03.05.2018 in Solitär

Sarah Stricker: Die Wohlfühlgesellschaft


© Privat


Münster. – Wegen wiederholter Meinungsäußerung hat ein langjähriger Angestellter der GRW Münster die Kündigung erhalten. Nach Angaben des Unternehmens hatte der 54-Jährige mehrfach Begegnungen in der Kaffeeküche zum Anlass genommen, um seine Haltung zu politischen, gesellschaftlichen oder religiösen Fragen kundzutun; teilweise soll er gezielt das Gespräch mit Kollegen gesucht und sie zum Austausch ermuntert haben. Trotz einer schriftlichen Verwarnung habe der Angestellte sein Verhalten fortgesetzt, sodass man mit Rücksicht auf die Belegschaft schließlich keine andere Wahl gehabt habe, als das Arbeitsverhältnis zu beenden. «Meinungen gehören in die sozialen Medien, wo man unter Gleichgesinnten ist», sagte eine Sprecherin. «Im persönlichen Umgang mit Menschen, die sich im Ernstfall weder blockieren noch un-frienden lassen, führen sie zu unschönen Spannungen, die das Arbeitsklima erheblich belasten können.»
Die Erfahrung der letzten Jahre habe deutlich gezeigt, dass die Fähigkeit, auf gegensätzliche Positionen anders als mit Spott, Zorn oder Hass zu reagieren, bei der Mehrzahl der Mitarbeiter nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden könne. Daher halte man sich bei GRW strikt an den in Zusammenarbeit mit der Innung Niedersachsen herausgegebenen Leitfaden Lieber übers Wetter reden, als sich an die Gurgel gehen – Für ein harmonisches Miteinander am Arbeitsplatz, der die als unzulässig eingestuften Themen klar benenne. Dazu zählten u.a. Migration, Islam, Globalisierung, gendergerechte Sprache, Attachment Parenting, Israel und/ oder Palästina. Derzeit prüfe man, Veganismus ebenfalls auf den Index zu setzen; die Sprengkraft, die mitunter allein die Erwähnung des Wortes Milch entfalte, sei schlichtweg zu groß.


Berlin. – Vor Hunderten Anhängern hat der frisch gekürte Regierende Bürgermeister Julian Lohmann am Nachmittag seine erste öffentliche Selfie-Stunde abgehalten. Der Termin war mehrfach verschoben worden, weil die Instagram-Tauglichkeit der Fotos vor dem Roten Rathaus aufgrund der schlechten Wetterbedingungen nicht hatte gewährleistet werden können. Lohmann gilt als Shooting-Star der neuen Mitte, seitdem er bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus aus dem Stand 43 Prozent der Stimmen eingefahren hatte. Wahlforscher führen das in der Berliner Geschichte bisher einmalige Ergebnis vor allem darauf zurück, dass Lohmann weder ein formales Programm vorgelegt noch sonst irgendwelche Ziele benannt hatte. Stattdessen konzentrierte sich seine Kampagne zum einen auf die Inszenierung kollektiver Wohlfühlmomente – legendär etwa der Wahlkampfauftritt, bei dem Lohmann mit Kindern aus fünf Kontinenten im Görlitzer Park «Heal the World» sang, nachdem er vor der im Landwehrkanal versinkenden Abendsonne eine allein aus Buddha-, Gandhi- und Grönemeyer-Zitaten bestehende Rede gehalten hatte –, zum anderen auf eine intensive Bürgerbeteiligung. So ging etwa der Slogan «Keine Versprechen. Nichts zu brechen» aus einem Online-Voting hervor, ebenso das Parteilogo «Thumps up».
Der Politikhistoriker Hubertus März von der Universität Hohenstein sieht in Lohmanns radikalem Verzicht auf Inhalte das Modell der Zukunft. «Festlegungen sind für Kandidaten immer mit Nachteilen verbunden. Für jeden Wähler, den sie dazugewinnen, riskieren sie, einen anderen zu vergraulen.» Lohmanns integrativer, antiselektiver Ansatz erlaube ihm hingegen, sich maximal breit aufzustellen. März räumt ein, dass die Abkehr von inhaltszentrierten hin zu rein emotionsbasierten Wahlkämpfen eine Umstellung bedeute. Allerdings sieht er darin auch eine Chance auf einen Neuanfang. «Die meisten Bürger trauen der Politik ohnehin schon lange nicht mehr zu, dass sie die Weichen für die Zukunft stellen kann.» Alles, was sie sich wünschten, sei jemand, der die Passagiere davon abhalte, in Panik zu verfallen, während der Zug auf die Wand zurast. Dazu brauche es weniger Konzepte als ein angenehmes Auftreten, Charisma, Redegewandtheit und die Fähigkeit, eine Illusion von Teilhabe herzustellen. «Es wird Zeit, sich endlich ehrlich zu machen und die Entpolitisierung der Politik zu Ende zu denken», so März. Lohmanns Vorstoß, es Bundestagskandidaten zukünftig freizustellen, ob sie auf dem Wahlschein ihre Parteizugehörigkeit oder doch lieber ihr Profilbild veröffentlichen wollten, sei da ein erster Schritt in die richtige Richtung.


