen, für die das Bad im Sand eine hygienische Funktion hat, Parasiten werden sozusagen abgestaubt, hatte mein Sandbad keine Funktion, nicht mal eine entspannende, weil ich nur verkrampft war. Wie schaufelt mich jetzt die Japanerin ein, macht es ihr Freude, mir einen schweren Klumpen Sand auf den Unterleib zu schaufeln, was soll das hier alles, warum kann ich nicht lesen, wohin soll ich schauen? Sandbadende liegen in Beppu nebeneinander wie lebende Leichen, wie eingebackene Mumien, ihre Uhren ticken noch. Spatzen haben keine Uhren, auch deswegen macht ihnen, im Gegensatz zu mir, so ein Sandbad augenscheinlich Spaß.

Spatzen sind Standvögel, das ist ein schönes Wort, hab ich mal gelesen in einem Buch namens «Ein Spatz namens Irma». Ein Standvogel ist das Gegenteil von einem Zugvogel, irgendwann wird ihnen wohl die lange Reise zu mühsam geworden sein: Wozu die Vorbereitung, die Orientierung aufs unsichere Ziel? Bleiben wir hier, senken wir unsere Körpertemperatur und unsere Aktivitäten im Winter etwas runter, baden vielleicht im Schnee, dem Sand des Winters, irgendwie geht’s ja hier auch; wo Menschen sind, gibt’s Krümel, die vom Tisch fallen, das ist in Afrika gar nicht mal so gesichert.

Und auch wenn mein Badeverhalten nicht dem der Spatzen gleicht, ich eiskaltes Wasser dem Sand vorziehe (wie einer der «Waterproof Sparrows», die Band, in der Steve Peregrin Took trommelte, bevor er an einer Cocktailkirsche erstickte), werde ich immer mehr zum Standmenschen, früher gerne verreist, heute nur noch ungern, das <em>Wohin</em> würde mir ja noch einfallen, komische Ziele gibt’s genug, aber das <em>Wozu</em> wird immer blasser. Mich interessiert nichts mehr. Wenn ich hier schon nicht glücklich sein kann, wodurch soll das in der Fremde erreicht werden? Ich kann nicht sagen, ob Spatzen unglücklich sind, so sehen sie eigentlich nicht aus, man stellt sich einen unglücklichen Vogel eher vor wie einen Marabu, so zerrupft steht der herum, fassungslos, unfroh, im Zoo, in der Freiheit hätte er vermutlich keine Überlebenschance mehr, das ist Unglück. Aber die Spatzen machen einen Radau, wenn sie sich mal wo versammelt haben, sie kommen mir eigentlich immer gutgelaunt vor, gerade so, als seien sie von sich selbst betrunken, nein, nicht betrunken, beschwipst, Spatzen sind beschwipst. Ich hab mal im Zoo eine Mutter mit ihrem Kind gesehen, das Kind fragte vorm Marabukabuff: «Mama, was ist das für ein Vogel?» Die Mutter raunte nur, fast so, als könne es den Vogel verletzen, wenn er mithöre: «Komm weg von dem, der ist hässlich.»

Zum Spatz würde dem Kind vermutlich gar nichts einfallen, er ist und war einfach immer da und wird es immer sein. Er ist ein Teil von uns geworden, die gefiederte Anti-Miesepeter-Liga, ohne Spatzen wären wir Marabus und in unserem angestammten Habitat längst ausgestorben, man müsste uns künstlich am Leben erhalten in Zoos. So wie die Sprache das Denken formt, formt uns auch die Umgebung und mit wem wir es zu tun haben. Ward je ein Spatz im Zoo gesehen? Ja, er geht freiwillig hinein, um etwa im Gnudung nach Brauchbarem zu stochern. Gutes Wort, Gnudung, der beschwipste Standvogel knietief im Gnudung. Er kann sich's eben aussuchen, sein sprichwörtliches Spatzenhirn scheint wohl doch nicht so unterentwickelt zu sein, er kann wählen, er kann sich anpassen, vielleicht zog er mal, aber jetzt zieht er es eben vor, zu bleiben, zu stehen, der alte Standvogel.


weitere Neuigkeiten


08.06.2018 von Klein, Georg in Kunststoff

Wer pfeift da eigentlich? Über die «provokant nonverbale», musikhafte Kunstfertigkeit des Pfeifens   weiterlesen

03.05.2018 von Klein, Georg in Kunststoff

Ein Rätsel, eine Spurensuche, eine Annäherung: Wo das Bewusstsein wirklich zu Hause ist   weiterlesen

