06.09.2018 von Missfeldt, Jochen in Kunststoff

Jochen Missfeldt: Meine Buchwelt ist die freie Hand. Ein Bekenntnis


© Ilse Clausen


Wieder einmal wurden in Afrika – Wiege der Menschheit - Schädelknochen eines Erdenbürgers ausgegraben. Auf über sieben Millionen Jahre beziffern Fachleute diese fossile Fundsache. Sie haben den Schädel aus seinen freigelegten Resten rekonstruiert, mit Hilfe von Computerprogrammen haben sie Gesicht und Gestalt eines Wesens gezeichnet, das am Anfang der menschlichen Entwicklungsgeschichte gestanden haben muss. Es bewegte sich im aufrechten Gang, sein Schädel trug nicht mehr die tierische Schnauze, sondern ein menschenähnliches Gesicht. 


Aufrechter Gang  heißt: Freiheit der Hand. Freiheit der Hand bedeutet: Das tierische Maul ist von der Nahrungsbeschaffung befreit worden. Mit der Ausbildung des aufrechten Ganges und mit der frei werdenden Hand hat sich die tierische Schnauze zum menschlichen Gesicht ausgebildet, und im Mund entwickelte sich die menschliche Hardware fürs Sprechen:  Zunge, Rachen, Kehlkopf. Die freie Hand ist Urheber des technischen Zeitalters, sie tritt als Werkzeug und Werkzeugmacher auf den Evolutionsplan und ist Metapher des Menschlichen. Die freie Hand spricht  als Geste, sie schafft die Voraussetzung für Sprache und Sprechen, sie steht für Krieg und Kunst, sie segnet und straft. 


Wann fingen unsere Uraltvorderen zu sprechen an? Wann konnten sie ihren Empfindungen und Gefühlen auch sprachlichen Ausdruck verleihen? Wann wurde also den Grimassen und Gesten der sprachliche  Ausdruck hinzugefügt? Das wird irgendwann irgendwo in Afrika gewesen sein, als die Hardware in Mund und Rachen und die Software im Gehirn menschliches Sprechen möglich machten. Afrika ist also nicht nur die Wiege der Menschheit, sondern auch die Wiege des menschlichen Ausdrucks. 


Welche Triebkräfte verbinden mich heute noch mit dem sieben Millionen Jahre alten Wesen aus Afrika, das wahrscheinlich ähnlich empfinden und fühlen konnte wie ich? Liebe und Hass. Lust und Ekel. Schrecken und Angst. Trauer und Freude. Neugierde, Langeweile und Trägheit. All dies wird mein afrikanischer Urahn begrunzt, beschrieen, beweint, belacht und mit Gesten begleitet haben. Und er hatte intelligente und weniger intelligente Mitwesen in seiner Gesellschaft, tapfere und feige, starke und schwache. Und für jede Stimmung hatten er und die Seinen den typischen Ausdruck, sie «machten ein Gesicht», so eines wie ich. 


Ich überschlage mal grob: Vor zehn Millionen Jahren befreite sich die Hand und löste damit die Entwicklung von Technik und Sprache aus. Technik und Sprache entwickelten sich gleichzeitig. Sie bildeten sich nicht nebeneinander, sondern miteinander aus, denn Sprache ist Technik und Technik ist Sprache – zwei unterkritische Massen aus ein und demselben Stoff, die, als sie zusammen kamen, überkritisch reagierten, um uns mit ihrer auf Unendlich programmierten Kettenreaktion fortzureißen: Vor einer Million Jahren sprachen unsere   Urahnen die Urahnensprache, sie fabrizierten das Urahnenwerkzeug und bahnten der Kunst den Weg. Vor hunderttausend Jahren nahmen sie Werkzeug und Farbe in die Hand und bemalten Felsen und Höhlen: Sprache und Technik kommen vor Kunst. Vor zehntausend Jahren begann die Entwicklung der Schrift: Kunst kommt vor Schrift. Vor fünfhundert Jahren erfand Gutenberg den Buchdruck: Schrift kommt vor Druck. Das ist die frappierende, sich immerzu beschleunigende Entwicklung meiner Buchwelt. Meine Buchwelt ist zehn Millionen Jahre alt.  In Wahrheit ist sie noch viel älter.


