27.07.2018 von Adler, Katharina in Solitär

Katharina Adler: Ein unabhängiger Kopf


© Christoph Adler


Nicht weit von mir gibt es eine Kneipe, das Holy Home. Dort ist es eigentlich immer brechend voll, und man muss sich seinen Platz am Tresen erst erarbeiten. Der ist das Herzstück des Holy Home, wo nichts heilig ist – außer vielleicht das frischgezapfte Bier. Hinter dem Tresen ragt, einem Hochaltar gleich, ein Regal bis zur Decke, vollgestellt mit Schnäpsen, Likören, Weinbränden und allerlei Plastikfiguren. Homer und Bart Simpson stehen neben Jesus, die Büste von König Ludwig II. hat ein eigenes Fach, nicht weit von Buddha. Ernie und Bert winken aus einer Ecke. Marienstatuen haben hier genauso ihren Platz wie die Darth-Vader-Maske. 


Es gibt bestimmt noch allerlei auf diesem Altar der Nacht zu entdecken, doch so wirklich ins Auge gesprungen ist mir nur ein Gegenstand: die Actionfigur von Sigmund Freud. Es kam mir immer etwas sonderbar vor, dass er dort stand, aber vielleicht ist es gar nicht so falsch, den Professor aus Wien in eine Reihe mit den gängigen Superhelden zu stellen. Schließlich ist er mit Hilfe einer fast ikonischen Kostümierung (Dreiteiler, Bart und Brille) und speziellen Requisiten (der Couch, der Zigarre, den antiken Sammlerstücken) auf seine Weise gegen Triebe, Ängste und andere dunkle Wirkmächte angetreten. Und er hat wahrscheinlich bis heute mehr Schrecken aus New York vertrieben als Superman, Spiderman und Batman zusammen. 


Die Freud-Figur im Holy Home hat aber noch aus einem anderen, triftigeren Grund meine Aufmerksamkeit erregt: Teile meiner Familie waren seine Patienten. Über meine Urgroßmutter schrieb Freud sogar eine Krankengeschichte, die als der Fall Dora bekannt wurde. Erst war das nicht mehr als eine Anekdote, die ich zum Beispiel in einer Kneipe bei einem Glas Bier erzählte. Aber irgendwann begann ich mich für meine Urgroßmutter zu interessieren, diese Frau, die durch ihren Arzt berühmt geworden war, aber nicht unter ihrem wirklichen Namen und auch nicht für eine besondere Leistung. In der wissenschaftlichen Literatur wurde sie entweder zum Opfer oder zur Heldin stilisiert, weil sie es mit gerade achtzehn gewagt hatte, die Kur bei Freud abzubrechen. Ihr weiteres Leben fand, wenn überhaupt, nur in ein paar dürren, oft nicht sonderlich freundlichen Sätzen Erwähnung. 


Der Wiener Arzt Felix Deutsch, der sie in den 1920ern einmal kurz zu seinen Patientinnen zählte, resümierte dreißig Jahre später in einer Veröffentlichung über Dora, es müsse ein Segen für alle ihr Nahestehenden gewesen sein, als sie schließlich nach einer Krebserkrankung starb. Dazu zitierte er einen anonymen «Informanten», der sie als «eine der abscheulichsten Hysterikerinnen» bezeichnete, die er je kennengelernt habe. Eine Setzung, die in späteren Publikationen gerne übernommen wurde.   
Eine abscheuliche Hysterikerin. Eine Frau, bei der alle froh waren, als es mit ihr zu Ende ging. Waren das nicht äußerst grobe Urteile? 


Meine Urgroßmutter Ida Adler, geborene Bauer, war 1945 gestorben – weder mein Vater noch meine Tante konnten sich an sie erinnern –, aber selbst ich hatte noch jemanden kennengelernt, den sie geprägt hatte: meinen Großvater. Der war – das begriff ich bereits als junges Mädchen – bestimmt kein einfacher Mann. So wie ich ihn noch erlebt habe, war er von vielen bewundert und von nicht wenigen gefürchtet. Er war eine charismatische Person, und Vieles von dem, was ihn ausgemacht hatte, ließ sich auf seine Mutter zurückführen. Da war seine musikalische Ausbildung: Ida hatte ihn von einer Schönberg-Schülerin umfassend unterrichten lassen, zu einer Zeit, als Schönberg im Wiener Kunstverein noch ausgebuht wurde. Dann seine Liebe zum Musiktheater, die später seine berufliche Karriere als Dirigent und Opernintendant begründet hat: wieder die Mutter. Sie nahm ihn am Tag, als der Vater einberufen worden war, zum ersten Mal mit in die Oper. Seine Präzision: Ida hatte ihn als Kind seine Hausaufgaben immer dreifach anfertigen lassen. 


