06.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Aus einem deutschen Lied geschnitten (6)


«Wenn du Angst vor der Zukunft hast / kauf dir einen Pool»

Ein wunderlicher Ratschlag! Zumindest ein Rat, der sich, hört man ihn gesungen oder gesprochen, nicht von selbst versteht. Wenn ich, semantisch-pedantisch, die verwendeten Verben ins Auge fasse, scheint es auf eine hintersinnig zwiefache Weise um Besitz zu gehen: Angst haben und/oder einen Swimming-Pool sein Eigen nennen. Wobei die Angst vor der Zukunft zweifellos zu den unerwünschten Besitztümern zählt, jedoch durch den monetären Erwerb des anderen Eigentums aufgehoben werden kann. Ungefähr so, wie man mit einer gewissen Berechtigung sagen kann: «Wenn du Mäuse hast, hol’ dir eine Katze! Der Kauf des Zweiten wird dich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vom Ersten erlösen.»
Bis jetzt haben ich und diejenigen, mit denen ich zusammenlebte, nie einen Swimmingpool besessen. Und ich muss weit, bis in meine erste Zeit am Gymnasium, zurückgehen, um unter denen, die mir eine Zeitlang nahekamen, einen – den Einzigen! – ausfindig zu machen, der ein derartiges Privatschwimmbecken nutzen konnte. Die Eltern eines Klassenkameraden hatten sich ein nicht bloß ungewöhnlich stattliches Eigenheim gebaut, sondern einen großen Teil des Grundstücks dafür verwendet, einen negativen Quader in die Erde senken zu lassen. Als ich eines Samstagnachmittags mit meinem Schulfreund erstmals am Rand des Pools stand, rechnete ich noch damit, gleich in diesem amerikanisch-filmisch lichtdurchfluteten Wasser planschen zu können. Aber von dessen Oberfläche her wurde ich eines Besseren belehrt.
Auf einer Luftmatratze trieb der Vater meines Freundes und teilte uns mit, sicherheitshalber müsse er uns das Baden im Pool verbieten. Er habe es nämlich versäumt, während der Woche konsequent nachzuchloren. Eventuell hätten sich gefährliche Bakterien gebildet. Das Risiko sei ihm bei Kindern, noch dazu bei einem Buben, der nicht zur Familie gehöre, einfach zu hoch.
Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, inwieweit ich seine Sorge verstand und ob ich mir seine Bedenken brav zu eigen machte. Vielleicht lenkte mich der Anblick des Poolbesitzers zu sehr ab. Denn dieser war, darauf hatte mich mein Schulfreund nicht vorbereitet, auf eine besondere Weise unvollständig: Bis auf einen kurzen Knubbel fehlte ihm der rechte Arm. Anderenorts, zum Beispiel am Rand eines öffentlichen Schwimmbeckens, hätte mich dies damals, gut zwei Jahrzehnte nach dem letzten Weltkrieg, wenig überrascht. Aber hier, in diesem türkis glitzernden Rechteck, schien mir ein Mann fast zwingend zum Besitz beider Arme verpflichtet.
Mit dem verbliebenen linken stach er in das sachte Gekräusel und lenkte seine Luftmatratze geschickt in die Mitte des Pools. Dessen unzureichend gechlortes Wasser sah er offenbar nicht als eine Gefahr für sich selbst an. Zumindest was den eigenen Leib anging, hatten ihn die in der Vergangenheit durchlittenen Ängste gegen Sorgen kleineren und größeren Kalibers gefeit. Er war schlicht hinreichend versehrt. Aber diese Immunisierung schloss seinen Sohn und mich nicht ein. Unser weiteres Befinden, also die Zukunft derjenigen, in deren Körpern noch schaurig viel kommende Zeit schwappte, war ihm Anlass zu furchtsam vorausäugender Achtsamkeit.
Viel mehr lässt sich eventuell gar nicht erreichen. Jahr um Jahr, Jahrzehnt auf Jahrzehnt, schwimmen wir im Pool der Angst. Selten steht einem das wirkliche Wasser, ab und an allerdings ein imaginäres Nass bis zum Hals. Irgendwann jedoch, sobald das Becken endlich randvoll mit abgetaner Zukunft ist, dürfen wir noch ein knappes, langes Weilchen, zumindest ohne Sorge um uns selbst, auf der türkisen Oberfläche unseres Daseins planschen.

