03.05.2018 von Fricke, Lucy in Solitär

Lucy Fricke: Das geschenkte Grab


© Dagmar Morath


Es gibt Feste, die können das Leben verändern. Feste alter Völker, die eigentlich längst ausgestorben sind, die Kulte und Riten feiern, dass einem die Fußsohlen verbrennen. 
So etwas gibt es überall, so etwas gibt es vor allem sehr weit weg, zumindest dachte ich das bis gestern.  
Ich verließ das Hotel, in dem ich zur Kur festsaß, obwohl ich nicht krank war, bloß ein wenig geschwächt, aber so ist das jetzt, man wird behandelt, damit man gar nicht erst erkrankt. 


Also wanderte ich im Spreewald umher, auf der Suche nach Wegen, von denen ich abkommen konnte. Eine Stunde später stand ich auf einem Marktplatz, der kein Platz war, sondern nur die einzige Kreuzung im Dorf, und darauf tobte dieses Volksfest. Es gab Tänze, Kostüme, Gebäck, Musik von der Harfe und vom Band, und es gab Lose. Es gab jede Menge Gewinne, und ich griff zu. Ich habe eine Affinität zum Spielen, eine Affinität zu allem, was kurzes Glück und lange Sucht verspricht. Konsequent meide ich daher Casinos, Spielhallen und Rennbahnen. Und dann das: Ich hatte offenbar einen Lauf, ich gewann ein kleines Glas Meerrettich, ein großes Glas Gurken, eine Flasche Schnaps, und schließlich knackte ich den Jackpot. 


Da wurde der Gong dreimal geschlagen, die alten Frauen brachen erst in Tränen aus, dann schlugen sie auf mich ein, zogen an meinen Haaren und fielen vor mir auf das Pflaster. Offenbar hatte ich etwas Spektakuläres gewonnen, das niemals ein Fremder hätte gewinnen dürfen. 
Wie man mir erklärte, war es ein Grab. Auf einem Hügel, mit freiem Blick auf den Fluss. Es war ein heiliger Ort, an dem ich meine letzte Ruhe finden sollte. 
Ich erlitt einen Moment der Panik, ein Aufreißen der Augen, ein Griff ans Herz, bis jemand mir über die Schulter strich und sagte: Nicht jetzt. Wann immer Sie bereit sind. In zwanzig, dreißig, vierzig Jahren. Ihr Grab wartet hier auf Sie. 
Ich müsse mich um nichts kümmern, nur ein paar Formalitäten, Unterschriften, Kopie vom Ausweis, und natürlich müsse ich mir Gedanken machen über den Stein, wenn ich das nicht schon längst getan hätte. Über seinen eigenen Grabstein hätte doch wirklich jeder schon mal nachgedacht. 


Verbrennen und die Asche ins Meer streuen war alles, was mir je dazu eingefallen war. Wer will heute noch einen Stein? Name. Geboren. Gestorben. Wie eine abgelaufene Auktion, bei der niemand zugegriffen hatte. Ein Denkmal, das mir nachträglich noch den Verdacht des Narzissmus einbrachte, den ich zeitlebens loszuwerden versuchte. 


Bitte keinen Grabstein, sagte ich, für wen denn?! Das wäre eine Zumutung, den müssten ja Leute pflegen und besuchen. Das kostete alles Geld und Zuwendung, das wäre doch eine Frechheit, das zu verlangen, nachdem es genau diese Dinge waren, die viel zu oft ausgeblieben sind. 
Das zu erwarten, von wem denn überhaupt, und dann noch im Spreewald, da müsste, wer auch immer, extra hinfahren. Das wäre ja fast eine Rache, das einzufordern, nachdem ich tot war. 
Der Mann vor mir starrte in seinen Bierkrug, als er sagte, dass ich ihn mit meinen Familienverhältnissen bitte verschonen solle, auch von meinen Befindlichkeiten wolle er nichts wissen, wie er sich überhaupt von den Befindlichkeiten anderer Leute nur sehr ungern stören lasse. 


