08.06.2018 von Stockmann, Nis-Momme in Solitär

Nis-Momme Stockmann: Am Tag danach


© privat



Es ist still im Haus. Ganz still. Kein Vater, der brüllt. Keine Mutter, die heult. 
Und auch der Hund bellt nicht wie sonst und verrät ihn, als er durch die Garage nach draußen geht.  


Der Junge steht da und atmet. 
Ein und aus. Ein und aus. 
Lange weiße Schwaden verlassen seinen Körper und gleiten in den Dunst des Nachmittags. 


Das Licht wabert zwischen Tag und Nacht. Der Winter ist nicht kalt, nicht warm. Die Erde ist angetauter Matsch. Die Gummistiefel sinken ein. 


Der Junge schaut herab auf seine Hände. In dem wegsterbenden Licht kommen sie ihm ganz fremd vor. Wie die Hände einer Puppe – angenäht an seinen Körper. Seltsame Klumpen Fleisch, die nicht anders können, als seltsame Bewegungen zu machen. 
Damit hat er gar nichts zu tun – denkt der Junge, und der Gedanke ist für einen Moment seltsam logisch. Rein und klar wie die Luft. 


Im Halbdunkel steht eine Gestalt. Sie winkt und entpuppt sich als Jan. 
Der Junge weiß: Jan will mit ihm auf die große Wiese hinter dem Haus. Jan will immer mit ihm auf die große Wiese hinter dem Haus. Denn Jan hat ein Luftgewehr. Er will Frösche schießen. Und Ratten. Und Vögel. Der Junge findet, dass Jan ein Arschloch ist. Trotzdem ist er irgendwie sein Freund. 
Wie das manchmal geht – 


Jan pumpt, legt an und schießt. Dem Frosch fetzt es glatt das Bein ab. Er will wegspringen, aber nur ein Bein gehorcht, er holpert, stolpert, rotiert um die eigene Achse, landet verwirrt auf dem Rücken und versucht, sich aufzurichten. 


Gezappel. 


Der Frosch verteilt das im Takt des schnell ersterbenden Herzschlags austretende Blut um sich, wie ein außer Kontrolle geratener Gartenschlauch. Das Leben verlässt ihn, schwebt noch kurz – beeindruckend wahrnehmbar – über seiner Leiche; und verstäubt sich dann. 


Der Frosch ist jetzt nur noch ein Gerücht. 
Schon Erde. 
Schon Staub  
– denkt der Junge. 


Jan lacht und sagt: «Den hat's zerfetzt.» Der Junge ärgert sich, dass er die Ruhe stört, die – und dafür hat der Junge, noch so jung, schon jetzt ein Gespür – heilig ist. 
Ein Punktum hinter all dem Dreck, der Mühe, der Qual: 
So eine Ruhe ist das. 


Der Junge sieht ihn an und fragt: «Glaubst du, du könntest einen Menschen töten?»
«Nein», sagt Jan. 
Und: «Natürlich nicht.» 


Sie sprechen nicht mehr, gehen im Dunkeln den Graben ab. Jan sagt noch (als wäre das eine gängige Verabschiedung): «Da sind Aale drin, kann man hören.» Dann schultert er das Gewehr, zieht die Nase hoch und geht nach Hause. 
Es ist jetzt fast völlig dunkel. 


Der Junge geht noch einmal um das Haus. Wie eine große eingeschlafene Kröte liegt es da. Die Bäume sind kahl. Das Vogelhaus schimmelt. Der Winter ist nicht kalt, nicht warm. Er schaut herab auf seine Hände. Sie sind rot. 
Für einen Moment denkt er: 
Das ist Blut. 
Dabei hat er den Frosch gar nicht berührt. 
Oder?


Es ist still im Haus. Ganz still. Kein Vater, der brüllt. Keine Mutter, die heult. Der Hund bellt nicht wie sonst, als er durch die Garage in das Haus geht. 


Der Junge steht in der Dunkelheit des Flurs da. 
Atmet ein und aus. Ein und aus. 
Noch einmal betrachtet er seine Hände. 
Fremde Hände, die nicht anders können. 


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