06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ziehen (5)


Ziehen und Umziehen

Von Muhammed Ali (dem Boxer), ist folgender Ausspruch überliefert: «Wenn ich sage, dass eine Fliege einen Pflug ziehen kann, frage nicht wie, sondern spanne an!» Ich aber sage: Spanne einen Tee oder ein paar Störche vor einen Pflug, und du wirst nichts als Verdruss ernten. Du musst schon die Fäuste sprechen lassen, um Renitenzlinge wie den Tee oder stelzvogelige Froschfresser dazu zu bringen, dass sie ihr Ziehen zu irgendetwas Produktivem umwidmen, das nicht nur ihnen dient. Ali meinte auch nicht einen etwaigen, den Fliegen innewohnenden Ziehimpuls, es ging, wie ich das verstanden habe, eher um Überzeugungsarbeit durch Androhung von Gewalt.


Wer umzieht, schleppt ja auch nicht sein Hab und Gut hinter sich her wie Knecht Ruprecht einen Sack Kartoffeln, das machen die Möbelpacker. Was man aber dennoch zieht, das sind die Erinnerungen an den alten Ort, die bleiben dort noch kleben wie ein Kaugummi, das endlos dehnbar ist und sich nicht löst von der Stelle unter dem Stuhl, auf dem wir die ganze Zeit gesessen sind. Und auch wenn diesen Stuhl die Möbelpacker mitgenommen haben, immer werden wir uns, sobald wir darunter fassen, daran erinnern, wann und warum wir ihn dort deponiert haben. Das ist das alte Leben, das ist der alte Stuhl, der noch im alten Leben steht, auch wenn ihm jetzt eine neue Rolle im neuen Leben zugewiesen wurde, dass neues Leben draufsitzt.


Lenin schöpfte neue Zuversicht beim Anblick ziehender Wolken, ein Möbelpacker denkt vermutlich beim Anblick eines Schwarms ziehender Stare an einen Umzug, das bringt der Beruf mit sich, das Assoziieren, wo andere etwas vollkommen Anderes sehen.


Wenn sich ein Umzugshelfer und ein Ornithologe unterhalten, kann es sein, dass der eine zwar versteht, wovon der andere spricht, aber nicht, was er meint, und das ist auch gut so. Missverständnisse beleben unser Dasein, wenn wir immer alle einer Meinung wären, würden wir einschlafen, und den letzten Zug verpassen, den Zug in den Süden, und wir würden erfrieren, so muss man das mal sehen.


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06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Vom Kaffee weiß man, dass er munter macht. Tee hingegen beruhigt angeblich. Früher, als man das gemahlene Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss, weil Filter noch nicht erfunden waren,   weiterlesen

02.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich hab mal einen Hecht gefangen, mit einer Angel, keiner richtigen, es war nur ein schnöder Stock mit einer Schnur, einem Korken als Schwimmer und am Haken ein Regenwurm, den ich, nachdem ich den Hecht hatte, wieder freiließ, das war in Finnland, das ist keine Kunst. Wenn man geschickt ist, könnte man die Fische auch mit der Hand fangen, ich kann ...   weiterlesen

18.10.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Als ich klein war, war mein Vater nicht da, das heißt, er war zwar bei uns, physisch anwesend, aber der Vater war ja gelähmt, hüftaufwärts, also seine Beine waren da, aber die wussten nicht, was sie tun sollten, konnten ja nicht so einfach weggehen, sie bekamen ja keine Befehle «von oben». Es gab einen Onkel Werner, das war mein Ziehvater, ...   weiterlesen

28.04.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich stehe vor einer Flügeltür. Auf dem linken Flügel steht Ziehen, auf dem rechten auch. Ich nehme an, auf der anderen Seite der Türen steht zweimal Drücken; andererseits, die Vorstellung von einer Welt oder auch nur von einem Türproduzenten, dessen Drücken-Schilder schon lange aufgebraucht sind oder der noch nie welche besessen hat und der, weil ...   weiterlesen

15.03.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Auf der einen Seite der Tür steht Drücken, auf der anderen Ziehen, oder es steht auf zwei Flügeltüren, die sich eben auf unterschiedliche Art öffnen lassen, damit die von innen und die von außen Kommenden Wahlfreiheit haben, es gibt hier aber keine verbindliche Regel, welche Seite wofür vorgesehen ist. Drückt oder zieht ein Rechtshänder eher die ...   weiterlesen

10.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Von den vier Elementen, aus denen alles in unserer Welt bekanntlich zusammengesetzt ist, verstehen sich drei, die Erde, das Wasser und das Feuer, wie von selbst. Der graue Stein wiegt schwer, bevor wir ihn fallen lassen und auf dem Grund aufschlagen hören. Die Wärme und der Geruch des brennenden Holzes strömen uns, umfangen von Licht, entgegen. Das ...   weiterlesen

09.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Nicht mehr als ein, zwei haltlose Sekunden schwankt die Zeitgewissheit unseres Bewusstseins, wenn wir aus einem Traum erwachen, der in den Kulissen unseres einstigen Jungseins spielte. Dabei war eben noch trügerisch getreu, was uns als Daseinsraum vorgegaukelt wurde. Alle Farben, mit denen die Fassaden gestrichen, die Autos lackiert und unsere ...   weiterlesen

08.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Wenn es einen Wettstreit zwischen den Künsten gibt, dann konkurrieren sie auch darin, den Kuss in ein Bild zu bannen. Und ausgerechnet die jüngste scheint, allein schon durch die schiere Fülle der Exempel, die sie uns schenkt, unbestreitbar die Siegerin zu sein. Auf der Leinwand der Kinos und im Glas unserer Leuchtschirme, in Schwarzweiß und in ...   weiterlesen

07.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Auftritt Sonne! Und es bleibt nicht bei Eins und Zwei. Auch nach dem Erklingen der restlichen Ziffern, nach Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht und Neun, wird das Erscheinen unseres Zentralgestirns mit unverändert wuchtigem Ernst beschworen. Es ist, als gelte ein eigenes Sonnenpathos, seriell und statisch, dröhnend und leer zugleich. Nichts am ...   weiterlesen

06.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Ein wunderlicher Ratschlag! Zumindest ein Rat, der sich, hört man ihn gesungen oder gesprochen, nicht von selbst versteht. Wenn ich, semantisch-pedantisch, die verwendeten Verben ins Auge fasse, scheint es auf eine hintersinnig zwiefache Weise um Besitz zu gehen: Angst haben und/oder einen Swimming-Pool sein Eigen nennen. Wobei die Angst vor der ...   weiterlesen

06.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

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04.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

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03.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

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