Wildwest Deutschland Rivka Galchen

von

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Die norddeutsche Stadt Bad Segeberg ist für zwei Dinge berühmt: eine große Höhle, die jeden Winter 22.000 Fledermäuse beherbergt, und alljährliche Karl-May-Spiele, die jeden Sommer 300.000 Menschen anziehen. Karl May ist ein Abenteuerschriftsteller aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, von dem die meisten Amerikaner noch nie etwas gehört haben, dessen Geschichten über den amerikanischen Westen die Deutschen aber bis heute besser kennen als die Werke von Thomas Mann. Seine Bücher wurden mit über hundert Millionen Exemplaren verkauft. Obwohl May nie im «wilden» Westen gewesen war, erzählte er doch allen das Gegenteil, und zum Beweis trug er eine Kette aus Bärenzähnen. Sein ganzes Leben lang hat er konfabuliert, auch dann, wenn es ihm nicht zum Vorteil gereichte.

Mays beliebteste Figuren sind ein edler Apachenhäuptling namens Winnetou und dessen Blutsbruder, Old Shatterhand, ein in die Vereinigten Staaten eingewanderter Deutscher. Die guten Freunde spielen die Hauptrollen in 15 seiner über 80 Werke wie auch in einer Serie von Filmen aus den 1960er Jahren, die so erfolgreich waren, dass man ihnen ohne große Übertreibung nachsagt, sie hätten die westdeutsche Filmindustrie gerettet. Fast jeder Deutsche kann die Titelmelodie summen. In einem Urheberrechtsstreit vor dem Bundesgerichtshof wurde 2002 entschieden, der Name Winnetou bezeichne nicht mehr nur eine Romanfigur, sondern stehe im allgemeinen Bewusstsein «für einen bestimmten Menschentyp, den des edlen Indianerhäuptlings».

Im Sommer kann man mit einer Diesel-«Dampfbahn» vom Bad Segeberger Marktplatz zum Festspielgelände am Kalkberg fahren, einem steilen Felsen, auf dem einst die Siegesburg thronte. Es gibt nachgebildete Blockhäuser mit den Bezeichnungen Pony Express, Sheriff’s Office, Barber Shop oder Saloon. Auf einem Schild steht auf Englisch «Cold Drinks, Hot Food, and Pretty Girls». Man kann sich einen Buffalo-Burger kaufen, in einem Wigwam herumlungern und Kinder beim Goldwaschen-Spielen beobachten. Altertümliche Handfesseln und mindestens fünf Sorten Spielzeuggewehre werden zum Kauf angeboten, desgleichen Tomahawks und Kopfschmuck aus Federn sowie sämtliche Karl-May-Romane und –Geschichten, von denen die meisten in sieben Ausgaben oder mehr zu haben sind, einschließlich der «grünen Bände» des hundert Jahre alten Karl-May-Verlags, der nur Bücher von und über Karl May herausgibt.

In dem großen Freilichttheater oberhalb der Fledermaushöhle findet sieben Mal pro Woche die Hauptattraktion der Festspiele statt: die Inszenierung der Winnetou- und Old Shatterhand-Geschichten. Außer gut aussehenden Schauspielern mit oft nackten Oberkörpern bieten die Spektakel lebende Pferde, lebende Hühner, Schießereien, Kämpfe mit brennenden Speeren und Dachstürze. Tausende Kinder sind im Publikum, viele mit bemalten Gesichtern und Federschmuck – die meisten kommen als Indianer, obwohl einige sich auch als Cowboys verkleiden -, und viele mit Eltern und Großeltern, die als Kinder schon dabeigewesen waren. Wer bei diesen Festspielen – einer Art wagnerianischem Gesamtkunstwerk, das alle fünf Sinne anspricht – keinen Spaß hat, muss wirklich ein eingeschworener Miesmacher sein.

