03.10.2018 von Reschke, Anja in Solitär

Anja Reschke: Nur Mut


© Thomas Pritschet

«Obwohl wir also unseren Kindern von klein auf bewusst oder unbewusst beibringen, Haltung zu zeigen, obwohl sie als erstrebenswerte Tugend angesehen wird, muss man eigentlich nüchtern bilanzieren: Haltung zeigen lohnt sich nicht. Jedenfalls nicht für die, die es tun. Die Geschichte hält unzählige Beispiele dafür parat. Sokrates etwa, ein Meister der Haltung. Sein Credo war es, Menschen nicht überzeugen zu wollen, sondern durch geschicktes Fragen und vor allem Hinterfragen ihrer Positionen zur rechten Haltung zu verhelfen. Am Ende wurde er hingerichtet. Angeklagt wegen seines angeblich schlechten Einflusses auf die Jugend sowie wegen Missachtung der Götter, nahm er seine Gerichtsverhandlung nicht zum Anlass, sich zu verteidigen oder zu entschuldigen – er stellte seine Ankläger in einem Disput bloß. «Solange ich atme und Kraft habe, werde ich nicht ablassen zu philosophieren und euch zu befeuern», soll er gesagt haben. Die Möglichkeit zur Flucht, die ihm seine Freunde während seiner Haft eröffneten, wies er brüsk von sich und leerte den Schierlingsbecher in völligem Gleichmut.


Seine philosophische Grundhaltung, dass Unrecht tun, also die Strafe zu missachten, schlimmer sei als Unrecht zu erleiden, hatte für ihn größeres Gewicht als die Möglichkeit, sein Leben zu erhalten. Man muss sagen, der Mann hatte Haltung. Aber am Ende war er tot. Allerdings begründet sich genau auf dieser festen Haltung auch sein Ruhm. «Hier stehe ich und kann nicht anders!», hat Martin Luther 1521 vor dem Reichstag zu Worms gesagt. Jedenfalls wurden ihm diese Worte später in den Mund gelegt, sozusagen als Zusammenfassung. Wirklich gesagt hat er es etwas anders, aber dieser Satz ist so kompliziert, dass er es so vermutlich nicht in die Nachwelt geschafft hätte. Trotzdem zeugt seine Rede von einer tiefen inneren Haltung: nämlich der göttlichen Wahrheit verpflichtet zu sein und sich nicht zum Mitträger eines korrupten Systems verbiegen zu lassen, nicht vor weltlichen Herrschern zu kuschen. Eine Haltung, die er sogar reiflich überlegt hat und die durchaus gut aufgehoben ist in dem einen Satz: «Hier stehe ich und kann nicht anders!» Er formuliert sozusagen Haltung in Reinform. Vermutlich ist dieser Satz deshalb auch DER Haltungssatz schlechthin. Nun, Luther wurde für vogelfrei erklärt und musste erst mal auf die Wartburg. Haltung läuft also erst zu Hochform auf, wenn sie sich bewähren muss. Ohne Widerstände kann man leicht Haltung zeigen; erst wenn man sie gegen Blockaden, Behinderungen, ja manchmal bis zur Bedrohung von Leib und Leben beibehält, zeigt sie ihren Charakter. Die Geschwister Scholl, Georg Elser und Graf von Stauffenberg bezahlten für ihren Widerstand gegen die NSHerrschaft mit ihrem Leben und bekamen erst posthum die Ehre und Anerkennung für ihren Mut, ihre Standhaftigkeit und ihre Haltung. Mahatma Gandhi wurde diverse Male verhaftet und schließlich ermordet. Nicht besser erging es Martin Luther King, der 1968 von einem Rassisten erschossen wurde. Immerhin durften diese beiden noch zu Lebzeiten erfahren, was ihre Haltung bewirkte. Beide waren weltberühmt, für viele ein Vorbild und so anerkannt, dass Gandhi mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, King wurde er 1968 verliehen. Auch Edward Snowden, um in die jüngere Geschichte zu springen, hat Haltung gezeigt. Der Mann, der die amerikanische Regierung durch das Öffentlichmachen Tausender Dokumente und Videos von Geheimdiensten blamierte und der Welt das Ausmaß von Spionage aufzeigte, muss starke Einbußen seiner persönlichen Freiheit hinnehmen. Er lebt im Asyl in Russland, in den USA ist ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Sollte er in seine Heimat zurückkehren, droht ihm ein Prozess wegen Spionage und Diebstahl von Regierungseigentum. So etwas muss man erst einmal in Kauf nehmen. Da ist das Haltungzeigen gleich nicht mehr ganz so attraktiv.