Martin Magner, ein enger Freund meines Großvaters, nannte Ida «eine außerordentlich intelligente Frau. Fast schon brillant. Sie hatte einen Kopf, der alles unglaublich schnell erfasst hat. Ich kann nicht sagen, wie viel Wärme sie hatte – wie viel Herz –, aber ihr Verstand war einer der schärfsten, denen ich je begegnet bin. Und amüsant, und ein großartiger Sinn für Humor.»


Mit dieser Beschreibung konnte ich wesentlich mehr anfangen als mit der «abscheulichen Hysterikerin». Magner behauptete nicht, dass es sich bei meiner Urgroßmutter um eine herzensgute, unkomplizierte Frau gehandelt habe, aber ihre unabhängige Denkweise, ihr Witz schienen ihm Eindruck gemacht zu haben. 
Es gab also Spuren, trotzdem war es immer noch nicht viel, was ich über sie wusste. Es existierten keine Tagebücher, gerade einmal zwei Fotos gab es von ihr. Und doch ahnte ich bald, dass diese Ida Adler ein erzählenswerter Charakter sein könnte, ja, eine Romanfigur. Ich hatte sie schon vor Augen: nicht die junge Freud-Patientin, diese widerspenstige Dora, mit der sich die Wissenschaft intensiv beschäftigt hatte. Ganz im Gegenteil. Mir schwebte eine andere Ida vor, eine Frau am Ende ihres Lebens, nach einer langen Odyssee in Amerika angelangt, bei ihrem erwachsenen Sohn, meinem Großvater. Über diese Ida wollte ich schreiben, eine Ida, weit weg von ihrem berühmten Pseudonym. 


So begann mein Roman in Chicago. Von dort wollte ich weiter, den Freud durchaus im Hinterkopf, aber mit Ida als meiner unbestreitbaren Hauptfigur. Ihrem Leben wollte ich nachspüren mit den mir zur Verfügung stehenden literarischen Mitteln, angereichert durch Recherche, wo sie möglich wäre. Viele Funde erwartete ich nicht – allenfalls über den Umweg ihres Bruders, der auf ganz andere Weise Prominenz erlangt hatte. Otto Bauer war ein prägender Politiker der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs gewesen und nach dem Ersten Weltkrieg sogar kurzzeitig Staatssekretär für Äußeres. 


Und tatsächlich, über den Nachlass von Otto Bauer stieß ich dann doch auf wichtige Details aus Idas Leben. Zum Beispiel konnte ich ihre Fluchtgeschichte rekonstruieren. In einem Archiv in Amsterdam fand ich einen Briefwechsel zwischen meinem Großvater und einem Parteifreund Otto Bauers. Ich erfuhr, dass Ida dank des Fry-Komitees aus Europa herausgekommen war. Varian Fry hatte unter anderem auch Max Beckmann, Hannah Arendt und Marcel Duchamp ins Exil verholfen. Duchamp fuhr sogar auf demselben Schiff (nur etwas später, auf einer anderen Überfahrt), der Serpa Pinto, einem portugiesischen Luxusdampfer. 


So hangelte ich mich von Fundstück zu Fundstück. Der Roman war schon fast geschrieben, da wurden 2016 die sogenannten Freud Papers in der Library of Congress freigegeben, und dort stieß ich unverhofft auf eine weitere wertvolle Quelle: die Interviews mit Idas Cousine Elsa. Auch sie war eine Figur in meinem Roman, doch lieferten die Typoskripte mir weitere Details. Ida hatte nun einen Hund an ihrer Seite, einen Schnauzer, und einen handfesten Konflikt um die Spielsucht von Elsas Ehemann, den ich auch noch in das Romangewebe einfädeln konnte.
Und dann gab es noch die Hauptquelle überhaupt, Freuds Krankengeschichte. Die restlichen Manuskriptteile waren schon fertiggeschrieben, bevor ich mich an diesen geradezu überdokumentierten Teil ihres Lebens wagte. Jahre hatte ich es hinausgezögert, diesen bekanntesten Teil von Idas Leben zu schreiben, kurz hatte ich sogar überlegt, Freud im Roman gar nicht auftauchen zu lassen, die große Leerstelle zu wagen. Aber diesen Gedanken verwarf ich. Das Wagnis war nicht die Leerstelle, das Wagnis würde sein, die wohlbekannte Geschichte neu zu erzählen. Das musste ich versuchen. 