 

Pocahontas, Lederstrumpf, Buffalo Bill

 

Die Europäer waren seit langem von den Indianern fasziniert. Bereits 1616 war die «Indianerprinzessin» Pocahontas nach England gebracht und am englischen Hof von König James I. empfangen worden. Im Whitehall Palast sah sie eine Aufführung von Ben Jonsons Maskenspiel The Vision of Delight, in dem Harmony, Grace und Laughter den Frühling begrüßten; Europa schaute Pocahontas beim Zuschauen zu. Wanderausstellungen von «Ureinwohnern» hatte es sogar noch früher gegeben. Im Frankreich des 16. Jahrhunderts ehrte die Stadt Rouen den frisch gekrönten Heinrich II. mit der Nachbildung einer Dschungellandschaft, in der 300 brasilianische Indianer auftraten. Oder vielmehr 50 brasilianische Indianer und 250 nackte Bauern aus der Umgebung, die rot angemalt und mit Steinschmuck behängt waren. Indianer kamen auch in Geschichten über den Ozean. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren James Fenimore Coopers Lederstrumpf-Romane Bestseller, sowohl in Europa als auch in Amerika. Franz Schubert soll auf dem Sterbebett den Wunsch geäußert haben, er möge noch lange genug leben, um die nächste Fortsetzung von Coopers Serie zu lesen. Der europäische Kolonialismus, so wurde festgestellt, brachte nicht nur die Dezimierung indigener Völker mit sich, sondern auch die mit Fantasie beflügelte Verehrung von deren Kulturen und geheimnisvollen Mächten.

Zu Karl Mays Zeiten – die meisten Winnetou-Romane stammen aus den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts – führten leichtere Beförderungsmöglichkeiten dazu, dass pseudoethnographische «Völkerschauen», die oft in Zoos gezeigt wurden, immer häufiger durch die Lande wanderten. «Sie waren eine beliebte Unterhaltung, fast wie die Oper», erzählte mir Eric Ames, ein Professor für deutsche Geschichte an der University of Washington. «Aber ihre Anziehungskraft ging von dem Anspruch aus, authentisch zu sein; eine stillende Indianerin war eine große Nummer.» Zugleich kamen die Menschen, um das zu sehen, was sie schon aus Büchern kannten; stimmte eine Indianerschau nicht mit dem Bild überein, welches sie – hauptsächlich dank Coopers Schilderungen – schon von den Indianern hatten, fiel sie beim Publikum eher durch. «Es gab eine Völkerschau mit Bella-Coola-Indianern, die zur gleichen Zeit auf Tournee war wie eine Schau mit Sioux-Indianern», sagte Ames. «Die Bella-Coola stammten aus Britisch-Kolumbien und sahen physisch ganz anders aus. Die Wissenschaftler waren begeistert. Aber kommerziell war die Bella-Coola-Schau ein kompletter Flop.»

Als W.F. Cody, genannt Buffalo Bill, 1890 mit seiner «Wild West Show» nach München kam – zweihundert Cowboys und Indianer, Geistertänze der Sioux und Nachstellungen der Schlacht am Little Bighorn wurden geboten, «naturgetreu von Personen aufgeführt, die sie wirklich erlebt haben!» – campierten hoffnungsvolle Besucher über Nacht im Freien, um Eintrittskarten zu bekommen. Prinz Ludwig von Bayern war Ehrengast. Alle 18 Vorstellungen in der Arena mit 5.000 Plätzen waren ausverkauft. Die Ankündigungen erschienen in den gleichen Unterhaltungsblättern, in denen Karl May seine Fortsetzungserzählungen von Kara Ben Nemsi, einem Abenteurer auf Reisen durchs Türkenreich, veröffentlichte. Kurz danach folgten die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand.

 

Karl May und Old Shatterhand

 

May wurde 1842 als fünftes von 14 Kindern eines armen Webers in Sachsen geboren. Im späteren Leben behauptete er, bis zum Alter von sechs Jahren blind gewesen und dann auf wundersame Weise geheilt worden zu sein; die Geschichte klingt typisch nach Karl May, halb wahr und halb erfunden. Mit Sicherheit war er unterernährt. Als die May-Familie eine kleine Erbschaft machte, beschloss der Vater, Taubenhändler zu werden. Seine erste Anschaffung bestand in zwei Paar teuren «Blaustrichen», deren blaue Federn jedoch, wie er zu spät bemerkte, nur angeklebt waren. Die zweite bestand in einem Täuberich, der sich als altersblind erwies.

