05.12.2018 von Fricke, Lucy in Solitär

Lucy Fricke: Dafür haben wir nicht gekämpft


© Dagmar Morath


Milch ist alle. Das heißt Rausmüssen vorm ersten Kaffee, nie eine gute Idee. Sich über die Schlesische Straße kämpfen, am Lido vorbei, wo zwei Tourbusse versuchen einzuparken und bei der Obdachlosenhilfe Mittagspause ist. An der Ecke sitzen die Penner und saufen. Gegenüber sitzen welche, die aussehen sollen wie Penner und so tun, als ob sie saufen. Vor ihnen steht eine Filmkamera. 
Im Supermarkt an der Ecke die übliche Schlange vorm Pfandautomaten. Alle haben prall gefüllte Tüten bei sich. Der Alarm schrillt, die Lampe leuchtet, kein Mitarbeiter in Sicht. Tumult. Immer der gleiche Nerv. Immer ist der Automat voll. Ich bin die Einzige, die hier einkaufen will. Ein ausgefranster Punk kriegt einen Wutanfall, mit rotem Kopf und erhobenen Fäusten brüllt er: Dafür haben wir nicht gekämpft in den Neunzigern, dafür nicht! Klar, denke ich, welcher Irre hat schon für Pfandautomaten gekämpft? Aber das meint er gar nicht, er meint mich. Grund für diese Vermutung gibt mir der jetzt ausgestreckte Zeigefinger, der direkt auf meine Stirn  gerichtet ist. Es war vermutlich mal dieselbe Sache, für die wir gekämpft haben. Wobei Kämpfen darin bestand, keine Demo zu verpassen, sich nicht unterkriegen zu lassen, kein besetztes Haus verlorenzugeben, lautstark Slime zu hören und «Bullenschweine!» zu grölen. Ihm steht jetzt der Schweiß auf der Stirn. Mir auch. Ich überlege, was eigentlich aus mir geworden ist, und finde das gar nicht so schlimm. Er brüllt weiter. Ich nehme die billigste Vollmilch aus dem Regal. Ihn bloß nicht reizen mit Öko oder fettarm oder Landliebe. Der Kerl hört trotzdem nicht auf zu toben, ein aufgehängtes System, mit seinem ausgestreckten Finger haut er mir jetzt an den Kopf: Dafür haben wir nicht gekämpft in den Neunzigern! Dafür nicht! Dass hier jetzt solche Leute ... 
Ein Mitarbeiter begleitet mich nach draußen: Nehmen Sie es nicht persönlich, sagt er. 
Die Milch bekomme ich geschenkt. 


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