06.09.2018 von Herrndorf, Wolfgang in Solitär

Wolfgang Herrndorf: Katharina Rage


© Privat


Meine erste Freundin hieß Katharina Rage, ich war fünf Jahre alt. Wir wohnten im selben Treppenhaus. Im Flur hingen Briefkästen mit Hammerschlaglack, in denen wir mit Zweigen rumstocherten, bis die Post rausfiel. Ich stand dabei mit einem Fuß auf der Treppe. Auf der achten Stufe von unten war ein Totenkopf.
Rages wohnten zwei Stockwerke über uns. Als ich zum ersten Mal bei ihnen auf dem Balkon stand und von ganz oben über die Felder sah, wollte ich nicht mehr weg. Katharinas Mutter kämmte ihr die Haare. Sie waren lang und glatt, bevor sie gekämmt wurden, und sie waren lang und glatt hinterher. Ich wurde gefragt, ob ich auch gekämmt werden wollte. Ich küsste Katharina.
Jeden Tag waren wir draußen. Katharina durfte bis zum Zaun, ich durfte überall hin. Ich bekam auch nie eine Zeit mit, ich durfte alles. Bevor wir unter dem Stacheldraht durchkrochen, schaute Katharina sich um, dann liefen wir ins Kornfeld. Wir zerdrückten Erdklumpen mit Stöcken und schütteten einen Kaninchenbau zu. Der Himmel war von Licht gesprenkelt, die Bäume waren hoch, die Felder gelb. Das war jeden Tag so, es änderte sich nie.
Auch wenn meine Erinnerung mich trügt, kann es nur ein Sommer gewesen sein, in dem ich Katharina kannte. Wir hatten im Feld einen Puppenstuben- Blechherd gefunden. Ich besorgte Streichhölzer und wir machten Feuer mit Gras und Zweigen und Vogelfedern und Draht und Lehm und Tannenzapfen. Nicht alles brannte, die Flammen leckten aus der runden Öffnung. Einmal berührte ich mit dem Finger den glühenden Herd, es war ein furchtbarer Schmerz. Wenn Katharina nicht hinsah, steckte ich den Finger in den Mund. Auch nach langer Zeit ließ der Schmerz nicht nach, und ich war mir nicht sicher, ob er mich nicht mein restliches Leben begleiten würde. Zum Abschied nahm ich Katharina in den Arm und versteckte meinen Kopf in ihren braunen Haaren, damit sie nicht sehen konnte, wie ich an meinem Finger lutschte.
Zuhause hielt ich meine Hand in einen Plastikbecher mit kaltem Wasser und lief damit durch mein Zimmer. Meine größte Sorge war, dass meine Eltern den Becher bemerken könnten, bemerken könnten, dass ich durch eigene Dummheit für immer beschädigt war. Vor dem Einschlafen schob ich den Becher unter mein Bett, und als meine Mutter mich geküsst und das Licht gelöscht hatte, zog ich ihn wieder heraus. Mit dem Arm über der Bettkante schlief ich ein.
Am nächsten Tag zeigte ich Katharina meinen Finger. Sie zeigte mir ihren, der ebenfalls verbrannt war. Wir verglichen die glatten Fingerkuppen. Katharina sagte, sie habe es niemandem erzählt und ihre Hand den ganzen Abend in einen Eimer gehalten, und damit sei sie auch schlafen gegangen. Ich war überzeugt, dass wir eines Tages heiraten würden.
Als ich in die Schule kam, lernte ich Fridtjof kennen, der mein bester Freund wurde, und ich verlor Katharina aus den Augen. Wir wohnten noch mindestens zehn Jahre lang im selben Treppenhaus, ohne miteinander zu tun zu haben. Nur einmal wollte jemand wissen, wie Katharina und ich uns früher geküsst hätten. Ich demonstrierte es, alle lachten, und mir machte das nichts aus. Es war die letzte Berührung mit einem Mädchen, bis ich erwachsen war.