In den Flegeljahren wurde May von der Schule verwiesen, weil er Kerzen gestohlen hatte; seiner Autobiografie zufolge hatte er seiner Schwester nur Wachsabfälle zu Weihnachten schenken wollen. Später beendete der Diebstahl einer Taschenuhr seine Anstellung als Lehrer. Er verbrachte sechs Wochen im Gefängnis, die seinem Ruf ebenso schadeten wie Gerüchte über eine Affäre mit einer verheirateten Frau.

Während einer vierjährigen Kerkerstrafe, die May – wegen Diebstahls von Pelzen – in seinen Zwanzigern verbüßte, beaufsichtigte er die Gefängnisbibliothek, wo er eine Menge Baedeker las. Er schrieb zwar keine Geschichten, dafür aber eine Liste von Exposés für Geschichten, die er eines Tages schreiben könnte. Schließlich, in den Dreißigern, schrieb er tatsächlich. Es gab weitere Inhaftierungen wegen Bagatelldelikten, aber es gelang ihm, sich mit dem Schreiben von Groschenheften – Revolvergeschichten, Romanzen und Reiseerzählungen – einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem umwarb und heiratete er ein Mädchen, Emma Pollmer, deren Großvater den hübschen sächsischen Freier nicht billigte, sodass sie von daheim ausriss und zu ihm nach Dresden floh. May schrieb oft unter Pseudonym, was ihm die Möglichkeit verschaffte, dieselbe Geschichte unter verschiedenen Titeln in verschiedenen Zeitungen zu veröffentlichen (und sich mehrfach bezahlen zu lassen). 1893, mit einundfünfzig Jahren, brachte er seinen ersten Winnetou- und Old Shatterhand-Roman heraus; das war sein später, großer Durchbruch. Aber um diese Zeit ging seine Ehe auseinander, er hatte Schwierigkeiten, Autorenhonorare aus früheren Werken geltend zu machen und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Bald wurde er von der Presse angegriffen, weil er als Protestant für katholische Zeitungen geschrieben, weil er seine Vergangenheit als Zuchthäusler verschleiert und weil er geschwindelt hatte, wohin er gereist war oder nicht. May ist den finanziellen Bedrängnissen und der ständigen Sorge um seine Reputation nie entkommen, auch nicht, nachdem er reich und berühmt geworden war. Das Geld floss in die Taschen seiner Anwälte und die letzten Jahre gingen mit Proklamationen seiner Ehrlichkeit dahin.

1910, zwei Jahre vor seinem Tod, veröffentlichte Karl May den ersten Band seiner Autobiografie Mein Leben und Streben. Er liest sich wie die Einlassung eines Angeklagten vor Gericht. «Gleicht doch mein ‹Leben und Streben› schon an und für sich selbst einem Märchen, und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet worden ist!», schreibt er. «Und wenn ich mich dagegen verwahre, so glaubt man mir ebenso wenig, wie mancher dem Märchen glaubt. Aber, wie jedes echte Märchen doch endlich einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt, das wird man morgen glauben lernen.»

Es ist vielleicht kein Zufall, dass es in Mays Romanen oft um die Klärung falscher Anschuldigungen und das Obsiegen der Gerechtigkeit geht. Im ersten Buch seiner Winnetou-Reihe arbeitet Old Shatterhand als Landvermesser für eine Eisenbahngesellschaft, die (ohne sein Wissen) einen Gleisbau durch das Land der Apachen plant; die Apachen halten ihn für einen Dieb, «wie alle anderen Bleichgesichter». Es gibt Schwierigkeiten, einschließlich trügerischer Bündnisse mit den nichtsnutzigen Kiowa, bis Winnetou schließlich Frieden unter die Indianer und die Weißen bringt. Vor allem aber tritt Old Shatterhands wahrer Charakter hervor: Zweimal rettet er mutig Winnetou das Leben.

Mays Prosa ist weniger hochgestochen und weniger mit guten Cowboys bevölkert als die von Zane Gray, dem berühmten amerikanischen Wildwestautor. Mays Romane sind eher im Plauderton, frei von der Leber weg geschrieben, gelegentlich mit einem witzigen Anklang an einen anderen Amerikaner, Mark Twain. Und doch, trotz aller Echos von Hintergrund und Stimme, wirken seine Geschichten typisch deutsch, nicht nur wegen mancher Schnitzer, die ihn als Greenhorn verraten. (Die Apachen und die Kiowa zum Beispiel waren Verbündete, keine Feinde.)

