02.08.2018 von Mahlke, Inger-Maria in Im Gespräch

Inger-Maria Mahlke: Teneriffa


© Dagmar Morath


«Meine Familie kommt aus dem Norden, er ist bergig, im Winter weich und grün. Im Sommer gilbt die Sonne alles saftig Elastische an den Hängen weg, vereinzelt grüne Chumberas, Feigenkakteen, bläuliche Agaven-Inseln. Der Rest gelbbraun, aufs Wesentliche reduziert, auf Fasern und Ästchen, Holziges und Ledriges, störrisch und scharfkantig. Felsvorsprünge, Brüche und Schnitte dazwischen, die im Winter sanfte Hügel und Senken sind.


Mein Großvater liebt Technik und verabscheut Pfarrer. Nach dem Bürgerkrieg baut er ein Kristalldetektorradio in einer Zigarrenkiste und hört nachts heimlich die französischen Sender aus Marokko. Meine Urgroßmutter bekreuzigt sich, sobald er es einschaltet, und murmelt fortwährend Santa Maria, madre de dios. Mein Großvater fährt einen weißen Austin Morris A60, la uva, die Weintraube, genannt, denn er wiederholt ständig, das Auto sei gesund wie eine Weintraube. Meine Urgroßmutter lässt Santa Candelaria unter einer Glasglocke mittig auf dem Armaturenbrett festschrauben und betet während der Fahrt unablässig ihren Rosenkranz. Als ich klein bin, gibt es keinen TÜV auf der Insel, es fährt, was fährt.»


Warum wird in «Archipel» die Geschichte rückwärts erzählt?


«Weil ich Das-kommt-von-Logiken nicht mag. Sie verengen den Blick. Weil die Insel bereits viele Inseln war und eine in der anderen steckt.
Weil ich seit dem letzten Buch Archäologie-Dokus zum Einschlafen gucke. Nachdem der Text fertig war, ist mir aufgefallen, dass meine Methode irgendwas damit zu tun hat: sich vom Jetzt ins Früher graben. Die unterschiedlichen Schichten, Horizonte definieren, herauspräparieren, die Veränderungen von einer Phase zur anderen festhalten. Fundstücke datieren und in einen Kontext bringen.
Weil die Insel schon immer aus Schichten bestand. Als Kind habe ich die Sommerferien hier verbracht. Sechs-Wochen-Abschnitte, die sich als Erinnerung nicht aneinanderreihen lassen, sondern nur stapeln. Zu groß waren die Veränderungen von einem Jahr zum anderen.
Weil die Insel für mich immer auf der Autobahn zum Flughafen im Süden begann und endete, auf der in die auslaufenden Berghänge gefrästen TF-5. Rechts und links der Fahrbahn rötliche, ocker- und sienafarbene Streifen, unterschiedliche Gesteinsschichten, übereinander erstarrt, denen man mit den Augen kilometerlang folgen konnte.
Weil ich ohne die Insel wahrscheinlich nie angefangen hätte zu schreiben, sie stand so offensichtlich im Widerspruch zu meiner deutschen Vorort-Kindheit-Wirklichkeit, dass sie diese zu einer bloßen Möglichkeit herabstufte.
Weil es beim Schreiben weniger langweilig ist.»


weitere Neuigkeiten


05.12.2018 von Bähr, Andreas in Solitär

«Vor 400 Jahren stand schon einmal ein weltgeschichtlich verheerender Schweifstern am Himmel, und zwar kein metaphorischer, sondern ein echter …»   weiterlesen

05.12.2018 von Fricke, Lucy in Solitär

«Ich überlege, was eigentlich aus mir geworden ist …»: Über die Kämpfe von gestern und die Kämpfe von heute   weiterlesen

05.11.2018 von Adler, Katharina in Solitär

«Save our democracy in five juicy flavors …»: Weshalb die Münchner Autorin sich an den US- Midterm Elections beteiligt   weiterlesen

02.11.2018 von Bekas, Gerasimos in Im Gespräch

«Alle Guten waren tot», ein Roman über die Identitätssuche eines jungen Deutsch-Griechen   weiterlesen

02.11.2018 von Fricke, Lucy in Solitär

Schutt und Asche: Wenn mit der Abrissbirne Stadtentwicklung betrieben wird, gehen die Bilder der Erinnerung verloren   weiterlesen

04.10.2018 von Giordano, Paolo in Solitär

«Als ich Bern und Teresa, Danco und Giuliana in ihr Besetzercamp und dann auf die Bäume folgte, tat ich das in völliger Wehrlosigkeit und doch mit der darunter liegenden Gewissheit, dass ich mich schwerlich mit ihnen gemeinsam in einem Kampf wie diesem wiederfinden würde.»   weiterlesen

03.10.2018 von Reschke, Anja in Solitär

Haltung ist wieder ein öffentliches Thema, nach Chemnitz und Köthen erst recht. Aber was ist das eigenlich: Haltung?   weiterlesen

03.10.2018 von Pfabe, Denis in Solitär

Man kann im Kaffeehaus schreiben oder im trendigen Co-Working-Space. Denis Pfabes Texte entstehen in einer holzverschalten Arbeitsbox im Keller …   weiterlesen

06.09.2018 von Ruge, Eugen in Solitär

Ist es in ein paar hundert Jahren mit dem Neuhochdeutschen vorbei? Eugen Ruges Rede im Dresdner Schauspielhaus vom 25. Februar 2018   weiterlesen

06.09.2018 von Gorelik, Lena in Solitär

Ein einziges unscharfes Foto ist ihr von dem alten Schreibtisch geblieben. Und viele Erinnerungen …   weiterlesen

06.09.2018 von Missfeldt, Jochen in Kunststoff

«Meine Buchwelt ist streng. Texte schreiben ist schwer. Düsenjäger fliegen ist nicht so schwer…»   weiterlesen

06.09.2018 von Herrndorf, Wolfgang in Solitär

«Meine erste Freundin hieß Katharina Rage, ich war fünf Jahre alt. Wir wohnten im selben Treppenhaus …»   weiterlesen

02.08.2018 von Strunk, Heinz in Solitär

Rabiates Experiment: Ein Text aus Heinz Strunks neuem Buch «Das Teemännchen»   weiterlesen

02.08.2018 von Aramburu, Fernando in Solitär

Eine Weichenstellung aus Liebe: Wie Fernando Aramburu 1983 aus Saragossa nach Hannover kam   weiterlesen