So gesehen ist meine Buchwelt ein großes Aha-Erlebnis.  Sie lässt mich besser staunen und leichter begreifen, weil sie Millionen Jahre Erfahrung umfasst. Millionen Jahre des Lesens. Die Evolution ist auch eine Geschichte des Lesens, denn die Übertragung des Erbmaterials von einer Generation auf die nächste ist der Akt des Lesens nach dem Akt der Zeugung. In den Sternen lesen. In den Wolken lesen. In den Spuren lesen. In den Gesichtern lesen. Das Lesen ist uralt und der Schrift um Abermillionen Jahre voraus. Es sichert das Überleben auch ohne Schrift. Wir lesen, um Antwort auf zwei entscheidende Fragen zu erhalten: Wer sind wir? Wo sind wir? Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das hierauf antworten kann; die freie Hand macht’s möglich.


Lesen ist die Voraussetzung für das Sammeln von Erfahrung. Jeder Mensch trägt in sich einen Millionen Jahre schweren Erfahrungsschatz, den unsere Vorfahren zusammen gelesen haben. Wer möchte nicht aus so einem Sack voll Erfahrung schöpfen? Ich möchte das. Ich möchte mit nie Gehörtem, nie Gesehenem, nie Gefühltem vertraut werden. Fernes, unbekanntes Sprechen, Denken, Empfinden soll mir nahe sein. Die Suche nach dem unbekannten Fremden ist immer die Suche nach den Gründen von Gut und Böse, Schön und Hässlich. Wo liegen diese Gründe, wie weit liegen sie zurück, Brüche mit Weidengehölz, wo Nachtigallen sitzen und mit Schall auf Knall ihren abwegigen Gesang singen, wo Ratten, Schnauze voran, Nahrung suchen, damit die Jungen groß und stark werden? Immer sind da Millionen Jahre im Spiel. Wann konnten unsere Urahnen wohl so etwas wie Schönheit und Poesie empfinden? Ich vermute: langsam und sicher, als sie mit Sprache und Technik auf dem Weg zur Kunst waren.  


Wie lang war der Weg, wie beschwerlich und tränenreich, wie unterhaltsam und interessant? Ein ungeheuer großer Schatz, der für mich gesammelt worden ist. Poesie und Schönheit für mich, die ich heute empfinden und bedenken kann. Millionen Jahre sind in Empfinden und Bedenken aufgehoben. Viel mehr noch; denn Poesie bannt die Zeit und verwandelt sie in den unendlich langen Augenblick. An die Poesie glaube ich darum ohne jeden Zweifel, sie liegt auf der Hand. An den lieben Gott glaube ich nicht ohne jeden Zweifel, er liegt nicht auf der Hand.  Beide aber halten mich senkrecht, beide lassen mich schwanken. Mit Poesie und Gott möchte ich mich erbauen, erheben, unterhalten, meinem Leben einen Sinn geben indem ich es liebe, also gerne leben. 


Für all das investiere ich. Ich gehe mit offenen Augen durch die Natur. Ich arbeite. Ich opfere Zeit und Geld und kaufe ein Buch. Das Buch bleibt bei mir. Ich bleibe beim Buch. Ich lese das Buch. Mein Interesse am Buch zieht ein unübersehbar langes Geschäft nach sich, das sich in Zahlen ausdrücken lässt: Arbeitsplätze in der Druck- und Papierindustrie, in Zeitungs- und Buchverlagen, im Buchhandel, in Bibliotheken. Umsätze. Steueraufkommen. Produktionszahlen. Das Interesse am Buch zieht ein unübersehbar langes Geschäft hinter sich her, das sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Das Buch im Kopf des Lesers. Denken und Kritik. Leistet das Buch Fortschritt und Aufklärung einen Dienst? Hat das Buch Auswirkungen auf Politik und Moral? Das Interesse am Buch bezeichnet das kulturelle Niveau einer Gesellschaft? Ohne Buch ist eine Gesellschaft wie die unsere nicht denkbar? Ist der Leser ein Mensch, der eher bereit ist, Konflikte im Kopf und mit Worten auszutragen, als mit der Hand und mit Waffen? Dienen Buch und Lesen eher dem Frieden als dem Krieg? Ist das Buch eine Waffe? Gibt es gute und schlechte Bücher? Verändert sich die Welt durch das Buch? Haben die Bibel und Das Kapital die Welt verändert? Haben Schriftsteller mit ihren Texten unsere Welt verändert? Hat das unserer Welt genützt? Wissen wir, wie es in unserer Welt aussähe, wenn wir keine Bücher hätten? Wissen wir, ob wir auf Bücher verzichten könnten? Würde unsere Welt ohne Bücher kollabieren?  Würden wir in einer Welt ohne Bücher auf vier Beinen laufen, würde sich dann unser Gesicht zur tierischen Schnauze entwickeln?


