03.10.2018 von Pfabe, Denis in Solitär

Denis Pfabe: Mein Schreibtisch


© Privat

Ich habe jahrelang im Keller geschrieben. Ein zwölf Quadratmeter großer Verschlag; das kleine Fenster verrammelt, die Wände feucht und muffig. Kein WLAN, kein Handyempfang, keine Katzen, die sonst überall um mich herumwuselten. Ab und an nur das Gluckern der Leitungen im Gemäuer und das Knacksen vom Sicherungskasten, wenn jemand im Hausflur das Licht einschaltete.


Im Winter saß ich dort mit einem kleinem Elektroofen unterm Tisch und einer Wolldecke um die Schultern. Im Sommer blieb es angenehm kühl, nur der Mauergeruch setzte sich fies in der Kleidung fest. Ich trug immer dieselbe Jacke, wie eine Arbeitsuniform. Nur eine Handvoll Leute haben je diesen Ort gesehen, in dem ich jahrelang auf die Holzverschalung gestarrt hatte, die ich um den Tisch gebaut hatte. Wie im Großraumbüro, eine an einer Seite offene Kiste, links und rechts mit OSB-Platten verkleidet, wie Scheuklappen. Der Rest des Raums war vollgestellt mit meinen Rennrädern, Werkzeug und Maschinen, doch in meiner kleinen Arbeitsbox war ich abgeschirmt vom Chaos um mich herum.


Anfang des Jahres bin ich umgezogen. Bei der Wohnungsbesichtigung zeigte mir der Vermieter, auf mein Drängen hin, die Kellerabteile. Er war etwas irritiert: Die Altbauwohnung in bester Lage mit zwei Balkonen und Holzparkett war ein Traum, dennoch sah er mir meine Enttäuschung an, als er mir den zwei mal zwei Meter großen Abstellraum zeigte. Da passt mein Schreibtisch nicht rein, murmelte ich.


Wir hatten ein paar Wochen, um alles zu renovieren. Ich besorgte neue OSB-Platten und baute ein Replikat meiner alten Schreibox in den Raum, der zukünftig als Büro und Ankleidezimmer dienen sollte. Wenn ich jetzt auf meine Pinnwand starre, ist es wie früher. Das WLAN kann ich ausschalten, das Telefon auch. Nur das mit den Katzen klappt, wie man sehen kann, noch nicht so richtig. Wir arbeiten dran.

  • Coverbild Der Tag endet mit dem Licht

    Denis Pfabe

    Der Tag endet mit dem Licht

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    zum Buch
    Preis: € 20,00
    Seitenzahl: 192
    Rowohlt Berlin
    ISBN: 978-3-7371-0043-4
    21.08.2018
    Erhältlich als: Hardcover, e-Book

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