08.05.2018 von Jenkins, Allan in Solitär

Allan Jenkins: Morgendämmerung in Parzelle 29


© Allan Jenkins


London, kurz vor vier Uhr morgens, die ängstlichen Rufe der Eule sind verklungen. Spricht sie noch mit jemand anderem außer mit mir? Jetzt beginnt die Kakophonie der Amseln, erkennbar musikalischer, durchsetzt von Riffen und Trillern. Das Rotkehlchen gibt den Sopran. Der Vollmond verblasst, hoffnungsvolles Zwielicht, die Morgendämmerung tut den ersten Atemzug. Es ist Anfang Mai, Zeit aufzustehen. Der Garten ruft wie ein alter Freund oder wie ein Haustier sehnsüchtig nach Gesellschaft. Komm, tönt es, lass uns einen Spaziergang machen.
Für den Weg über den Hügel oder durch den Park von Hampstaed Heath bin ich zu sehr in Eile. Das Frühlingserwachen ist in vollem Gang. Die Winterkühle hat den Rückzug angetreten, die hellen Frühlingstage sind bereits da. Ich nehme ein Taxi zur Gartenanlage, für den Bus ist es noch zu früh. Die Straßen sind menschenleer bis auf einen gebückten Mann am Krückstock, der seinen Hund ausführt. Für den Taxifahrer geht der Tag zu Ende. Für mich fängt er gerade erst an. Wir fahren ein paar Meilen, überholen ein paar Autos. Es wirkt so, als habe sich ganz London zu Hause versteckt.
Es ist auch noch zu früh für die Sonne, die erst in zwei Stunden, gegen sechs Uhr, aufgehen wird. Aber die Dämmerung hat ihr ganz eigenes Licht, die Ohren vernehmen Ruhe und Frieden. 


Parzelle 29. Die Blüten leuchten in sanftem Schimmer, wie eine tröstende Nachtlampe in einem Kinderzimmer. Da sind hellrosa Apfelblüten in allen Schattierungen, die schwach duftenden der Aprikose, die blassen der Birne. Am schönsten finde ich den Apfelbaum, durch ein Spalier an einer weiß gestrichenen Ziegelmauer befestigt, die Äste weit ausgestreckt, wie ein Gekreuzigter und doch mit offenen Armen, dem Frühling erlegen. Die Tulpen stehen aufrecht wie Fackeln, ihre Köpfe vor Sonnenaufgang noch geschlossen.
Der Boden ist feucht vom frühsommerlichen Tau. Ich trage alte Lederschuhe, braune Budapester, die, ursprünglich für Büro und Gänge durch die Stadt angeschafft, nun im Garten auf Erde und Gras ein zweites Leben genießen. 


«Ein zweites Leben» bringt das, was das Gärtnern für mich bedeutet, ganz gut auf den Begriff: Es geht um das Umschreiben, das Umgraben von Geschichte, darum, sich behutsam Erinnerungen anzunehmen, sie mit neuem Leben zu füllen. Kleine Veränderungen, die sie wärmer, heller und besser machen. Eine halbwilde Welt, in der Kinder ungestört graben und spielen können, ein geheimer Garten hinter sicheren Mauern. Ein Ort des Glücks voller Farben, Texturen und Geschmäcker, voller Blumen für die Vase zu Hause und bitterer Blätter für Sommersalate.  


Ich setze mich, tue zunächst gar nichts, sage lange und langsam Guten Tag. Es ist eine behutsame Annäherung, wie die stille Begrüßung einer herrenlosen Katze. Ich glaube, das Fleckchen Erde erkennt mich, reagiert auf meinen grünen Daumen, auf die Berührung meiner Finger, die niemals in Handschuhen stecken, wie das Wetter auch sein mag. Ich streichle den Boden, ermutige ihn, wenn man so will, ganz behutsam.
Ich säe Samen vor Ort aus, es sei denn, ich werde zu ungeduldig, dann muss ein Anzuchtbeet angelegt werden. Heute habe ich Erbsen dabei, baskische Tränenerbsen, die von Sterneköchen gesammelt und getauscht werden, der gefragte «grüne Kaviar». Bohnen habe ich auch dabei: Stangenbohnen wie die dunkle Cherokee Trail of Tears, die gelbe Wachsbohne, oder die violette Blauhilde, deren Samen ich am Ende jedes Herbstes ernte und für die nächste Saison und die nächsten Sonnenstrahlen aufbewahre.  