Die Konsequenzen des Buches, des Schreibens und Lesens  sind nur zum Teil messbar und unübersehbar komplex. Eines aber ist sicher: Das Buch ist die zwangsläufige Konsequenz aus der Entwicklung von Sprache und Technik. Das ist meine Buchwelt. 


Es ist mir unmöglich, meine Buchwelt objektiv zu benennen, zu fassen und zu bewerten. Ihre Voraussetzungen und Konsequenzen kann ich nicht annähernd beschreiben. Klar ist jedoch: Meine Buchwelt ist mir über jeden Zweifel erhaben. Schon kommen mir  Zweifel über die Erhabenheit meiner Buchwelt. Ist meine Buchwelt für mich ohne Einschränkung wirklich gut und richtig? Was sagt der Schriftsteller zu seiner Buchwelt? Was sagt der Arzt zu seiner Arztwelt, der Kirchenmann zu seiner Kirchenwelt, der Soldat zu seiner Soldatenwelt? Was sagen diese drei zu meiner Buchwelt? 


Mein Schriftsteller-Produkt, der Text, ist Teil dieses unüberschaubaren, komplexen Ganzen, ist Teil meiner Buchwelt. Die Frage «Wie funktioniert Ihre Produktion, wie entsteht Ihr Produkt?» kann ich nur aus der persönlichen Erfahrung dieses unüberschaubaren Ganzen beantworten. Meine Buchwelt ist meine persönliche Erfahrung, weil meine  Buchwelt mein Leben ist. Da gibt es keine Abstriche. Würde man mir meine Buchwelt von meinem Leben abziehen, dann würde nichts mehr übrig bleiben. Darum ist ein Bericht über meine Buchwelt auch ein Lebensbericht. Ich bin davon überzeugt, dass Voraussetzungen und Konsequenzen der Produktionsweise von Schriftstellern Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen haben. Diese Ähnlichkeit und Übereinstimmung wird sich darum auch in den Lebensberichten anderer Schriftsteller ablesen lassen. 


Ich selber sehe mich allerdings meistens nicht als Teil meiner nur andeutungsweise und unvollständig und subjektiv beschriebenen Buchwelt. Meistens sehe und fühle ich mich außen vor. Nur wenn ich als Leser lese oder als Schriftsteller schreibe, bin ich wirklich ein Teil von ihr, indem ich sie vergesse. Meine Aufgabe und Absicht als Schriftsteller, mein Beruf ist, mich immer wieder in meine Buchwelt hineinzuschreiben. Den Eintritt in meine Buchwelt bezahle ich mit Schreiben. Nachdem ich eingetreten bin, fängt die Arbeit, das Schreiben, an. Schreiben ist Ruf und Echo meiner Buchwelt, es erzwingt  die vollständige Besinnung des Textes und die akute Allgegenwart meiner Buchwelt. Ich bin der Text, und der Text bin ich. Ich schreibe, also bin ich der Text. Ein Suchen und Finden wie im Märchen. Hat die Suche zum Ziel geführt, dann kann die Erzählung beginnen: Es war einmal. 


Aus der Identität von Ich und Text ergibt sich auch das Wie der Produktion. Das Wie ist die Suche nach dem Ausdruck. Die Frage, warum ich produziere, steht während der Arbeit nicht an. Das Warum fragt nicht, wenn das Wie souverän ist. Das Warum ist aber subversiv; denn tatsächlich ist die Antwort auf das Warum immer präsent, irgendwo außerhalb: Die Produktion soll Honorar erbringen, soll im Druck erscheinen, soll verbreitet werden, soll Öffentlichkeit herstellen, soll Resonanz haben. Das Warum ist ein fern sitzender Stachel und hat auch einiges Gift zu verspritzen: Neid, Hass, Eifersucht. Das Wie und Warum sind meine Buchwelt, aber auch das Was, das Wo, das Wer gehören dazu. 