Die deutsche Literatur aus dem 19. Jahrhundert erforscht oft das Extreme. Während sich die Engländer Gedanken über die Obere-Mittelschicht-Dorothea im häuslichen Glück einer mittelmäßigen Ehe in Middlemarch machten und die Amerikaner im Naturalismus der ins Stadtleben einziehenden Landbevölkerung verhaftet blieben, beschäftigten sich deutsche Schriftsteller mit Kasper Hauser, einem Mann, der in kerkerartiger Isolierung fast vollständig ohne menschliche Sprache aufgewachsen war. E.T.A. Hoffmanns frühe und bahnbrechende Erzählung Der Sandmann handelt von einem Mann, der sich in einen Automaten verliebt; Hoffmann schrieb auch einen Roman aus der abwechselnden Sicht eines überdrehten Kapellmeisters und eines Katers. Dies sind die Nachfahren des verehrten Dichters Hölderlin, der die Rolle des Wahnsinnigen einnahm und seine Gedichte in der Abgeschiedenheit eines Turms schrieb. Es scheint, als offenbarte sich der Charakter für die Deutschen nur in extremen Situationen; nur dort findest du heraus, wer du wirklich bist.

Bei Karl May ist diese extreme Situation der amerikanische Westen. Daheim, in Deutschland, war Old Shatterhand einfach Karl gewesen, ein viertes Kind und ziemlich langweilig. Aber dann zieht er gen Westen. Er verdient sich seinen neuen Namen. Eine Notlage jagt die nächste und macht den anderen, aber auch ihm selbst, seine wahre und außergewöhnliche Natur klar. Er beginnt sein neues und fremdes Leben mit einem neuen Namen, der ihm ebenso lieb und teuer wird wie sein eigener.

Für Amerikaner stellte der Westen eine Grenze und einen Ort neuer Regeln dar, aber er hätte nie ein so fernes, in Wandlung begriffenes Wunderland sein können wie für Karl May; er war einfach nicht weit genug entfernt. Das mag teilweise der Grund sein, warum Mays Geschichten in englischen Übersetzungen nie großen Erfolg hatten. «Die Amerikaner würden sich eher dafür begeistern, wenn sie auf einem anderen Planeten spielten», sagte Michael Michalak, der Leiter von Nemsi Books, einem Verlag in South Dakota, der Karl May auf Englisch herausgibt. Michalak erzählte mir, es seien vor allem deutsche Einwanderer, deren Kinder kein Deutsch lesen könnten, die ihm für die Bücher dankten. Sogar in Amerika sind es Deutsche, die Karl May am meisten genießen.

Zu Mays Zeiten waren die Leser oft verwirrt, ob Old Shatterhand tatsächlich ein alter Ego des Autors sei. Ähnliche Zweifel gab es in Hinblick auf die Reiseschriftstellerei von Herman Melville, Daniel Defoe und, wie man sagt, Dante. Aber Mays Reaktion auf die Verwirrung war einzigartig. Er beauftragte einen Büchsenmacher, zwei der in seinen Romanen ersonnenen Gewehre anzufertigen – Winnetous Silberbüchse und Old Shatterhands Bärentöter. Er behauptete, «über 1.200 Sprachen und Dialekte» zu verstehen. Er liebte es, als Westmann aufzutreten, in Fransen-Lederjacke und mit breitkrempigem Filzhut. Für jeden, der die Wahrhaftigkeit seiner Geschichten immer noch bezweifelte, sagte er: «Ich bin wirklich Old Shatterhand […] und habe erlebt, was ich erzähle.» Flaubert mag gesagt haben, «Madame Bovary, c’est moi», aber er ging nie so weit, einen Morgenmantel zu tragen.

