05.12.2016 von Moyes, Jojo in Im Gespräch

«Schriftsteller wie Elena Ferrante – und ich – schulden Ihnen nichts außer unseren Büchern»


Ein Enthüllungsjournalist, Claudio Gatti, behauptet, die Autorin der millionenfach verkauften neapolitanischen Romanserie – die mit Meine geniale Freundin beginnt – über ihre Finanzunterlagen als eine Übersetzerin aus Rom und Tochter einer Holocaust-Überlebenden identifiziert zu haben. Seine Enthüllungsstory listet Immobilien auf, die sie gekauft hat, einschließlich Adressen. Und sie deutet mehr als einmal an, dass ihre Bücher teilweise von ihrem Ehemann geschrieben worden sein könnten.


Es überrascht mich, wie wütend mich Ferrantes «Demaskierung» macht. Und damit stehe ich nicht allein da – auf den Artikel folgte eine Welle der Kritik. Leser hinterfragten die Bloßstellung einer Frau, die niemals in der Öffentlichkeit hatte stehen wollen, und die möglichen Konsequenzen für ihre Zukunft. Einige vermuten, dass sie womöglich nie wieder schreiben wird.


Ferrante hat sich ja sogar zu ihren Gründen geäußert, unsichtbar bleiben zu wollen. Sie wolle ihre Arbeit für sich selbst sprechen lassen, hat sie Journalisten in ihren wenigen (E-Mail-)Interviews mitgeteilt. «Ich habe mein Privatleben, und soweit es mein öffentliches Leben betrifft, werde ich vollständig durch meine Bücher repräsentiert. (…) Dank dieser Entscheidung, habe ich einen Bereich für mich selbst erhalten, einen freien Bereich … Ihn aufzugeben, wäre sehr schmerzlich.»


Doch die Aussicht auf diesen Schmerz – oder auch die Möglichkeit, dass Ferrante andere Gründe haben könnte, um ihre Privatheit zu wahren – reichte nicht aus, um Gatti zu stoppen. Seine Rechtfertigung klingt folgendermaßen: Ferrantes Erfolg habe die Enttarnung «unumgänglich» gemacht; indem sie eine falsche Biographie verbreitete, habe sie nicht nur das öffentliche Interesse an ihrer Identität gefördert, sondern «Journalisten dazu herausgefordert, die Lügen aufzudecken». Sie hat es, anders ausgedrückt, selbst gewollt.


Wie viel von sich selbst schuldet ein Autor seinem Publikum? Heute ein Schriftsteller zu sein, bedeutet im Allgemeinen zu akzeptieren, dass man zusammen mit seinem Manuskript einen Teil seiner selbst hergibt, ganz besonders gilt das für Autorinnen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft man mich vor einer Buchveröffentlichung um einen begleitenden Beitrag gebeten hat, um mir dann zu erklären: «Wir wollten eigentlich etwas Persönlicheres.» (Ganz oben auf dem Treppchen steht für mich die Bitte um einen Text «über Ihr Sexleben – was für Sie eine tolle Nacht ausmacht, wie Sie sich vorbereiten, was Sie tragen würden, Musik, Stellungen …» Ich möchte noch immer sehr gerne wissen, wie viele männliche Autoren so etwas schon gefragt worden sind.)


Weibliche Autoren werden nicht über das Prisma ihrer Vorstellungswelt wahrgenommen, sondern über ihre Erfahrungen. Ferrantes Bücher sind ja sogar derart mit gepfefferten Beschreibungen von Sex, Gewalt und Politik durchsetzt, dass manche Kritiker von vornherein nicht an eine Autorin glauben wollen.


Diese ganze Verfolgungsjagd hat etwas Beunruhigendes, so als sähen männliche Kritiker Ferrantes Weigerung, ihre Identität zu lüften, als Beleidigung an. Werden zurückgezogen arbeitende männliche Autoren auf die gleiche Art verfolgt? Was wissen Sie über die Finanzen von Thomas Pynchon? Oder über die Adresse J.D. Salingers?


Die Autorin Celeste Ng hat gestern noch einmal einen weithin beachteten Artikel mit dem Titel gepostet: «Wie man mit einer Frau redet, die Kopfhörer trägt.» Soll heißen: Wir können noch so höflich um unsere Privatsphäre bitten, noch so sehr versuchen, unseren eigenen Bereich zu schützen, es wird immer jemanden geben, der um jeden Preis zu uns hereinspähen will, uns zum Zuhören bringen will. Es genügt nicht, dass Ferrante eine außergewöhnliche, vielschichtige Romanserie geschrieben hat, an der Millionen von Lesern Freude gehabt haben. Sie muss auch noch ihren Schleier lüften.


Und ihr wahrer Name? Ich werde ihn hier nicht posten. Ihre Bücher genügen. Und so sollte es sein.


 


Quelle:


Jojo Moyes im Daily Telegraph vom 4. Oktober 2016


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