Ich hatte schon ungeduldig auf die geflochtenen Haselnusszweige aus Hereford gewartet, an denen die Babybohnen emporklettern können. Sie geben ihnen Halt und haben eine Rinde, an der sie sich festkrallen können, und sie sehen in der fahlen Sonne wunderschön aus. Gestern hat der Bauer sie mit seinem Laster aus den Black Hills an der Grenze zu Wales hierhergebracht und abgeladen. Alles andere ist soweit fertig. Ich muss nur noch ein paar letzte Vorrichtungen für den Sommer bauen. Ich wandere in der Parzelle umher, verharre ein wenig an den Teichen, um den aufgeregten Kaulquappen Hallo zu sagen. Bislang noch zweibeinig, bereiten sie sich auf die große Frosch-Offensive vor. Die gelbe Sumpfdotterblume steht schon in voller Blüte, die Schwertlilie trägt erste Knospen.  


Ich schleppe ein paar Säcke Dung für Mary, meine Parzellen-Nachbarin. Sie gibt mir Boden, ich helfe ihr dafür ab und an beim Tragen. Doch eigentlich geht es gar nicht um das Arbeiten, zumindest nicht in diesen frühen Morgenstunden. Vielleicht sät man hier und da ein paar Reihen aus, aber vor allem wachsen hier neben Blumen und Lebensmitteln auch Freundschaft und tröstliche Gesellschaft: für mich, für das Stück Land, und für Mary, die die Parzelle 29 seit dem Tod ihres Ehemannes mit uns teilt.
Ich laufe mit einer Gartenhacke herum, klaube Ahornsamen zusammen. Jetzt suche ich die Reihen mit den Augen nach bereits eingesetzten Samen ab. Neues Leben bricht sich Bahn wie kleine Schildkröten durch ihre Eierschalen. Der Frühlingssalat ist schon auf dem Weg, ebenso wie die Rote Bete der Sorte Bull’s Blood, der bunte Regenbogen-Mangold, der Fuchsschwanz, ein paar Tränenerbsen und einige gelbe Bohnen.  


Ich habe zur Umrahmung und farblichen Akzentuierung ein paar Blumensamen entlang der Beetkante ausgesät: wie immer und wie schon als Kind Kapuzinerkesse und Ringelblumen. Damit ziehe ich Erinnerungen an mich und meinen Bruder, wie wir als kleine Jungen aus dem Heim zu unserer neuen Pflegefamilie kamen. Außerdem säe ich roten Klatschmohn, eine meiner Lieblingswiesenblumen, die den Duft von Sommern auf dem Land verströmt, und zum ersten Mal säe ich in diesem Jahr auch Bischofskraut, eine delikate Doldenpflanze, die in England auch unter dem Namen Lady’s lace, Damenspitze, bekannt ist. Ich möchte, dass es hier wild und unaufgefordert wuchert, dass es in der Anmutung sogar etwas ungepflegt wirkt. 


Manchmal leistet mir ein junger Fuchs Gesellschaft, aber nur zu dieser frühen Uhrzeit. Vollkommen unbesorgt nähert er sich, folgt mir durch den Garten und verschwindet anschließend, vermutlich um im Schutz einer kleinen Höhle hinter den Bäumen den Tag zu verschlafen. Die Morgendämmerung beschert mir weitere Gäste, mal einen Grünspecht, mal einen Falken, der die Anlage sondiert, mal die große Eule von gestern, die mich neugierig beobachtet. In diesen frühen Stunden werde ich noch nicht als Bedrohung angesehen, wie es vielleicht später am Tage der Fall sein wird.
Die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs berühren zuerst nur die Wipfel der Bäume, Amsel und Misteldrossel geben nun ein lauteres Willkommenskonzert. Sonnenstrahlen verfangen sich schnell in den Apfelbäumen, senden ihr Leuchten durch die frischen grünen Blätter. Die Tulpen erwachen. Noch ist es still, verzaubert, ein Moment fast außerhalb der messbaren Zeit, mein privates Narnia.  


Ich säe eine Reihe Radieschen aus, schnell gedeihendes Essen. Ich sammle meine Gedanken, packe Schnur und Samen und Werkzeug ein. Ich nehme bewusst die Morgendämmerung in mir auf, atme sie ein, verharre noch einen weiteren, trägen Moment. Dann verschließe ich den Gemeinschaftsschuppen, das Tor zur Parzelle. Ich halte inne und lassen meinen Blick schweifen. Es ist sieben Uhr morgens, Samstag, die Französische Bäckerei öffnet ihre Türen für ein Frühstück mit Croissants und Pain au Chocolat. Zu Hause schlafen noch alle in ihren Betten, eingerollt wie kleine Haselmäuse. Zufrieden schlendere ich den Hügel hinunter. Auf dem Weg zurück werde ich eine Zeitung und vielleicht noch mehr Blumen kaufen. 


Aus dem Englischen von Clara Polley 



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