04.10.2018 von Giordano, Paolo in Solitär

Paolo Giordano: X Xylella


© Scarlett Werth

Seit fast einem Jahrzehnt zerstört die Xylella fastidiosa die Olivenbäume im Süden Italiens. Ausgebrochen ist die Epidemie in der Gegend um Gallipoli, vom Meer her kommend, wer weiß von wo, und von dort aus hat sie sich immer weiter verbreitet. Von Anfang an wurde folgendes Procedere vorgeschlagen: Abholzung der befallenen Exemplare sowie der gesunden im Umkreis von hundert Metern, mit dem Ziel, die Krankheit einzudämmen. Vier- oder fünfhundert Jahre alte Bäume aus dem Boden gerissen und an einem Nachmittag verbrannt, als Notfallmaßnahme. Kurzum, ein Massaker.


Wenn ihr die jahrhundertalten Olivenbäume Apuliens noch nie gesehen habt, in ihrer statuarischen Wucht auf der roten Erde, dann versteht ihr wahrscheinlich nicht, wovon ich rede, noch, warum ich davon rede. Aber wenn ihr sie gesehen habt, wenn ihr euch auch nur einmal ihrer schrundigen und grauen Rinde genähert habt, den Rissen und Knoten des Stamms, dann ist klar, dass man kein Mystiker oder Ökofreak sein muss, um zu bemerken, dass in diesen Bäumen etwas Besonderes lebt. Sie wirken wie fühlende Wesen, nicht pflanzlich, sondern wie Tiere fühlende Wesen sind. Obwohl ich das nie getan habe, wundert es mich nicht, wenn manche Leute diese Baustämme umarmen und daraus Kraft schöpfen. Ebenso wenig wundert es mich, dass angesichts einer derartigen Bedrohung nicht nur Landwirte und Grundbesitzer sondern auch junge Leute, beseelt von einem instinktiven Sinn für das, was recht ist, rund um diese lebenden Skulpturen einen Kordon legen wollen, damit sie verschont bleiben.


Es war der Sommer 2014, als ich zum ersten Mal von der Besetzung in Oria hörte. Ich hatte vor wenigen Wochen geheiratet und fühlte mich in dieser Zeit zu keiner Form des Kampfes geneigt. Es schien mir ein Lebensabschnitt, der legitimerweise der Muße und der Kontemplation gewidmet sein sollte, ein bisschen oberflächlichem Glück. Aber die Besetzung war da, wenige Kilometer von dem Ort entfernt, wo ich die Ferien verbrachte, fast war es ein Affront, sich nicht damit zu befassen. Also begab ich mich eines Nachmittags auf dem Rückweg vom Meer in das von Steinmauern geschützte Labyrinth der Feldwege. Das Besetzercamp lag isoliert. Es hat eine Weile gedauert, bis ich schließlich auf ein Dutzend junger Leute traf, sie saßen zwischen ein paar Zelten und einer Ruine, sie tranken Bier, rauchten, einige spielten Karten. Sie erschienen mir gelangweilt, aber doch auf der Hut, bereit, bei einer Alarmsituation, die sich früher oder später einstellen würde, in Aktion zu treten. Anfangs behandelten sie mich mit Misstrauen, dann jedoch müssen sie mich als harmlos eingestuft haben und waren bereit, mir die gefällten Olivenbäume zu zeigen, die auf den Boden lagen und darauf warteten, verbrannt zu werden, und die anderen ringsumher, die mit einem roten X gekennzeichnet waren und die dasselbe Schicksal erwartete. Sie würden diese Bäume um jeden Preis verteidigen.


Ich wollte einen Artikel über diesen Besuch schreiben, aber schließlich habe ich das nicht getan. Ich hatte schon begonnen, an einem Roman zu arbeiten, und auf dem Weg nachhause – die Sonne tief am Horizont und das eindrückliche Bild dieser jungen Leute und der verurteilten Olivenbäume vor mir – bemerkte ich, wie die Begegnung dieses Nachmittags den Fortgang der Geschichte in meinem Geist schon verändert hatte.


Vier Jahre sind vergangen, und in der Zwischenzeit hat sich die Situation in Apulien dramatisch verschlimmert. Das Gemisch aus widersprüchlichen Informationen über den Befall, wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Thesen, unterschiedslos durcheinander gemixt, Verschwörungstheorien, Wirtschaftsinteressen, Drohungen, Ineffizienz der Politik und dem typisch italienischen Schlendrian hat zu einer Lähmung geführt, die dem Bakterium erlaubt hat, sich immer weiter auszubreiten, von Baum zu Baum, in Richtung Norden, wie ein unaufhaltsames Krebsgeschwür. Die Halbinsel des Salento ist heute schwer betroffen. Auf der Schnellstraße zwischen Brindisi und Lecce ist die Katastrophe mit bloßem Auge zu sehen: majestätische Bäume, die im vorigen Sommer höchstens ein paar gelbe Blätter aufwiesen, sind nun Skelette, die Olivenhaine ein gespenstischer Anblick. Ein Panorama, das einem vor Erbarmen die Kehle zuschnürt.


