27.03.2018 von Kehlmann, Daniel in Im Gespräch

Im Interview: Daniel Kehlmann


© Beowulf Sheehan



Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Aus beruflichen Gründen: Voyage of the Damned von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts. Ein hervorragend recherchiertes Buch über die Reise der St Louis – ein Flüchtlingsschiff, dem die Nazis erlaubt hatten, Deutschland zu verlassen, das aber dann von Kuba und den Vereinigten Staaten abgewiesen wurde. Ein fast vergessener Skandal, natürlich heute, in Zeiten der Flüchtlingskrise, wieder besonders relevant. Ich bin beauftragt worden, daraus ein Theaterstück zu machen; daran arbeite ich zurzeit.


Was bewegt Sie am meisten in einem Roman?
Das kann man so allgemein gar nicht beantworten. Es gibt so viele unterschiedliche Arten, auf die ein Roman gut sein kann. Das ist ja das Schöne: dass der Roman so eine offene Form hat, dass so vieles möglich ist.


Was ist das Lieblingsbuch, von dem vielleicht noch niemand etwas gehört hat? 
Train Dreams von Denis Johnson. Na gut, viele haben davon gehört – aber wer nicht davon gehört hat, sollte es unbedingt sofort, also wirklich heute noch, lesen. Es ist übrigens sehr kurz.


Was ist das Interessanteste, was Sie zuletzt in einem Buch gelernt haben? 
Als ich Tyll geschrieben habe, war ich völlig fasziniert und irgendwie auch überwältigt von dem sehr gut dokumentierten Umstand, dass im siebzehnten Jahrhundert üblicherweise das Brunnenwasser verunreinigt und nicht trinkbar war. Was trank man also? Manchmal Milch, vor allem Dünnbier. Auch Kinder und alte Leute. Wann immer man Durst hatte, trank man Bier. Man könnte sich die Welt von damals also als eine leicht alkoholisierte vorstellen.


Welches Buch in Ihrem Regal würde Besucher überraschen?
Ich habe viele Bücher über die Geschichte der Magie und Alchimie. Unvorbereitete Besucher würden das wahrscheinlich seltsam finden. Aber es war alles Recherche für Tyll, versprochen. 


Welches Buch sollten alle Männer lesen? 
Krieg und Frieden. Und wenn Sie mich jetzt fragen, welches Buch alle Frauen lesen sollten, so antworte ich: Krieg und Frieden


Welchen historischen Roman halten Sie für den besten? 
Abgesehen von Krieg und Frieden (denn das ist ja ein historischer Roman, Tolstoi schrieb lange nach den Napoleonischen Kriegen) Marguerite Yourcenars Memoires d’Hadrian – auf Deutsch leider veröffentlicht unter dem seltsamen Titel Ich zähmte die Wölfin.


Was beeinflusst Ihre Entscheidung, welches Buch Sie als nächstes lesen werden? Empfehlungen von Freunden, Rezensionen, Werbung oder gar der Zufall? 
Werbung fast nie, hauptsächlich Empfehlungen, allerdings manchmal auch Rezensionen, doch, das kommt schon vor.


Was planen Sie als Nächstes zu lesen? 
Heimito von Doderers Die Dämonen. Habe ich mir schon lange vorgenommen, jetzt ist es so weit.


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