03.05.2018 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Was es heißt, für die Cartoonistin Roz Chast zu lettern. Und was das mit Udo (Jürgens, nicht Lindenberg) zu tun hat   weiterlesen

06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Nicht bloß der einzelne Mensch, sondern auch die Prothesen, die ihm die Kultur für seinen Körper baut, ziehen eine bogenförmige Bahn durch die Zeit.   weiterlesen

06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Vom Kaffee weiß man, dass er munter macht. Tee hingegen beruhigt angeblich. Früher, als man das gemahlene Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss, weil Filter noch nicht erfunden waren,   weiterlesen

02.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich hab mal einen Hecht gefangen, mit einer Angel, keiner richtigen, es war nur ein schnöder Stock mit einer Schnur, einem Korken als Schwimmer und am Haken ein Regenwurm, den ich, nachdem ich den Hecht hatte, wieder freiließ, das war in Finnland, das ist keine Kunst. Wenn man geschickt ist, könnte man die Fische auch mit der Hand fangen, ich kann ...   weiterlesen

18.10.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Als ich klein war, war mein Vater nicht da, das heißt, er war zwar bei uns, physisch anwesend, aber der Vater war ja gelähmt, hüftaufwärts, also seine Beine waren da, aber die wussten nicht, was sie tun sollten, konnten ja nicht so einfach weggehen, sie bekamen ja keine Befehle «von oben». Es gab einen Onkel Werner, das war mein Ziehvater, ...   weiterlesen

28.04.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich stehe vor einer Flügeltür. Auf dem linken Flügel steht Ziehen, auf dem rechten auch. Ich nehme an, auf der anderen Seite der Türen steht zweimal Drücken; andererseits, die Vorstellung von einer Welt oder auch nur von einem Türproduzenten, dessen Drücken-Schilder schon lange aufgebraucht sind oder der noch nie welche besessen hat und der, weil ...   weiterlesen

15.03.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Auf der einen Seite der Tür steht Drücken, auf der anderen Ziehen, oder es steht auf zwei Flügeltüren, die sich eben auf unterschiedliche Art öffnen lassen, damit die von innen und die von außen Kommenden Wahlfreiheit haben, es gibt hier aber keine verbindliche Regel, welche Seite wofür vorgesehen ist. Drückt oder zieht ein Rechtshänder eher die ...   weiterlesen

10.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Von den vier Elementen, aus denen alles in unserer Welt bekanntlich zusammengesetzt ist, verstehen sich drei, die Erde, das Wasser und das Feuer, wie von selbst. Der graue Stein wiegt schwer, bevor wir ihn fallen lassen und auf dem Grund aufschlagen hören. Die Wärme und der Geruch des brennenden Holzes strömen uns, umfangen von Licht, entgegen. Das ...   weiterlesen

09.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Nicht mehr als ein, zwei haltlose Sekunden schwankt die Zeitgewissheit unseres Bewusstseins, wenn wir aus einem Traum erwachen, der in den Kulissen unseres einstigen Jungseins spielte. Dabei war eben noch trügerisch getreu, was uns als Daseinsraum vorgegaukelt wurde. Alle Farben, mit denen die Fassaden gestrichen, die Autos lackiert und unsere ...   weiterlesen

08.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Wenn es einen Wettstreit zwischen den Künsten gibt, dann konkurrieren sie auch darin, den Kuss in ein Bild zu bannen. Und ausgerechnet die jüngste scheint, allein schon durch die schiere Fülle der Exempel, die sie uns schenkt, unbestreitbar die Siegerin zu sein. Auf der Leinwand der Kinos und im Glas unserer Leuchtschirme, in Schwarzweiß und in ...   weiterlesen

07.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Auftritt Sonne! Und es bleibt nicht bei Eins und Zwei. Auch nach dem Erklingen der restlichen Ziffern, nach Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht und Neun, wird das Erscheinen unseres Zentralgestirns mit unverändert wuchtigem Ernst beschworen. Es ist, als gelte ein eigenes Sonnenpathos, seriell und statisch, dröhnend und leer zugleich. Nichts am ...   weiterlesen

06.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Ein wunderlicher Ratschlag! Zumindest ein Rat, der sich, hört man ihn gesungen oder gesprochen, nicht von selbst versteht. Wenn ich, semantisch-pedantisch, die verwendeten Verben ins Auge fasse, scheint es auf eine hintersinnig zwiefache Weise um Besitz zu gehen: Angst haben und/oder einen Swimming-Pool sein Eigen nennen. Wobei die Angst vor der ...   weiterlesen