Ziehen (4) Tex Rubinowitz

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Ziehen und Setzen

Vom Kaffee weiß man, dass er munter macht. Tee hingegen beruhigt angeblich. Früher, als man das gemahlene Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss, weil Filter noch nicht erfunden waren, musste man rühren, bis sich das Pulver am Boden absetzte, und nachdem man die saure Brühe ausgetrunken hatte, konnte man aus dem Satz auch noch seine Zukunft lesen.

Kaffee kann sich also setzen, Tee muss ziehen. Tee, der Zugvogel unter den Getränken, hat das je mal wer gesagt? Nein. Und der Grund ist hier der gleiche wie bei den Türen: Das Ziehen der Vögel ist ja etwas Aktives, es kostet Überwindung, und das entspricht nun so gar nicht dem beruhigenden Charakter des Tees und dem Ziehen an Türen. Spatzen würden demnach Tee trinken, im Teehaus, dessen Tür sie aufgezogen haben. Schwalben trinken Kaffee, sie dürfen ja nicht einschlafen in der Luft, sowenig wie Papageientaucher, die im Winter für mehrere Monate ihre Brutkolonien verlassen und sich dann irgendwo über dem Meer herumtreiben und auf dem Wasser schlafen.

Schläft eine Schwalbe im Flug? Ja, sie tut es, wie wir inzwischen wissen, sie lässt sich aber nicht von unserer Art des Schlafs korrumpieren. Vielleicht auch, um gar nicht erst Träume zuzulassen, Träume sind sogenannte andere Gedanken, andere Gedanken an ein weniger rastloses Leben, eine ruhig geschobene Kugel, vielleicht ein Job in einer Stabreimfabrik, bei der es nur Türen gibt, die man aufzieht, niemals drückt. Ziehen ist Drücken im Fliegen, sagt wer? Keine Ahnung, klingt irgendwie. Irgendwie nach irgendwas.

Kuckucke sind übrigens auch Zugvögel, man glaubt es kaum. Aber woher wissen sie, wie man zieht? Sie haben ja keine Eltern, die ihnen sagen, wann es losgeht und dass man sich vorher vollfressen muss, um genug Energie zu haben für den langen Zug. Ganz einfach, sie absorbieren die allgemeine Unruhe und schließen sich anderen Zügen an, laufen da so mit, machen das, was die anderen machen, und wenn die Zugvögel draufkommen, o.k., ist zu mühsam, wir bleiben einfach hier und trinken Tee, soll der doch ziehen, dann trinken die Kuckucke eben auch Tee, saufen den anderen den Tee weg. Ich denke, sie sind den anderen einfach nur lästig, die anderen denken, wir unter uns, die dicken Parasiten sind allein, vielleicht nicken sie mal etwas zu lang in der Luft ein, und dann sind wir weg, dann sind wir sie los, die Tür ist sozusagen zu, sie wissen nicht, wohin sie sollen, und sterben ratlos vor der Tür in den Süden ihren verdienten Tod. Während ihr Geist in den Kuckucksuhren weiterleben darf.