Für Rat aller Art danke ich Stephan Turowski und Wilko de Vries. Kritik und Tipps bitte an: georg-klein@ewetel.net


weitere Neuigkeiten


08.06.2018 von Klein, Georg in Kunststoff

Wer pfeift da eigentlich? Über die «provokant nonverbale», musikhafte Kunstfertigkeit des Pfeifens   weiterlesen

03.05.2018 von Klein, Georg in Kunststoff

Ein Rätsel, eine Spurensuche, eine Annäherung: Wo das Bewusstsein wirklich zu Hause ist   weiterlesen

03.05.2018 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Was es heißt, für die Cartoonistin Roz Chast zu lettern. Und was das mit Udo (Jürgens, nicht Lindenberg) zu tun hat   weiterlesen

06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Nicht bloß der einzelne Mensch, sondern auch die Prothesen, die ihm die Kultur für seinen Körper baut, ziehen eine bogenförmige Bahn durch die Zeit.   weiterlesen

06.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Vom Kaffee weiß man, dass er munter macht. Tee hingegen beruhigt angeblich. Früher, als man das gemahlene Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss, weil Filter noch nicht erfunden waren,   weiterlesen

02.12.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich hab mal einen Hecht gefangen, mit einer Angel, keiner richtigen, es war nur ein schnöder Stock mit einer Schnur, einem Korken als Schwimmer und am Haken ein Regenwurm, den ich, nachdem ich den Hecht hatte, wieder freiließ, das war in Finnland, das ist keine Kunst. Wenn man geschickt ist, könnte man die Fische auch mit der Hand fangen, ich kann ...   weiterlesen

18.10.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Als ich klein war, war mein Vater nicht da, das heißt, er war zwar bei uns, physisch anwesend, aber der Vater war ja gelähmt, hüftaufwärts, also seine Beine waren da, aber die wussten nicht, was sie tun sollten, konnten ja nicht so einfach weggehen, sie bekamen ja keine Befehle «von oben». Es gab einen Onkel Werner, das war mein Ziehvater, ...   weiterlesen

28.04.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Ich stehe vor einer Flügeltür. Auf dem linken Flügel steht Ziehen, auf dem rechten auch. Ich nehme an, auf der anderen Seite der Türen steht zweimal Drücken; andererseits, die Vorstellung von einer Welt oder auch nur von einem Türproduzenten, dessen Drücken-Schilder schon lange aufgebraucht sind oder der noch nie welche besessen hat und der, weil ...   weiterlesen

15.03.2016 von Rubinowitz, Tex in Kunststoff

Auf der einen Seite der Tür steht Drücken, auf der anderen Ziehen, oder es steht auf zwei Flügeltüren, die sich eben auf unterschiedliche Art öffnen lassen, damit die von innen und die von außen Kommenden Wahlfreiheit haben, es gibt hier aber keine verbindliche Regel, welche Seite wofür vorgesehen ist. Drückt oder zieht ein Rechtshänder eher die ...   weiterlesen

10.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Von den vier Elementen, aus denen alles in unserer Welt bekanntlich zusammengesetzt ist, verstehen sich drei, die Erde, das Wasser und das Feuer, wie von selbst. Der graue Stein wiegt schwer, bevor wir ihn fallen lassen und auf dem Grund aufschlagen hören. Die Wärme und der Geruch des brennenden Holzes strömen uns, umfangen von Licht, entgegen. Das ...   weiterlesen

09.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Nicht mehr als ein, zwei haltlose Sekunden schwankt die Zeitgewissheit unseres Bewusstseins, wenn wir aus einem Traum erwachen, der in den Kulissen unseres einstigen Jungseins spielte. Dabei war eben noch trügerisch getreu, was uns als Daseinsraum vorgegaukelt wurde. Alle Farben, mit denen die Fassaden gestrichen, die Autos lackiert und unsere ...   weiterlesen

08.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Wenn es einen Wettstreit zwischen den Künsten gibt, dann konkurrieren sie auch darin, den Kuss in ein Bild zu bannen. Und ausgerechnet die jüngste scheint, allein schon durch die schiere Fülle der Exempel, die sie uns schenkt, unbestreitbar die Siegerin zu sein. Auf der Leinwand der Kinos und im Glas unserer Leuchtschirme, in Schwarzweiß und in ...   weiterlesen

07.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Auftritt Sonne! Und es bleibt nicht bei Eins und Zwei. Auch nach dem Erklingen der restlichen Ziffern, nach Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht und Neun, wird das Erscheinen unseres Zentralgestirns mit unverändert wuchtigem Ernst beschworen. Es ist, als gelte ein eigenes Sonnenpathos, seriell und statisch, dröhnend und leer zugleich. Nichts am ...   weiterlesen

06.03.2016 von Klein, Georg in Kunststoff

Nicht bloß der einzelne Mensch, sondern auch die Prothesen, die ihm die Kultur für seinen Körper baut, ziehen eine bogenförmige Bahn durch die Zeit: Sie gewinnen an Wichtigkeit, durchlaufen eine Hochphase ihrer Verbreitung, um irgendwann seltener, schließlich gar nicht mehr benutzt zu werden, weil sich die Gründe für ihren Gebrauch beseitigen ...   weiterlesen