Auch wenn sich für mich bald herauskristallisierte, welchen Ansatz ich für meine Neuschreibung wählen wollte, waren die Kapitel, die auf Freuds Schrift basierten, für mich die schwierigsten. Mein Ansatz – er ist im Grunde naheliegend – war, die Begegnung mit Freud vollständig aus Idas Sicht zu erzählen. Selbst die Wissenschaftler*innen und Autor*innen, die sich mit Dora auseinandergesetzt hatten, waren doch immer letztlich an ihrem Schöpfer interessiert gewesen, stets war es um den Erfinder der Psychoanalyse gegangen, um seine Pionierleistung im Fall Dora und häufiger noch: um seine Fehlannahmen.
All das würde bei mir nur eine Nebenrolle spielen. Ich wollte mich in Ida, das siebzehnjährige Mädchen, hineinversetzen, das von der Familie in eine neue, noch kaum erprobte Kur gezwungen worden war. Davon, dass ihr Arzt weltberühmt werden und selbst der Diwan in seinem Behandlungszimmer als «die Couch» in die Populärkultur eingehen würde, ja, dass dieser Doktor Freud einmal als Actionfigur aus Plastik zwischen Schnäpsen und anderen Heiligenfiguren stehen würde – davon konnte das Mädchen Ida nichts ahnen. 


Wenn ich über die Jahre von meinem Romanprojekt erzählte, wurde ich oft gefragt, was meine Familie davon halte. Es sei ja ein ungemein persönliches Projekt. Meine Familie begrüßte mein Vorhaben, zum Glück. Die erste Reaktion meines Vaters lautete: «Sehr schön. Da erfahren wir endlich mehr über die Ida Adler.» Das meinte er ganz sachlich, Enthusiasmus und Vorfreude schwangen aber auch mit. Darüber war ich unglaublich erleichtert. Das hat mir geholfen durchzuhalten.  


Auch wenn der Prozess des Schreibens immer eine sehr persönliche Angelegenheit ist, die Arbeit selbst einem schon in Mark und Bein geht, gab es doch Tage, die mir noch einmal besonders nahegingen. Einerseits die Kapitel mit Figuren, die ich noch selber kennengelernt hatte, meinen Großvater, meine Großmutter und Martin Magner, den Freund der Familie. Auch der kulturelle und materielle Verlust, die Entwurzelung und Verfolgung, die meine Urgroßmutter hatte erleben müssen, nahmen mich unerwartet mit. Gleichzeitig wuchs mein Respekt. Erst durch das Erzählen ihrer Geschichte habe ich wirklich verstanden habe, wie viel Kraft es sie gekostet hatte, sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Dann wieder gab es lange Strecken mit ganz anderen Herausforderungen. Wie bei jedem anderen Stoff wälzte ich dramaturgische Fragen, feilte an Spannungsbögen, suchte Motive, die sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen lassen würden, überlegte, wie eine Szene lebendiger wirken könnte. Ich schrieb, kürzte, schrieb neu und schrieb das Neue wieder um. 


Als ich dann unlängst das gedruckte Buch zum ersten Mal in Händen hielt, packte es mich doch mit einer gewissen Wucht. Ich hatte mir meine Ida erschrieben, einige Jahre mit ihr verbracht, ich war ihr – und sie mir – dabei so nah gekommen. Sie nun in Romanform in die Welt ziehen zu lassen, ohne meine schützende Hand, fiel mir nicht leicht, obwohl ich ja genau darauf hingearbeitet hatte. 


Eine letzte kleine Reise – nur wir beide allein – habe ich dann noch unternommen. Ich bin nach Wien und habe mit Ida zwischen ihren frischen Buchdeckeln einige der wichtigsten Romanschauplätze besucht: die Vegagasse, wo sie lange gewohnt hatte, das Hotel Royal, das ihre Bridgestube beherbergt hatte, die Kasernengasse (heute Otto-Bauer-Gasse), in der ihr Bruder lebte, und nicht zuletzt die Berggasse. Erst bin ich zur Nummer 32, dort hatte Idas Familie um 1900 eine Wohnung, dann zur berühmten Nummer 19.
Vielleicht werde ich das Buch in nächster Zeit auch einmal mit ins Holy Home nehmen und der Freud-Actionfigur zuprosten. Ein feiernder Schluck auf das, was aus der Familienanekdote geworden ist, ein Roman von 500 Seiten, und dann ein weiteres Glas auf das ereignisreiche Leben einer Frau, die stets um Eigenständigkeit gerungen hat, manchmal stur, oft mit Witz und immer mit einem unabhängigen Kopf. Die Geschichte der Ida Adler, die weit über das, was Freud damals in seiner Krankengeschichte über seine kurze Zeit mit Dora aufgeschrieben hat, hinausreicht. 


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