Die Leichtigkeit, mit der das Geschlechterverhältnis praktiziert wurde, konnte ich nie begreifen. Wenn Fridtjof zu Besuch war, fragte mein Vater oft – er fragte immer nur, wenn Fridtjof zu Besuch war –, ob ich denn schon eine Freundin hätte. Dann fragte er meinen besten Freund, und mein bester Freund erzählte manchmal von einem Mädchen, das er toll fand. Mein Vater antwortete jedes Mal, er habe in unserem Alter schon fünf Freundinnen gehabt. Es klang so, als sei es großartig, fünf Freundinnen zu haben, oder als sei das ein großer Witz. Ich verstand den Witz nicht. Mit sechs Jahren hatte ich noch keine sehr bildhafte Vorstellung von der Liebe, aber Mädchen machten genau den gleichen Eindruck auf mich wie zu jeder späteren Zeit. Ich mochte erwachsene Frauen, wegen ihres Körpers. Aber ich verliebte mich in ein Mädchen aus meiner Klasse. Sie hieß Susanne Lemke. Ich erzählte niemandem etwas davon, am wenigsten ihr selbst.
Ich habe sie genauso geliebt, wie ich als Erwachsener geliebt habe. Es war nichts Schlichtes oder Beiläufiges. Es war ein Sechzehn-Tonnen-Gewicht, das herunterfiel. Ich blieb in Susanne Lemke verliebt bis zum Ende der vierten Klasse, dann zog ihre Familie in eine andere Stadt, und ich kam aufs Gymnasium. Dort dachte ich noch ein Jahr an Susanne Lemke, dann verliebte ich mich in Martina Schleifheim, das dauerte bis zum Ende der Sechsten. Martina Schleifheim fehlte ein Finger an der linken Hand, den sie sich beim Schlittschuhlaufen abgefahren hatte. In der Siebten kam Caroline Metzger in unsere Klasse, eine Sitzenbleiberin. Sie hatte einen Busen, und ich war zwei Jahre lang in sie verliebt. In der Neunten liebte ich wieder Martina Schleifheim, die sich vollkommen verändert hatte. Zwischendurch verliebte ich mich im Urlaub in ein Mädchen aus Köln, das, glaube ich, Stephanie Gotterbarm hieß. Ab der Zehnten hieß meine Liebe Yvonne Mai. Mit keinem dieser Mädchen habe ich mehr als drei Sätze geredet.
1996 hatte ich mein erstes 56k-Modem. Ich suchte nach bekannten Namen und fand keinen einzigen. Es dauerte drei Jahre, bis einer aus meinem Abiturjahrgang im Netz auftauchte, und fünf Jahre, bis ich sein Foto entdeckte. Es war das Foto eines alten Mannes. Es musste viel Zeit vergangen sein. Auf ein Abiturtreffen bin ich nie gegangen, ich habe auch sonst allen Kontakt zu meinen Mitschülern verloren, aber im Netz suche ich regelmäßig nach ihren Namen, meistens, wenn ich deprimiert bin. Die Suche deprimiert mich dann noch mehr. Mehr als zehn Jahre nach der allgemeinen Verbreitung des Internet sind weniger als fünf Prozent meiner Jugendfreunde auffindbar. Wenn jemand auftaucht, hat er einen bis zwei Treffer in Form von Gästebucheinträgen mit gmx-Adresse. Beruflich scheinen die meisten in einem Psycho- oder Heilpraktikergewerbe gelandet zu sein. Von allen meinen Jugendlieben gibt es nur einen einzigen Treffer: Martina Schleifheim, eine Adresse bei Siemens. Von Katharina Rage habe ich nie wieder gehört.
Vor zwei Jahren erzählte meine Mutter mir, sie habe Frau Rage beim Einkaufen getroffen. Der Vater sei gestorben, Frau Rage nach Morsum gezogen, Katharina lebe in Berlin. Ich schaute im Berliner Telefonbuch nach, aber da ist sie auch nicht drin. Ich hoffe, dass kein Foto von ihr auftaucht. Der Tag im Kornfeld, bevor wir uns die Hand verbrannten, war in gewisser Weise der perfekte Tag.


Der Text ist ein Auszug aus Wolfgang Herrndorfs «Stimmen» (Rowohlt Berlin), der gerade posthum erschienenen Textsammlung.



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