Ich bin Steinmetz, sagte er, der Steinmetz, der schon morgen Ihren Grabstein hauen wird. Da ich ihn gewonnen habe, könne ich alles selbst bestimmen, dies passiere nur Glückspilzen – oder Kontrollfanatikern, dachte ich, die nichts dem Zufall und erst recht nichts der Verwandtschaft überließen. 
Sie können die Erinnerung an sich selbst in Stein meißeln, sagte er und kam fast ins Schwärmen: In Naturstein, Sandstein, Marmor, Granit. Was immer Sie möchten. Ein Grabmal ist so einzigartig wie der Mensch, und bei diesem Satz sah er mich zum ersten Mal an, als wolle er prüfen, ob ihm wirklich etwas Einzigartiges gegenüberstand. 
Er spuckte wirre Worte aus: Himalaya, Oceanblue, Multicolor, Paradiso, Tigerskin oder Padang G 654. 
Was soll das sein?, fragte ich. Steinsorten, sagte er, ich persönlich würde mich immer für den Padang G 654 entscheiden, damit macht man nichts verkehrt. 
Womit er seinen Punkt hatte, wenigstens beim Grab will man es richtig machen. Das war die wirklich allerletzte Chance, endlich einmal nichts verkehrt zu machen. 
Nehme ich, rief ich und klang dabei fast euphorisch. Gut, sagte er und notierte es auf seinen Bierdeckel. Kommen wir zur Schrift: 


Bremen, Calligraph, Honda, ZapfEllipt? 
Ich weiß nicht. Ich hätte gern einfach Helvetica oder Arial fett. Also Bremen, notierte er. Bremen geht immer. 
Vertieft gehauen, Relief gehauen, weiß getönt, schwarz getönt oder einfach Metall, Bronze?  
Weiß getönt, das klingt hübsch. Ich sah es direkt vor mir. 
Gut, meinte er, und jetzt noch eine einfache Frage: Wann geboren? 14. Dezember 1974. 
Schön, sagte er, Rest lass ich erst mal weg. Er lachte kurz und einsam, bevor er zum wirklich Wesentlichen kam: 


Was soll draufstehen?, wollte er wissen, bereit zum Diktat. 
Ich weiß nicht einmal, was ich für Freunde auf die Geburtstagskarten schreiben soll, ein in Stein gemeißelter Text über meine Einzigartigkeit trieb mir Angsttränen in die Augen. Ich begann zu stottern.
Hier liegt Lucy. Sie wurde 103. Die Guten gehen immer zu früh. Nein, warten Sie. Hier liegen meine Gebeine zum ersten Mal alleine. Oder ... 
Hören Sie, sagte er, ein Grabstein ist kein Ort für drittklassige Scherze. Es sei denn, Sie wollen als solcher erinnert werden. Es sei denn, Sie halten sich schon zu Lebzeiten für einen drittklassigen Scherz. 
Der Mann besaß eine erschreckende Menschenkenntnis. Ich sollte weniger mit Therapeuten reden und mehr mit Steinmetzen. Die wissen, was am Ende zählt. 


Alles läuft zu auf unseren Grabstein. Von dort aus betrachtet, ist das Leben ein langer, wilder Ritt, sogar das Stürzen und Fallen ist nicht ohne Reiz, in Anbetracht einer Zukunft, die man liegend unter dem eigenen Stein verbringt. Ich begann zu schwitzen, selbst hinter den Ohren, rote Flecken überzogen mein Gesicht. 
Er betrachtete mich wie einen Unfall, bei dem man trotz und wegen all seines Schreckens nicht wegschauen konnte. Schließlich flüsterte er mir zu, dass es hier eine Menge Menschen gebe, die liebend gern mit mir tauschen würden. Ich solle mir nichts erzählen lassen von irgendwelchen Flüchen, es bringe kein Unglück, ein gewonnenes Grab auszuschlagen; wenn ich möchte, könnte ich den Gewinn eintauschen gegen eine lebenslange Versorgung mit, zum Beispiel, eingelegten Gurken. 
Wir nickten einvernehmlich, und er sagte, er würde sich um alles kümmern. Am liebsten hätte ich ihn umarmt, doch einen Steinmetz, den umarmt man nicht, dem gibt man bloß fest und sehr erleichtert die Hand. 


Ich war nicht tot. Ganz im Gegenteil: Noch nie war ich so entschlossen, das Sterben den anderen zu überlassen. 


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