Ich weiß nicht, wohin meine Buchwelt sinkt, wenn ich an einem Text arbeite. Nun, wo die Buchwelt auch mein akuter Text ist, stelle ich sie mir wie das unsichtbare Fundament eines Hauses vor. Diese Welt ist bedeutende Erfahrung: Leben, Lesen, Schreiben. Das Fundament ist mehr oder weniger fruchtbarer Boden; von daher sprießt und sticht es, von daher wächst es mir zu. Das Haus ist mein Arbeitsraum. Da ist das Lebendige im Arbeitsprozess. Da verkehrt der Text mit mir, und ich verkehre mit dem Text. Wir beide begehren Einlass in meine Buchwelt, sind gegenwärtig und identisch, warten auf Vergehen und Trennung, sind flüchtig in unserer gegenseitigen Liebe und gefüllt wie ein Speicher: Masse und Macht, potentielle und dynamische Energie, Erinnerung und Assoziation. 


So entsteht der eigene Ausdruck. Das unverwechselbare, einzige Leben eines Menschen erzeugt seinen unverwechselbaren Ton, so wie der Finger seinen unverwechselbaren Abdruck. Der Schriftsteller muss diesen Kammerton des Ausdrucks hören. Je besser er hört, umso besser für den Ausdruck.  Den Ausdruck schreibt er auf. Ausdruck: sein Sprechen, sein Stil, seine Wörter. Das ist das erste und wichtigste Anliegen jedes Künstlers: das eigene Original finden. Kunst ist darum zu allererst Ausdruck. In der Kunst steht der Ausdruck über seinem Thema, während in den Wissenschaften das Thema über dem Ausdruck steht.  


Die Arbeit ist getan. Text und Autor, jeder ist wieder allein. Meine Buchwelt,  die mir so viel bedeutet, steht mir wieder als riesengroßer Aufpasser gegenüber und sieht mir kritisch in die Papiere. Diesem Blick heißt es standhalten, damit er mir nicht seinen Stempel aufdrückt und in den Ausdruck pfuscht. Dieser Blick will an den Ausdruck ran. Er nährt die Zweifel. Er lähmt und hemmt. Dieser Blick hält mich auch auf Distanz und bewirkt das Außenvor. Dieser Blick erzwingt auch, dass ich mich erhole, um wieder die Kurve zu kriegen. Will ich mich als Teil meiner Buchwelt fühlen, dann muss ich diesem Anspruch, dem Anspruch meiner Buchwelt, gerecht werden. Meine Buchwelt verlangt, dass ich tapfer bin und vor meinen Feinden nicht in die Knie gehe. Meine Buchwelt ist gnadenlos und schickt mich zum Teufel, wenn ich zu rechnen und zu schielen anfange. Meine Buchwelt ist mir nicht gnädig, weil ich gute Werke tue. Meine Buchwelt lässt sich aber auch gnädig herab und schenkt mir einen Preis. Nach dem Preis fordert meine Buchwelt von mir Bescheidenheit, Offenheit, Toleranz, Solidarität. Meine Buchwelt ist weiblich und spricht auch als Pädagogin: Schreiben ist Lernen, und Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Meine Buchwelt ist streng. Texte schreiben ist schwer. Düsenjäger fliegen ist nicht so schwer. 


Der Anspruch, den mich meine Buchwelt fühlen lässt, macht mich vorsichtig. Ich liege auf der Lauer. Ich sehe und höre mir viel an und schreibe wenig. Es gibt Tage, da schreibe ich gar nicht. Ich sitze im Sessel und döse oder liege in der Hollywoodschaukel und lese. Abends  liege ich in der Hollywood-Schaukel und lese nichts. Ich suche den Himmel ab nach Satelliten. Tag und Nacht sind eine Fundgrube. Was ich finde, das schreibe ich auf. Jeder Tag zählt für meine Buchwelt, und meine Buchwelt zählt die Tage. Meine Buchwelt wird langsam und sicher eine immer größere Buchwelt. Das hat Folgen für die Arbeit. Die Themen, die Bearbeitung verlangen, müssen mein ständig wachsendes Buchwelt-Universum durchdringen, um in das Licht des Ausdrucks zu gelangen. Meine Buchwelt muss ich pflegen, erhalten, immer neu organisieren: Wegeplanung, Verkehrskontrolle, Geschwindigkeitsbeschränkung, Abfluss- und Kanalisation, Filteranlagen, Verbot und Gebot, Neubaugebiete, Fragen der Ökologie und Ökonomie. Altes wegwerfen, für Neues Platz schaffen. Erhaltung und Pflege der Anlagen. Deponien anlegen. Zu entrichten sind Steuern, Abgaben. Rechnungen müssen bezahlt werden. Ich muss Gespräche führen mit Freunden, Kollegen, Redakteuren, mit Lektorin und Verleger. Was ich nicht weiß und im Dunklen vermute, muss ich  im Auge haben. Maßstab bei der Beurteilung des Sachverhalts sei gleichermaßen Milde und Strenge; denn beide sind immer gefragt. Urteile sind zu revidieren, Feindschaften zu beenden, Freundschaften zu schließen, zu pflegen oder unter ein kritisches Licht zu stellen. Krankheit ist zu überstehen, Gesundheit ist zu erhalten. In allem, was um und in mir als sprechender Techniker ist, heißt es: Freie Fahrt für den Ausdruck. Der Ausdruck sitzt an der Schnittstelle von Leben und Werk. Sollte es da keine Schnittstelle geben, sollten also Leben und Werk eins sein, dann sind nicht zwei verschiedene Sachen Teil eines Ganzen, sondern beide zusammen sind nur eines: Ausdruck. 


