02.08.2018 von Strunk, Heinz in Solitär

Heinz Strunk: Ein Modellversuch


© Dennis Dirksen


Es handelte sich um ein Experiment, um den Versuch, dem konventionellen Strafvollzug eine ganz und gar unkonventionelle Variante zur Seite zu stellen: Die Insassen dieses 2002 errichteten Gefängnisses bekommen je nach Vergehen unterschiedlich viel zu essen. Die besonders schweren Jungs, die sich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht haben (Raubmörder, Kidnapper), sind angehalten, viele, große, schwere und kalorienreiche Mahlzeiten zu verdrücken, während Trickdiebe oder Heiratsschwindler, also die Leichtgewichte unter den Tätern, gerade eben so viel bekommen, dass es zum Überleben reicht. Ein wegen notorischen Schwarzfahrens zu 7 Monaten Verurteilter ist letzte Woche, kurz vor seiner Entlassung, angeblich verhungert. Dieses Modell wurde seinerzeit von einer nur für kurze Zeit bestehenden Dreiparteienkoalition beschlossen. Der linke (oder war es der rechte?) Flügel einer der Parteien hatte sich durchgesetzt, und die ganz und gar verrückte Idee wurde trotz wütender Proteste durchgezogen.


Längst herrschen andere politische Verhältnisse. Von den damals Verantwortlichen ist niemand mehr in Amt und Würden, ja, es erinnert sich kaum einer mehr daran, mit welcher Begründung dieses Modell durchgewinkt wurde. Unvorstellbarer Schwachsinn. Etwas muss damals komplett aus dem Ruder gelaufen sein. 


Aber mittlerweile hat man sich irgendwie dran gewöhnt, es wäre kompliziert und mit erheblichen Kosten und Aufwand verbunden, das Modell zu beenden und das eigens eingerichtete Gefängnis aufzulösen. Niemand fühlt sich so recht berufen, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Die zahlreichen Klagen werden von einer Instanz zur nächsten verwiesen, wer weiß, ob sie irgendwann mal den Bundesgerichtshof erreichen oder sogar den Europäischen Gerichtshof.


So sind die Jahre ins Land gegangen, und es tun sich immer wieder neue Probleme auf: Um an ausreichend Verpflegung zu kommen, werden viele Häftlinge im Knast erneut straffällig, werden aus Scheckbetrügern Totschläger, aus Dieben Vergewaltiger. Nicht jeder ist zum Verbrecher geboren; einen Mithäftling mit bloßen Händen zu ermorden ist eine verdammt harte Angelegenheit – die im Übrigen ja auch gelernt sein will – , aber wenn man kurz vorm Verhungern ist, überwindet man sich dann doch.


Es ist daher nur noch eine Frage der Zeit, bis ausschließlich Schwer- und Schwerstverbrecher einsitzen, die sich dann nach Herzenslust vollstopfen, bis sie an Verfettung, Diabetes oder Herzinfarkt sterben oder ganz einfach platzen. Vielleicht war das ja die ursprüngliche Idee.


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