In gewissem Maß sind die Besetzungen, glaube ich, mitverantwortlich für das Desaster. Hätte ohne die Obstruktion der Plan zur Eindämmung der Xylella funktioniert? Wäre man das Problem mit kühlem Realitätssinn angegangen, ohne Pathos, ohne einen Funken Herz, hätte man es dann rechtzeitig gelöst? Und doch, selbst mit den Konsequenzen vor Augen, scheinen mir die Antworten nicht so klar und eindeutig. Olivenbäume fällen, um Olivenbäume zu retten? Oder im Gegenteil, wenige Olivenbäume schützen, und dafür alle opfern? Das ist eines der ausweglosen ethischen Paradoxa, vor die das Leben uns oft stellt. Ein Paradox, das individuell so unterschiedlich aufgefasst wird, dass wir, alles in allem betrachtet, nur verstummen können. Nicht zufällig hat die ausufernde Debatte um die Xylella die öffentliche Meinung extrem polarisiert, sie in zwei Lager gespalten, die sich weigern, die Argumente der Gegenseite auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Der Gedankengang in seiner Gänze ist zu kompliziert, also wird er verkürzt und man lässt sich von etwas weniger Rationalem leiten: Gefühlen, Eindrücken, aufgeschnappten Meinungen. Die Politik verschlimmert die Lage nur noch weiter, indem sie aus purem Opportunismus bald die eine, bald die andere Position einnimmt, und das geht so weit, wie letzten Juli geschehen, dass die Existenz der Epidemie einfach geleugnet wird. Und so, bei verhärteten Fronten und ständig lauter werdendem Getöse, fährt das Bakterium in aller Stille fort, sich zu vermehren, die Lymphbahnen der Olivenbäume zu zerfressen und zu veröden.


Wenn man einen Roman schreibt, bringt man die eigenen Meinungen soweit wie möglich zum Schweigen, um die der Personen nicht zu beeinträchtigen. Als ich Bern und Teresa, Danco und Giuliana in ihr Besetzercamp und dann auf die Bäume folgte, tat ich das in völliger Wehrlosigkeit und doch mit der darunter liegenden Gewissheit, dass ich mich schwerlich mit ihnen gemeinsam in einem Kampf wie diesem wiederfinden würde. Aber die Tatsache, dass ich aus den unendlich vielen Geschichten ihre ausgewählt habe, lässt, so scheint mir, eine Möglichkeit meiner Seele erkennen: die Möglichkeit, die ich verspürte, als ich anfänglich voller Skepsis den jungen Leuten von Oria zuhörte und ihre Empörung über dieses rote X registrierte. Eine Möglichkeit des Widerstands, die angesichts der Dimensionen der verheerten Landschaft ringsum noch verschwindend geringer wurde, also romantisch und heroisch. Jedesmal, wenn ich heute Nachrichten über die Xylella-Epidemie oder ähnliche Geschichten höre – den Protest im Hambacher Forst, die Demonstrationen gegen den Flughafen von Nantes -, erwacht diese Möglichkeit in mir wieder zum Leben. Sie ist unterirdisch und doch wachsam, sie will keine Vernunft annehmen, sie will nicht länger zuhören oder verhandeln. Sie scharrt mit den Füßen, um auf die Bäume zu klettern, bis in die höchsten Äste hinauf, und von dort, mitten in diesem schon seit jeher, schon von Generationen vor uns verlorenen Kampf um die Umwelt, mitten in dieser unaufhaltsam vorrückenden Desertifikation, von dort oben will sie rufen: «Nein. Wenigstens nicht hier. Dieser eine Baum nicht.»


Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

  • Coverbild Den Himmel stürmen

    Paolo Giordano

    Den Himmel stürmen

    In dem Bestseller aus Italien schreibt Paolo Giordano über vier junge Leute, die ihre Träume leben. Sie snd Öko-Aktivisten, Frauen auf der Suche nach Selbstbestimmung, Männer mit ungewöhnlichen Idealen.
    Teresa lebt mit ihren Eltern in Turin, doch die Sommerferien verbringt sie jedes Jahr bei der Großmutter in Apulien, mit den Nachbarjungen Bern, ...

    zum Buch
    Preis: € 22,00
    Seitenzahl: 528
    Rowohlt
    ISBN: 978-3-498-02533-5
    09.10.2018
    Erhältlich als: Hardcover, e-Book

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