Ziehen (6) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Aufziehen

Als ich klein war, war mein Vater nicht da, das heißt, er war zwar bei uns, physisch anwesend, aber der Vater war ja gelähmt, hüftaufwärts, also seine Beine waren da, aber die wussten nicht, was sie tun sollten, konnten ja nicht so einfach weggehen, sie bekamen ja keine Befehle «von oben». Es gab einen Onkel Werner, das war mein Ziehvater, irgendwann starb mein biologischer Vater, und mein Ziehvater zog bei uns ein und wurde zu meinem richtigen Vater und verlor das Ziehen im Titel sowie den Onkel, er sagte immer, der Onkel hängt nur an der Garderobe, er könne ihn jederzeit wieder überziehen. Meine Mutter schob mich ihm zwar nicht direkt unter wie ein Kuckucksei, er behandelte mich aber wie eines, ließ es mich spüren, ich vermute, weil ich nicht sein biologisches Ei war. So erpresste er mich, indirekt, ich musste sein, wie er mir zu sein vorgab, wenn nicht, würde er den Onkel wieder anziehen, seine Worte, und dann wäre er weg. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wollte aber die Mutter nicht enttäuschen, ich kam mir vor wie der Kitt zwischen beiden, ohne genau definieren zu können, wer Fenster war und wer Rahmen.

Einmal fand ich einen Mauersegler in unserem kleinen struppigen Gärtchen. Er war wohl, statt an der Mauer zu landen, gegen sie geflogen, hatte sich etwas gebrochen oder war nur benommen, vielleicht die eine oder andere Cocktailkirsche zuviel. Ich baute ihm ein Bett aus einer Keksschachtel, versuchte ihn mit gefangenen Fliegen zu füttern, Fliegen fangen ist leicht, man schnappt sie mit der hohlen Hand, indem man sie gegen ihre Startrichtung fängt, sie können nur nach vorne starten, man schüttelt die hohle Faust, dann sind sie benommen und flugunfähig. Aber es war vergeblich, der sieche Vogel verschmähte sie.

Ich warf die Fliegen in ein Spinnennetz, die Spinne nahm sie dankbar an, gab ihnen den Todeskuss und verschnürte jede einzelne wie ein Paket, es sah aus wie ein Kokon, als wolle die Spinne der Fliege helfen, sich zu verpuppen. Als mein Vater den armen Vogel da in der Keksschachtel sah, nahm er ihn und warf ihn in die Luft. Ich dachte noch, etwas, was fliegt, kann man nicht werfen, aber es klappte, der Vogel flog. Offenbar können Mauersegler nur von etwas Vertikalem starten, sie liegen oder sitzen nicht, wissen also auch nicht, wie sie so starten sollen, der Onkel brachte den Vogel aber wieder in die alte Position, in der er sich vor dem Unfall befand, er konnte sozusagen dort weitermachen, wo er aufgehört hatte. Ihn hab ich natürlich nie wieder gesehen, und auch der Vater wurde bald wieder zum Onkel und war weg, meine Rolle als Kitt war bröckelig geworden. Ich konnte nur Fliegen werfen, der Onkel Vögel, ich vermute, wenn es andersrum gewesen wäre, wäre es auch nicht anders gekommen.

«Lass ihn ziehen», dachte ich, hätte ich meiner verheulten Mutter sagen können, er war kein Ziehvater, er ist ein Zugonkel, meine Güte, was für einen Schwachsinn man sich so zusammenassoziiert, nur um sich billig klingelnde Wortspiele zu angeln.