Der Ausdruck wäre auch da, wenn ich kein Text-Produzent wäre. Jeder einzelne Mensch hat den eigenen Stempel, hat seinen Ausdruck: Gestalt, Gang, Physiognomie, Mimik, Schrift, Sprechen, Schweigen, Haarschnitt, Kleidung. Zusätzlich kann er sich seiner Begabung und Neigung gemäß ausdrücken:  als Musiker, Maler, Schauspieler, Tänzer, Sportler, Wissenschaftler, Kaninchenzüchter, Briefmarkensammler, Porzellanliebhaber, Oldtimerliebhaber, Hobbygärtner. Jeder Mensch ist auf der Suche nach Ausdruck. Diese Suche ist das von Millionen Jahren Evolution erfüllte große Lebensthema eines jeden Menschen. 


Das Thema, das «Was», das bei mir, dem Text-Produzenten, anliegt und nach Ausdruck verlangt, ist eines unter vielen Größen meiner Buchwelt. Mir ist das Thema nicht egal. Es muss zu mir kommen und ich muss, wenn auch nach einigem Zögern, «Herzlich willkommen» sagen. Welches Thema ich auch immer in Empfang nehme: Meine Buchwelt verlangt sorgfältigen Umgang. Ich muss recherchieren, wissen, begreifen, bewerten, beurteilen. Am Ende muss ich mich entschließen, damit das Thema zu seinem, also zu meinem Ausdruck kommt. 


Was man mir nicht vorschreiben darf: So und so musst du dich ausdrücken. Das ist wie ein Todesurteil. So eine Vorschrift müsste ich ablehnen. Ich müsste darauf sagen: Tut mir leid, das geht nicht, weil ich nur  auf meine Weise leben und schreiben kann. Denn der Ausdruck ist mehr als ich, der Text-Autor. Ich habe keine Macht über den Ausdruck, sondern der Ausdruck hat Macht über mich. Es wäre also ganz sinnlos, von mir zu verlangen, drücke du dich mal so oder so aus. Mein  Ausdruck ist derjenige, den mir meine Buchwelt erlaubt. Der Ausdruck ist als Potential, also ungeschrieben, immer vorhanden. Wenn die Arbeit am Text stattfindet und das Leben um Ausdruck ringt und die Zeit vergisst, ist meine Buchwelt doch leibhaftig anwesend, indem das Ungeschriebene geschrieben wird. Das Potential entfaltet seine Kraft und liefert das Gewicht, das die Gehorsamswelt, in der wir leben, austariert: mit Befehlsverweigerung, sprachlichem Ungehorsam, also mit Poesie. Hier ist nun für außen stehende Beobachter allergrößte Vorsicht und Rücksicht geboten. Hier kommt man der unantastbaren Würde des Menschen in meiner Buchwelt ganz nah. Hier besteht Verletzungsgefahr. Meine Situation ist aber nicht die der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder der Tsunamikatastrophe von Südostasien. Meine Situation ist die des einsamen Verkehrsteilnehmers, der wissentlich bei Rot die Straße überquert und einen ganzen Kanon von Konsequenzen in Kauf zu nehmen hat, ohne sie alle bedenken zu können. Meine Buchwelt ist also auch eine verletzbare Welt, weil sie die  menschliche Würde ganz oben anstellt. Wer tut das nicht! wird gesagt mit der freien, erhobenen Hand. Sehr richtig; aber meine Buchwelt wäre keine, wenn sie die menschliche Würde nicht wirklich ganz oben anstellte. Daraus folgt, dass meine Buchwelt auch eine Instanz des Gewissens, der  Kritik, der Kontrolle und Kommunikation ist, eine Instanz für Management und Güterabwägung. Meine Buchwelt ist die freie Hand.


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