02.08.2018 von Aramburu, Fernando in Solitär

Fernando Aramburu: Eine Entscheidung


© Iván Giménez / Tusquets Editores, 2017


Wir Menschen treffen immerzu Entscheidungen. Man weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir, anstatt in eine Straße abzubiegen, eine andere genommen hätten. Es gibt alltägliche Entscheidungen, von denen wir uns keine großen Veränderungen erwarten. Man kann natürlich nichts ausschließen; dennoch kann man sagen, dass mit keinen besonderen Folgen rechnet, wer im Alltag die Wahl zwischen Tee oder Kaffee, zwischen Kino oder Theater trifft. Im Großen und Ganzen bin ich  jedoch überzeugt, dass es zwei, drei, vier Entscheidungen gibt, die das Leben eines Menschen für immer prägen. Eine solche Entscheidung traf ich im Spätsommer des Jahres 1983, als ich zum ersten Mal in die Bundesrepublik Deutschland reiste. 


Im Jahr zuvor hatte ich ein Mädchen aus Hannover kennengelernt. Den Moment, als ich sie zum ersten Mal sah, habe ich nie vergessen. Ich wohnte damals mit zwei Kommilitonen in einer Studenten-WG in Saragossa, wo ich Spanische Philologie studierte. Unser Wohnzimmer stand sozusagen leer; wie benutzten es eigentlich nie. Ich schlug meinen Mitbewohnern vor, es zu vermieten, dann könnten wir unsere Monatsmiete durch vier, anstatt wie bisher durch drei teilen. Sie waren sofort einverstanden. Ich kümmerte mich darum, dass in verschiedenen Fakultäten ein entsprechender Aushang ans Schwarze Brett kam. Einen davon las ein deutsches Mädchen mit graublauen Augen und wehender Mähne. Sie verbrachte ein Semester an der Universität von Saragossa und teilte sich eine Wohnung mit zwei anderen deutschen Studentinnen, was ihrem Wunsch, Spanisch zu lernen, nicht gerade entgegenkam. Daher beschloss sie, sich das im Aushang angebotene Zimmer anzusehen.


Sie kam an einem sonnigen Morgen gegen zehn. Sie klingelte. Ich öffnete. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich glauben konnte, dass dieses wunderschöne Mädchen keine Traumgestalt war. Und sie akzeptierte unser Wohnangebot. Die Liebe nahm sich ihre Zeit, doch am Ende führte sie uns zusammen. Sie musste nach Deutschland zurück, zu ihrem Studium in Göttingen, und ich stand vor einer Wahl mit unabsehbaren Folgen: entweder Doktorarbeit und Universitätslaufbahn oder sie. Sie bedeutete die Aufgabe meines Landes, meiner Kultur, meiner Familie, meiner Freunde, meiner literarischen Kontakte, einer beruflichen Zukunft an der Universität. 


Die Stimme des Herzens beseitigte jeden Hauch eines Zweifels. Ich entschied mich für sie. 1983 bestieg ich irgendwann einen Zug in Richtung Hannover. In Paris musste ich umsteigen, einen anderen Bahnhof nehmen. Ich hatte eine Liste mit zweihundertfünfzig deutschen Wörtern dabei, die ich unterwegs auswendig zu lernen versuchte. Ich wusste nicht einmal genau, wie sie ausgesprochen wurden. Mit solch zweifelhaften Kenntnissen erreichte ich meinen Bestimmungsort.


Ohne Beruf und ohne Geld tat sich eine schwierige Zukunft vor mir auf. Die deutschen Behörden gaben mir keine Aufenthaltsgenehmigung, weil ich keine Arbeitserlaubnis vorweisen konnte. Also beantragte ich eine Arbeitserlaubnis, die man mir jedoch verweigerte, weil ich keine Aufenthaltsgenehmigung besaß. Spanien gehörte damals noch nicht zur Europäischen Union. Die bürokratischen Erfordernisse waren kompliziert. 


Eine verständnisvolle Beamtin schlug meinem deutschen Mädchen und mir vor, zu heiraten. Ein misstrauischer Beamter in Hannover argwöhnte eine Scheinehe und wollte uns nicht trauen. Deutschland, das so großzügig zu mir gewesen ist, zeigte mir damals seine harte Seite. Ein anderer Beamter glaubte an die Wahrhaftigkeit unserer Liebe und verheiratete uns auf dem Standesamt in Göttingen. Er hat sich nicht geirrt. Seit jenem verregneten Dienstag, an dem mein deutsches Mädchen und ich geheiratet haben, sind vierunddreißig Jahre vergangen. Wir sind immer noch zusammen. Wir haben zwei Töchter.


Ich musste nicht erst davon überzeugt werden, mich in die Gesellschaft zu integrieren, die mich aufgenommen hatte. Die deutsche Sprache lernte ich, wie ein Verdurstender das Wasser schlürft. Jetzt kenne ich das Vergnügen, Kafka, Thomas Mann und Goethe im Original zu lesen. Der Kreis meiner deutschen Freunde wurde größer und größer. Ich habe vierundzwanzig Jahre lang als Lehrer gearbeitet, als Angestellter im öffentlichen Dienst an nordrhein-westfälischen Schulen in Lippstadt und in Geseke. Abgesehen von meiner frühen Lyrik ist mein literarisches Werk in Deutschland entstanden. Und das alles, weil an einem sonnigen Herbsttag in einer südeuropäischen Stadt ein schönes Mädchen an der Tür geklingelt hat. 


Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen



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