12.04.2018 von Schneider, Mareike in das Neueste zuerst

Mareike Schneider: Schöner sterben


© Gene Glover/Agentur Focus


Der Tod hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie mir scheint. Objektiv betrachtet, ist er nicht mehr und nicht weniger als der Zustand eines Organismus nach der Beendigung des Lebens; nicht also zu verwechseln mit dem Sterben, das, ebenso wie die Geburt, ein Teil des Lebens ist. Wir können nichts Konkretes über ihn wissen, deshalb haben wir Vorstellungen, die je nach kultureller Prägung umfassende Modelle mit sich bringen. Nicht selten wird der Vergleich der «letzten Reise» bemüht. Manch einer ist der Ansicht, man müsse sich auf selbige vorbereiten. Grundsätzlich jedenfalls scheint mir, je umfassender die Modelle ausgearbeitet sind, desto bereitwilliger finden sich Jünger für diese Theorien. So wie sich überraschenderweise ja auch immer wieder Menschen für Pauschalreisen finden. Aber auch bei Pauschalreisen gilt eben: Ob es wirklich so toll ist, wie versprochen wurde, weiß man erst sicher, wenn man da ist. Solange man nicht da ist, kann man nur glauben, dass es schön wird. Eine heikle Angelegenheit. Immerhin hört man nicht selten von schäbigen Hotelzimmern und enttäuschendem Essen.
Trotzdem lassen wir uns die Lust auf Ausflüge nicht nehmen, ob nun pauschal oder mit Isomatte, je nach Laune oder Charakter. Und in der Regel denken wir: «Och, das wird bestimmt schön.» Warum wir diese positive Grundhaltung nicht auch beim größten aller Abenteuer aufbringen können, leuchtet mir nicht ganz ein.
«Ist ja noch nie einer zurückgekommen, um zu berichten, wie's war!» Stimmt. Muss ein verdammt geiler Ort* sein.
«Und wer soll dieses oder jenes übernehmen, wenn ich nicht mehr da bin?» Also, da Sie die Katze leider nicht mit auf Exkursion nehmen können, suchen Sie doch bitte rechtzeitig jemanden, der sich liebevoll um sie kümmert.
«Die Anreise!» Ja, die Anreise macht meist wirklich keinen Spaß, zugegeben. Sie kann schmerzhaft und von Übelkeit begleitet sein; sie kann einen die letzte Würde und wirklich jede Vorfreude kosten. Manch einer verbringt seinen Urlaub deshalb lieber auf seinem Balkon. Aber dieses eine, abschließende Reiseziel ist nun mal obligatorisch, sorry, die Anreise muss sein.


Wenn Sie jedoch Angst vor der Anreise haben, verwechseln Sie diese nicht länger mit der Furcht vorm Reisen selbst. Hören Sie von heute an damit auf.
Beginnen Sie hierzu mit der Wahl Ihres bevorzugten Reisemodells: Entscheiden Sie also, ob Ihnen jemand etwas verspricht, auf das Sie sich freuen wollen – sei es nun Gott, Buddha oder das heilige Spaghettimonster –, oder – noch besser – ob Sie sich selbst etwas versprechen. Und wenn das geklärt ist, sehen Sie endlich zu, dass Sie sich die Anreise so angenehm wie möglich gestalten.


«Wie denn?» Ach, gut, dass Sie fragen! Haben Sie schon mal vom weitverbreiteten, hochgeschätzten Berufszweig des «Sterbeberaters» gehört? Ich leider auch nicht. Vielmehr ist die Sterbeberatung ein umstrittenes Feld, auf welchem sich in Deutschland etwa eine Handvoll Menschen vornehmlich im Bereich der Palliativversorgung bewegen – auch eine Grauzone, aber zumindest keine verrufene. Die aktuelle gesetzliche Regelung in Deutschland sieht gemäß einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 2. März 2017 diesbezüglich unter anderem vor, dass bei erwiesener schwerer Erkrankung die legale Möglichkeit besteht, unter sehr strengen Bedingungen auf sehr umständlichem Weg an eine tödliche Dosis Pentobarbital zu gelangen.
Die Legitimation des Sterbewunsches ist demnach gekoppelt an eine sehr schwere Erkrankung, das pure Alter folglich kein statthafter Grund. Das Leben ist also nicht nur ein Geschenk, es ist ein Gebot. Die persönliche Anerkennung desselben wird grundsätzlich angenommen. Weshalb Ärzte, Sanitäter und ähnliches Personal verständlicherweise zur Durchführung von Lebenserhaltungsmaßnahmen verpflichtet sind, sofern keine gegenteilige Willensäußerung des Patienten vorliegt. Wenn Sie also ob Ihrer voranschreitenden Demenz von der überforderten Verwandtschaft in einem «Heim» untergebracht werden und dann dort, wo die Anwesenheit aller Insassen tagein, tagaus jeden ihrer Sinne bedrängt, argumentationslos beginnen, die Nahrungsaufnahme zu verweigern, ist das Pflegepersonal per Gesetz dazu gehalten, ihren mutmaßlich trüben Willen zu umgehen, so Sie diesen nicht zuvor bei nachweislich klarem Verstand in einer Vorsorgevollmacht klar definiert haben. Vorsorgevollmacht — googeln Sie das mal, ehe es zu spät ist.


