Ziehen (9) Tex Rubinowitz

von

Ziehen und Einziehen

 

Ich schaute den ziehenden Vögeln nach, ich glaube es waren Kraniche, ich dachte, die Masche zieht also immer noch, also das, was sie bei uns auslösen, die Mischung aus Bangen, Wehmut und Enttäuschung. Bangen, ob sie es schaffen, Wehmut, weil man gerne mit ihnen mitzöge, und Enttäuschung. Was soll denn dort besser sein als hier? Waren sie hier etwa nicht zufrieden? Ja, auch uns ist kalt, aber wir können nicht so einfach weg, Treue und Dankbarkeit, das ist ihnen wohl fremd. Spatzen können das doch auch, treu sein, und Kleiber, treue Vögel, Treusein aus Dankbarkeit. Stare kennen das nicht, klauen uns die Cocktailkirschen aus den Gläsern und machen sich vom Acker, was fressen sie denn wohl in Afrika? Datteln? Man stelle sich einen Kleiber vor, den es plötzlich nach Datteln gelüstet, macht er nicht, ich weiß das, ein Bursche, auf dessen Wort man bauen kann, und Cocktailkirschen bedeuten ihm sowieso nichts.

Standvögel haben aber keinen Mangel an Ehrgeiz, sondern etwas von jemandem, der ganz froh ist, nicht mehr so interessant zu sein. Vielleicht zogen sie mal, vielleicht sind sie als Irrgast versehentlich hier gelandet, um der Einfachheit halber gleich ganz zu bleiben, aber vielleicht hat der Kleiber sich einfach SDGA als Motto genommen: «Sich den Gegebenheiten anpassen», Zugvögel riskieren, in Italien in Netzen zu landen, man reißt ihnen die Zungen heraus, weil man in perverser Italienhaftigkeit glaubt, Singvogelzungensalat hätte irgendeinen anderen Effekt als den des schieren Sich-Weidens am Abartigen. Die widerspruchsfreie Schwarmleistung auf einem unreflektierten Niveau steht im Gegensatz zu einer pragmatischen Energie-Nutzen-Rechnung, an deren Ende vielleicht die Verschmelzung all der winters Dagebliebenen mit uns steht. Muss ja nicht morphologischer Natur sein, kann ja auch sein, dass sie in unsere Häuser einziehen, in unseren Bettchen schlafen und von unseren Tellerchen essen, und wenn das passiert, kommen ganz schnell die Kuckucke und legen uns ihre Eier ins Bett, die wir ihnen dann ausbrüten können, aber das wird nicht geschehen, weil wir über und über mit Kleibern bedeckt sind, ein ganzer Mantel aus Kleibern, der uns warm hält. Schreit der Kuckuck dann: Reißt ihm die Kleiber vom Leib, lachen die Kleiber nur, und wir mit ihnen, weil sie das falsche Spiel der parasitären Kollegen kennen, das überlegene Lachen derjenigen, die auf der sicheren Seite sind.