Mainz. – Nach zahlreichen Beschwerden hat der gemeinsame Rundfunk- und Fernsehrat von ARD und ZDF eine förmliche Rüge ausgesprochen. Danach werde die Selbstverpflichtung einer Quote von 15 Prozent Informationsanteil noch immer deutlich überschritten. Auch bei der Gestaltung der Nachrichtensendungen selbst gebe es kaum Verbesserungen. So würden im heute journal noch immer ganze Beiträge ohne musikalische Untermalung gesendet; die Tagesschau berichte teilweise gar mehrere Tage hintereinander über dasselbe Thema. «Auf Grundlage unserer internen Medienanalyse halten wir die Publikumskritik in weiten Teilen für berechtigt», erklärte der Vorsitzende des Kontrollgremiums Hendrik Jansen. Gerade in Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von der Komplexität der Welt überfordert fühlten, sei es nicht hinnehmbar, dass das gebührenfinanzierte Fernsehen der Verunsicherung immer weiter Vorschub leiste. «Die Sender haben auch einen Unterhaltungsauftrag.»
Der Programmdirektor der ARD Luis Stegner hat derweil Konsequenzen angekündigt. «Tatsächlich sind wir, was Vielfalt und Interaktivität angeht, in Deutschland noch Entwicklungsland.» Allerdings arbeite man bereits mit Hochdruck an einem Relaunch nach amerikanischem Vorbild. Dort habe man etwa gute Erfahrungen mit Formaten gemacht, bei denen die Zuschauer über eine App eigene Meldungen kreieren könnten und das Publikum anschließend per Ted entscheide, welche Nachrichten es in die Sendung schafften. «Etwas Ähnliches könnte ich mir zum Beispiel auch gut in den Tagesthemen vorstellen», so Stegner.


Stuttgart. – Begleitet von Tausenden Schaulustigen hat in Stuttgart der dritte nationale Protesttag stattgefunden. Unter der Überschrift «Beverly Hills 90210: Für wen soll Dylan sich entscheiden?» skandierten die Demonstranten «Brenda, Brenda!» und «Team Kelly», während sie von verschiedenen Enden der Königstraße aus durch die Innenstadt marschierten. Bei dem Aufeinandertreffen am Schloßplatz kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen. Bis zum Abend zählte die Polizei 54 Verletzte, 17 Personen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.
Nach «Was ist das beste Haustier: Katze oder Hund?» in Hamburg und «Entscheide dich: Sommer oder Winter?» in Dresden haben sich die Organisatoren in Stuttgart erstmals für eine Fernsehreferenz entschieden. «Ganz ehrlich, die meisten der Gekommenen kennen Beverly Hills wahrscheinlich überhaupt nicht mehr», sagte die baden-württembergische Ministerpräsidentin Charlotte Kühnle am Rande der Ausschreitungen. «Genau deshalb ist es als Motto ideal.» Ziel der Veranstaltung sei es, der Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein Ventil zu bieten. «Viele Menschen fürchten, sie fänden kein Gehör mehr. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen.» Der Protesttag erlaube ihnen, sich einmal im Jahr die Seele aus dem Leib zu schreien, und gebe so der Wut im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme. «Je weniger wir sie dabei beschränken, desto besser.»


Die Schriftstellerin Sarah Stricker wurde 1980 in Speyer geboren und lebt seit 2009 in Tel Aviv. Ihr hoch gelobter Debütroman «Fünf Kopeken» (Eichborn) wurde unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet, dem höchstdotierten Preis für ein deutschsprachiges Erstlingswerk, und wird derzeit in mehrere Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihr «Eine wahre Geschichte» in der Anthologie «Iss doch wenigstens das Fleisch» (Rowohlt).


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