Einmal berühmt, ging May echten Indianern, die in Wildwest-Shows durch Deutschland zogen, nicht nur aus dem Weg, sondern diffamierte sie als «von ihrem Stamm ausgestoßene Völkerwiesenindianer», die «niederträchtige, verlogene Rollen» spielten. Umherreisenden Indianern zu begegnen, dürfte wohl peinlich für May gewesen sein, besonders, wenn er ihre Sprache nicht verstand. 1898 sagte er seinen Bewunderern, Buffalo Bill sei schuld am Tod von Mays «Gefährten» (alias Figuren) Old Firehand und Old Surehand. In seiner Autobiografie zitiert er zwei Bücher als diejenigen, die ihn im Leben am meisten beeinflusst hätten: das eine war eine Märchensammlung, aus der seine Großmutter ihm vorzulesen pflegte; das andere war ein Büchlein über eine gespaltene Seele, das ein guter Anstaltsgeistlicher ihm im Gefängnis gegeben hatte. Wie sich herausstellt, existiert keins von beiden, obwohl sie doch fast mit Sicherheit einen großen Einfluss auf ihn hatten. Nur zehn Tage vor seinem Tod reiste May nach Wien, um einen Vortrag zu halten, der von Tausenden besucht wurde. «Was ich bis jetzt geschaffen habe, betrachte ich als Vorstudien, als Etüden», sagte er dort. «Ich habe sozusagen mein Publikum geprüft. Jetzt erst will ich an mein eigentliches Lebenswerk schreiten.» Er verschleierte bis zum letzen Ende.

Es versteht sich von selbst, dass sowohl Buffalo Bill als auch Karl May einen mit historischen Fehldarstellungen durchsetzten Mischmasch lieferten. Mays Idealisierungen und Irrtümer haben zahllose Fans zu eingehenden kulturgeschichtlichen Forschungen veranlasst. Bei den Festspielen kam ich mit einer älteren Frau aus Lübeck ins Gespräch, die ein Yellowstone National Park-Sweatshirt über einem handgemachten Patchworkrock trug. Sie erklärte mir den Unterschied zwischen dem Ho-Chunk-Stamm der Winnebago und dem einfach als Winnebago bekannten Stamm; auf einer Grillparty hatte sie Gäste von beiden Stämmen gehabt. Dann fuhr sie fort zu erklären, dass bestimmte Kämpfe der Indianerkriege, die May in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts ansiedelt, in Wirklichkeit am Anfang des Jahrhunderts stattgefunden hätten. Eine Hausfrau aus Koblenz wies mich darauf hin, dass die beiden Totempfähle am Eingang des Freilichttheaters problematisch seien, weil Winnetou ein Prärieindianer sei und die Prärieindianer keine Totempfähle schnitzten. (Als Apache war Winnetou natürlich nicht einmal ein Prärieindianer.) Eine andere Frau, und sie war nicht die einzige, vertrat die Meinung, Winnetou sei zwar ein Apache, aber seine charakteristischen Merkmale erinnerten doch sehr an einen Sioux. Für einen echten Karl-May-Fan scheint es dazuzugehören, Karl May zu korrigieren.

 

Die Bad Segeberger Karl-May-Spiele

 

Eine ganze Reihe deutscher und österreichischer Städte veranstalten Karl-May-Festspiele, aber die Bad Segeberger sind die größten, am prachtvollsten ausgestattet und finanziell wahrscheinlich am erfolgreichsten. Sie begannen 1952, ein Jahr nachdem die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wiederbelebt worden waren.

Durch den Gipsabbau am Segeberger Kalkberg war eine Naturbühne entstanden. Die Führung des Dritten Reichs hatte beschlossen, dort einen Thingplatz anzulegen, eine Feierstätte, wo sich das Volk versammeln konnte, um Thingspiele – Lieblingsaufführungen der Nazis – und andere völkische Ereignisse zu erleben. Nach dem Krieg benutzte die britische Besatzungsmacht den Platz für Boxkämpfe. Einige Klassiker wurden inszeniert. «Dann kam jemand auf die Idee, Karl May aufzuführen», erzählte mir Ute Thienel, die derzeitige Geschäftsführerin der Festspiele. «Es war ein riesiger Erfolg.»

