08.06.2018 von Rühmkorf, Peter in Solitär

«Bleib erschütterbar und widersteh»


© Isolde Ohlbaum


«Kommt ’n Interviewer,
fragt nach’m Lebenssinn,
hau dem Wichtigtuer
Portion Hackfleisch hin.»


Diese Gedichtzeilen sind charakteristisch für den Lyriker Peter Rühmkorf: in ihrer Mischung aus Schnoddrigkeit und Sprachartistik, rhythmischer Kunst und persönlichem Bekenntnis.


Der Autor Rühmkorf kam Ende der fünfziger Jahre zu Rowohlt, mit nicht einmal dreißig Jahren. Er hatte sich während seines Studiums beim Kabarett versucht und zusammen mit Werner Riegel die hektographierte Zeitschrift «Zwischen den Kriegen» veröffentlicht. Ab Mitte der fünfziger Jahre schrieb er auch für den «Studentenkurier» (aus dem 1958 die Zeitschrift «konkret» hervorging); unter dem Pseudonym «Leslie Meier» veranstaltete Rühmkorf dort einen vielbeachteten «Lyrik-Schlachthof».


Auf ihn aufmerksam wurde Wolfgang Weyrauch, Autor und 1950 bis 1958 Lektor des Rowohlt Verlags. Er veröffentlichte 1950 den Gedichtband An die Wand geschrieben, der zusammen mit einem «Katechismus des Versemachers (dem deutschen Sortiment aufgesagt)» dem Buchhandel geschickt wurde. Geradezu beschwörend hieß es darin: «Es ist nicht wahr, dass die deutschen Leser gegen Gedichte sind.» Weyrauch gehörte einer anderen Generation als Rühmkorf an, aber er forderte eine radikale Erneuerung nach dem Zweiten Weltkrieg und prägte (im Nachwort zu der von ihm herausgegebenen Anthologie Tausend Gramm, 1949) den Begriff «Kahlschlag-Literatur». 


Unumstritten war Rühmkorf im Verlag nicht, auch waren die ersten Rezensionen durchaus nicht alle positiv. Der aufmüpfige Tonfall konnte Konservativen nicht gefallen. Friedrich Sieburg, der damals mächtige Literaturpapst der «FAZ», wollte den Autor nicht zur Kenntnis nehmen: «Rühmkorf hat das Recht, zu dichten, wie er will. Sein Recht ist nicht geringer als das unsere, uns die Ohren zuzuhalten.» Doch solche Verrisse und Quertreibereien konnten den Aufstieg Rühmkorfs zu einem der meistgelesenen Lyriker deutscher Sprache nicht verhindern.


Irdisches Vergnügen in g hieß der erste Gedichtband Rühmkorfs bei Rowohlt, der 1959 erschien. Den Klappentext jenes Debüts kann man noch heute wie ein poetologisches Programm des Autors Rühmkorf lesen: «Das Zärtliche kann im Gewand des Frivolen erscheinen, kecke literarische Anspielungen ergeben erhellende Paradoxien, und oft changieren die Verse kunstreich und ‹januszüngig› zwischen Frechheit und Andacht. Rühmkorfs frappante Formsicherheit und seine aparte Reimtechnik geben dem Straßendeutsch melodischen Glanz, machen den Slogan poetisch und laden ermüdetes Sprachmaterial mit neuer Spannung auf. Gleich weit von wohlfeilem Nihilismus und leichtfertiger Hoffnung entfernt, sind diese Gedichte elementare Zeugnisse einer desperaten Daseinsfreude.»


Schon der Titel seines ersten Buches zeigte, wie souverän Rühmkorfs Texte mit der literarischen Tradition spielen: Irdisches Vergnügen in Gott hieß eine Lehrgedichtsammlung des Schriftstellers Barthold Hinrich Brockes, der zu den wichtigsten Autoren der frühen Aufklärung zählt. Auf der anderen Seite ist Rühmkorf stets ein Seismograph der eigenen Zeit und findet seine Quellen und Vorbilder manchmal buchstäblich auf der Straße. In seinem Buch Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund hat er 1967 eine einzigartige Sammlung der gängigen Volks- und Kinderpoesie zusammengetragen und kommentiert: Kinderreime, Abzählverse, Spottsprüche und Stamm­tisch­zoten. Darin findet sich zum Beispiel die folgende Volkslied-Parodie:


«Auf der Schwäbschen Eisebahne
Kommt der Chruschtschow angefahre
Mit zwei Bomben unterm Arm
Achtung Achtung Kriegsalarm
Erhardlein läuft immer schneller
Rast mit achtzig durch den Keller
Und der dicke Josef Strauß
Rutscht auf ner Banane aus.»


Peter Rühmkorf beherrscht viele literarische Formen und Genres, vom Gedicht über das Märchen bis zum Essay, vom Theaterstück über die Autobiographie bis zum Tagebuch. In allen Formen versteht er sich als «Jetztschreiber», der auf die aktuelle Wirklichkeit reagiert und sich einmischt – pointiert und engagiert. Das Gedicht ist dabei immer Rühmkorfs wichtigstes Ausdrucksmittel geblieben. Legendär sind seine Jazz-und-Lyrik-Auftritte, die er viele Jahre lang zusammen mit den Musikern Michael Naura und Wolfgang Schlüter veranstaltete.


Ein Kritiker hat Rühmkorf einmal als «Prediger mit der Schiebermütze» bezeichnet. Albert von Schirnding schrieb in der «Süddeutschen Zeitung»: «Rühmkorf ist ein Sprachvirtuose, der immer wollte, dass Literatur sich aus zwei verschiedenen Quellen speist: dem Bedürfnis, wachzurütteln und aufzuklären, und der traumgewandten Lust am Fabulieren.» In dieser Hinsicht ist sich der Autor Rühmkorf stets treu geblieben. 


Autor: Uwe Naumann
(aus: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik, Reinbek 2008)



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