06.09.2018 von Gorelik, Lena in Solitär

Lena Gorelik: Mein Schreibtisch


Den einzigen Schreibtisch, der mir je etwas bedeutete, habe ich verschenkt. Der Schreibtisch war alt, voller Dellen, voller Kratzer, er war eine Hässlichkeit. Ich schenkte ihn einem Studenten, der nach Deutschland geflüchtet war. Den Schreibtisch hatten mir meine Eltern gekauft, ein typisches Jugendzimmerstück, Kiefer hell, kurz nachdem wir nach anderthalb Jahren im Asylbewerberwohnheim in eine richtige Wohnung gezogen waren. Er war eines der wenigen Möbelstücke darin, das nicht vom Sperrmüll stammte. 


An diesem Schreibtisch schrieb ich sinntriefende Gedichte über das Verschwinden des Ich, später zog er mit mir von WG zu WG, von Stadt zu Stadt, auf ihm schrieb ich meinen ersten Roman. Vor der Trennung dichtete ich mir einen schönen Kreislauf: Dem Roman waren weitere gefolgt, also hatte ich mir irgendwann einen neuen Schreibtisch gekauft, der nicht nach Jugendzimmer aussah, und konnte nun den alten dem Studenten schenken, dem es genauso ging wie mir damals. Abends, der Platz vorm Fenster war kreischend leer, kam das Bereuen: An dem Schreibtisch hatte ich meinen ersten Roman geschrieben. Was hatten die Romane mit mir gemacht, dass ich Erinnerungen wegen ein paar Dellen verschenkte? 


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