Und Edward Snowden hat gewusst, was sein Handeln für Konsequenzen haben würde. In einem Interview mit dem britischen Guardian beschreibt er sehr klar, dass er diese Opfer auf sich genommen habe, weil er es nicht mit seinem Gewissen habe vereinbaren können, dass die US-Regierung die Privatsphäre, die Freiheit des Internets und grundlegende Freiheiten weltweit mit ihrem Überwachungsapparat zerstöre. Er habe im Laufe seiner Arbeit erkannt, dass man daran mitwirke, die Architektur der Unterdrückung auszubauen, wenn man für die Geheimdienste an der Überwachung der eigenen Bürger beteiligt sei. Womit wir wieder bei Sokrates sind: Es ist besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. (…)


Haltung zeigen erfordert sehr viel mehr Stärke, als man gemeinhin annimmt. Ja, es ist geradezu anstrengend, von Rückschlägen geprägt, von Zweifeln gesäumt und von Widerstand gebremst. Aber macht nicht genau dieses das Wesen der Haltung aus? Haltung erfordert Mut. Mir ist das erst im Sommer 2015 klargeworden beziehungsweise in den Monaten danach. Für mich war Mut immer etwas für Menschen aus dem Geschichtsbuch. So stark wie Sophie Scholl musste ich nicht mehr sein, schließlich lebe ich in Deutschland. Es war der Sommer, als plötzlich – so jedenfalls fühlte es sich an – Abertausende Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Eritrea nach Deutschland kamen. Der Sommer, in dem plötzlich Flüchtlingsunterkünfte angezündet wurden, in dem Menschen in großen Ansammlungen durch Städte zogen und schrien: Der Dreck muss weg. Gemeint waren Flüchtlinge. Es war das Jahr, in dem, scheinbar aus dem Nichts, dafür aber in unglaublicher Fülle diese üblen, hasserfüllten, verleumderischen Kommentare über Ausländer, Flüchtlinge, über Muslime, über Afrikaner in den sozialen Netzwerken auftauchten. Es war der Sommer, in dem man merkte, hier ändert sich gerade etwas in Deutschland. Und ich wartete darauf, dass jetzt mal jemand aufsteht und sagt: Stopp, das geht nicht. Aber irgendwie war es ganz leise in Deutschland. In diesem Sommer habe ich den bereits erwähnten Tagesthemen-Kommentar gesprochen. Später haben mir viele geschrieben und gesagt, das sei mutig gewesen. Ich habe das nicht verstanden. Weil ich wirklich nicht erkennen konnte, was bitte schön mutig daran gewesen sein sollte, an einem heißen Tag in ein wohlklimatisiertes Studio zu gehen und, wie mir schien, Selbstverständliches in eine Kamera zu sprechen. Und ich dachte, dass die meisten Menschen so denken. Erst heute ist mir bewusst, dass es doch irgendwie mutig war. Weil ich erst an den Reaktionen auf diesen Kommentar gemerkt habe, dass das Eintreten für Achtung und Toleranz im Sinne des Grundgesetzes anscheinend eben doch nicht so selbstverständlich ist. Dass es ziemlich viele Menschen gibt, die sich als etwas Besseres fühlen wollen, weil sie Deutsche sind. Die eine Aufwertung daraus ziehen, andere abzuwerten. Auch mich. Die meisten, die mir geschrieben haben, haben sich bedankt. Aber da waren die anderen, und es waren viele, die mich beschimpft haben, mir gedroht haben, mir Vergewaltigung, Folter und den Tod an den Hals gewünscht haben. Nur weil ich eine Minute und 47 Sekunden etwas gesagt hatte? Noch schlimmer wurde es, nachdem ich Gast in TalkSendungen war, bei Sandra Maischberger oder im Oktober 2015 bei Günther Jauch, der damals noch die sonntägliche ARD-Talkshow moderierte (…)