Das «Heim»: Kaum ein Wort der deutschen Sprache weist eine derart dramatische Bedeutungsambivalenz auf. Schon vor zwanzig Jahren waren Alters- und Pflegeinstitutionen verschrien als Orte dieser oder jener Verwahrlosung; arbeiteten hochqualifizierte Pflegekräfte unter Tarif und mussten ihr Tätigkeitsfeld auf das Allernötigste beschränken; waren Zivildienstleistende unabkömmlich, um das Arbeitsaufkommen in Pflegeeinrichtungen zu bewältigen; wurde FSJIer-innen die Verantwortung für ganze Stationen übertragen. Frisch von der Schule, reich an Lebenserfahrung und ohne Fachausbildung bekleideten sie eine Vollzeitstelle und erhielten dafür eine Aufwandsentschädigung von etwa 580 DM. Wer diesem Betreuungssystem entgehen wollte, ließ sich derzeit schon zu Hause von seinen Angehörigen umsorgen. Eine Verantwortung, die laut Statistik wie eh und je in vornehmlich weibliche Hände fiel, wo sie, trotz des gottgegebenen weiblichen Fürsorge-Gens, vermutlich nicht selten zu heimlicher Verzweiflung oder Erlösungswünschen führte. Niemand diskutierte in den Medien darüber. Vielleicht war es damals noch nicht schlimm genug.
Aber jetzt ist es plötzlich in aller Munde, endlich reden wir über Ausscheidungen und wie lange man darin liegt. Wir reden darüber, dass auch Barmherzigkeit gepflegt werden muss, damit sie aufrechterhalten werden kann. Wir reden davon, dass die Rechte alter Menschen gesetzlich verbrieft sein sollten, so wie ja auch die von Kindern und Menschen mit Behinderung schriftlich festgehalten werden mussten, um real zu sein. Wir reden von Fürsorgepflichten.
Allerdings reden wir nicht von den Pflichten der zu Umsorgenden. Wieso eigentlich nicht? Als Folge des «Lebensgebots» wäre dieser Gedankengang doch konsequent. Wenn es schon besteht, sollte es nicht auf das bloße Überleben beschränkt sein. Denn wie soll eine Gesellschaft funktionieren, wenn nicht jeder exakt so viel Verantwortung übernimmt, wie er tragen kann?
Wenn Sie in jungen Jahren nicht auf Ihre seelische und/oder körperliche Gesundheit achten, mag das für Sie akzeptabel sein, solange Sie sich selbst versorgen können. Aber wenn Sie dann alt und pflegebedürftig sind, baden andere die Spätfolgen mit aus. Was nützt Ihnen zudem eine hohe Rente, wenn Sie unfähig sind, gesunde soziale Kontakte zu pflegen? Was nützt Ihnen Ihr Ruhestand, wenn Sie nicht in der Lage sind, die gewonnene Freiheit sinnvoll zu nutzen? Und übrigens: Auch mit über 60 kann man sich noch reflektieren. Mag sein, dass es mit der Zeit mühsamer wird, so wie alles im Alter mühsamer wird. Dennoch ist es eine notwendige Sozialkompetenz, die sowohl Ihre als auch die Lebensqualität Ihrer Mitmenschen maßgeblich beeinflusst. Grund genug, sie sich mit allen Mitteln zu erhalten.


Hilfreich wäre, wenn wir zukünftig beim Stichwort «Altersvorsorge» neben der finanziellen zum Beispiel auch an eine soziale und seelische Absicherung denken würden. Statt unbedacht ins Alter zu stolpern, sollten wir uns auf diesen Lebensabschnitt vorbereiten, damit wir nicht nur alt WERDEN, sondern auch alt SEIN wollen. Selbstverständlich können wir sowohl von unseren Angehörigen als auch von Staat und Gesellschaft dabei Hilfe erwarten, aber wir müssen auch ein größtmögliches Maß an Eigeninitiative aufbringen.


Bis es so weit ist, kehren wir spontan noch mal zum Ausgang zurück — Tabuthemen verlieren doch nur langsam an Reiz. Ich denke ja, dass mit dem Tod exakt das passiert, woran man im Leben geglaubt hat. Und Sie?


*Name der mutmaßlichen Dimension von der Autorin geändert.


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