02.11.2018 von Fricke, Lucy in Solitär

Lucy Fricke: Ach, Erdbeben


© Dagmar Morath


Neulich kamen zwei ausgesprochen freundliche Gutachter in meine Wohnung. Der eine fotografierte die Wände, der andere testete die Funktionsfähigkeit der Fenster und Türen. Na, das funktioniert doch alles noch super. Der Fotograf nickte: Wände sind auch noch top. Wir kommen dann wieder. Neben meinem Haus wird jetzt eine Tiefgarage gebaut und das Gebäude entkernt. Das war mal ein Senatsreservenspeicher. Danach war es was mit Medien, Kunst und Partys. Seit zwei Wochen höre ich Schutt, der durch riesige Schläuche rutscht. Verloren klingt das. Am allerletzten Abend tranken wir dort noch, wir tranken Champagner und Rum Old Fashioned, was auch übertrieben war. Dann wurde mir unter dem Glas der Tresen weggerissen. Ein paar Holzlatten sind das nur gewesen. Temporäres Zeug. Alles immer temporär. Das Baulicht ging an, Schlüsselübergabe an das Abrissunternehmen am nächsten Morgen. Wir tranken die Reste. Die Stadt lässt einem wenig. Der Festsaal Kreuzberg ist ausgebrannt. Im alten Lieblingscafé werden jetzt Hüte angeboten, für die es keine Köpfe gibt. Vom Discounter an der Ecke war letzte Woche nur noch ein Haufen Asche zu sehen. 


Mir erzählte mal einer, der sein ganzes bisheriges Leben in Christchurch verbracht hatte, das Schlimmste an den ständigen Erdbeben sei der Verlust der Erinnerungen. Verschwinden die Straßenecken, die Häuser, verschwinden die Szenen, die man dort erlebte. Wie man hier die große Liebe küsste, dort die ganze Nacht tanzte, woanders frisch verlassen am Boden weinte. Die Bilder der Erinnerung gehen verloren. 


Jetzt wackelt das Haus, in der Küche klirren die Gläser. Meine Finger verfehlen bei jedem neuerlichen Stoß die Tasten. Ich schaue die Wand an, öffne und schließe das Fenster, geht alles noch, sieht alles noch top aus. Ich mache Fotos. Wie ich hier einmal wohnte. 


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