Es gab Momente im Herbst 2015, da hatte ich zum ersten Mal Angst. Was mache ich, wenn die Stimmung kippt?, dachte ich. Wenn jene, die da ein Deutschland der Deutschen fordern, die alles ausgrenzen, was nicht ihrer Meinung entspricht, die Macht bekommen? Dutzende Bücher habe ich gelesen, Spielfilme und Dokumentationen gesehen über die Anfänge des Nationalsozialismus, den Aufstieg Hitlers zur Macht. In diesem Herbst 2015 habe ich eine Ahnung davon bekommen, wie es anfangen kann. Nach Studien liegt der Anteil der Menschen, die in unserer Gesellschaft ein rechtes Weltbild haben, bei 20 bis 25 Prozent. Diese Zahl sah 1933 nicht so viel anders aus als heute. Es kommt also auf den Rest an. Was machen die anderen 80 Prozent? 1933 haben sie es geschehen lassen, nicht ernst genommen. Würden wir heute – 80 Jahre später – stärker sein? Und ich, wie sollte ich mich verhalten? Ich, die zu einer der Symbolfiguren der «links-grün versifften» Elite stilisiert wurde? «Flüchtlingsursel» nannten mich meine Kritiker. Wenn sie noch einigermaßen zivilisiert waren. «Asylhure» die verrohte Version. Als ich bedroht wurde und sogar meine Familie, gab es Momente, in denen ich dachte: So, jetzt lässt du das mit den öffentlichen Auftritten. Keine Kommentare, keine Talkshow-Auftritte mehr. Lieber nicht weiter provozieren. Es gab nicht wenige, die mir genau das rieten: mich aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten, aus der Schusslinie zu nehmen. Aber ich bin Journalistin. Moderatorin. Wenn ich mich heraushalte, dann brauche ich auch meinen Beruf nicht mehr auszuüben. Hätten dann nicht genau die gewonnen, die mich mundtot machen wollten? (…) Lohnt es sich da nicht, Haltung zu zeigen? Auch wenn man persönlich dafür Anfeindungen einstecken, sich starkmachen, das Kreuz durchdrücken muss? Macht nicht genau das das Wesen der Haltung aus? Ja, doch, es lohnt sich. Es lohnt sich für das höhere Gut. Für die Gemeinschaft, für die Gerechtigkeit, für die Humanität, für das Gute. Denn darum geht es bei Haltung. Das ist sozusagen ihr Wesen. Ich habe gelernt, dass man sich nicht einfach darauf verlassen kann, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass ein stabiles Land, in dem Menschen in Sicherheit leben, in dem Minderheiten Schutz genießen, in dem man frei seine Meinung sagen kann, in dem man frei seine Religion ausüben kann, dass all das keine Selbstverständlichkeit ist. Zivilisatorische Errungenschaften haben Jahrhunderte gedauert. Aber mit einem Schnipp, einem Gesetz, einem Dekret können sie dahin sein. Es kommt nicht auf die an, die laut schreien, die pöbeln und hetzen. Es kommt auf die anderen an, die Gesellschaft, die Mehrheit. Die, die Haltung zeigen muss. DIE Gesellschaft, das sind wir. Jeder Einzelne von uns.»

  • Coverbild Haltung zeigen!

    Anja Reschke

    Haltung zeigen!

    Haltung ist wieder ein öffentliches Thema, es wird danach gefragt, gar gerufen. Offenbar fehlt es daran. Menschen, die Haltung zeigen, Journalisten, Politiker, Whistleblower, werden dafür gelobt und geliked. Oder je nach dem auch angefeindet. Aber was ist das eigentlich: Haltung? Seit Anja Reschke immer wieder attestiert wird, Haltung zu zeigen, ...

    zum Buch
    Preis: € 5,00
    Seitenzahl: 96
    rororo
    ISBN: 978-3-499-63424-6
    25.09.2018
    Erhältlich als: Taschenbuch, e-Book

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