Ute Thienel stammt aus Bad Segeberg, hat aber viele Jahre in München und Berlin gelebt und gearbeitet. Wenn Freunde sie fragten, ob sie vorhabe, in ihre Heimatstadt zurückzukehren, pflegte sie zu scherzen: «Ja gerne, sobald sich ein Karl-May-Job anbietet.» Dann geschah eben das, und sie kehrte zurück. «Die erste Aufführung kostete nur 50.000 Mark» – damals etwa 12.000 Dollar – «und wurde von den Bad Segebergern selbst auf die Beine gestellt, sie gaben die Schauspieler, stellten die Tiere zur Verfügung, und Hausfrauen nähten die Kostüme.» Heute beträgt das Budget rund 3,9 Millionen Euro.

Ich fragte sie nach den heutigen Schauspielern, zumeist Berühmtheiten aus deutschen Filmen oder Fernsehserien. «Winnetou wird von Erol Sander gespielt», sagte sie. «Das ist ein türkischer Schauspieler, der auch als Model für Jil Sander gearbeitet hat. Marek Erhardt ist der Ölprinz. Der andere Apachenhäuptling wird von dem deutschen Schauspieler Nicolas König dargestellt. Die kolumbianische Schauspielerin Clara Vélez – sie lebt jetzt in Hamburg – tritt als Indianerprinzessin Shara Noa auf. Und Liza Fitzeine wunderbare bayrische Schauspielerin, sie kommt vom Kabarett und jeder kennt sie aus dem Fernsehen -, die spielt Rosalie Ebersbach, die deutsche Einwanderin.»

In den westdeutschen Karl-May-Filmen der Sechzigerjahre spielte der Franzose Pierre Brice Winnetou und der Amerikaner Lex Barker gab Old Shatterhand; die Filme wurden in Kroatien gedreht. Jahrelang trat Brice auch bei den Bad Segeberger Festspielen als Winnetou auf; dann übernahm der Winnetou der DDR-Filme die Rolle, Gijko Mitić, ein Serbe. Thienel sagte, auch indianische Schauspieler hätten schon mitgewirkt, aber es sei schwierig, Leute zu finden, die für eine ganze Saison von zu Hause fort wollten.

Abends wurde Der Ölprinz aufgeführt, ein Stück über einen skrupellosen Mann, der Rechte an einer Ölquelle verkauft, welche ihm nicht gehört, und die Käufer anschließend umbringt, um die Rechte erneut verkaufen zu können. Ich besuchte die Vorstellung gemeinsam mit Ingrid Altner, einer Frau in den Sechzigern, die seit dreißig Jahren in Bad Segeberg lebt und jetzt Bürgervorsteherin der Stadt ist. «Manchmal sind die Vorstellungen romantisch, manchmal vermitteln sie das, was wir indianische Philosophie nennen, und manchmal sind es Komödien», sagte sie. «Mir gefallen die Romanzen am besten. Das heutige Stück ist eine echte Komödie, aber es hat von allem etwas.» Die Sonne war noch nicht ganz über dem Hintergrund aus echten und falschen roten Felsen untergegangen, als der erste Bankier, der dem Ölprinzen etwas abgekauft hatte, in einer gewaltigen Explosion starb. Nahende Hufschläge – «Palomino-Pferde!», rief Altner aus – kündigten die Akteure der wichtigsten Nebenhandlung an: Die Apachenstämme der Nijora und der Navajo haben sich bekriegt, und die Nijoras wollen Winnetou töten, weil er «Frieden mit den Bleichgesichtern schließt».

Während über die Kampfhandlungen beraten wird, reitet Winnetou, zum Einsatz der Musik, in braunem Leder mit Fransen und Perlenstickereien herein. Wir alle jubeln. Ein breites rotes Stirnband hält sein langes schwarzes Haar aus dem olivfarben glänzenden Gesicht; er lächelt nicht. Meine Begleiterin legt ihre Hand an die Brust. «Er sieht so gut aus», sagt sie. «Alle deutschen Frauen zwischen dreißig und siebzig schwärmen für ihn, weil er auch in einer wirklich romantischen Seifenoper spielt.» Winnetous ergebener Beschützer, ein Adler namens Manitou, fliegt herbei. Schließlich erscheint Old Shatterhand auf seinem Pferd – in Lederanzug mit Fransen, aber ohne Perlenstickereien; wieder jubeln wir. Old Shatterhand verkündet, sein Herz sei voller Freude, weil er seinen Bruder wiedersehen werde. Der Konflikt wird in Kurzdarstellung abgewendet; wir sehen frühe Andeutungen einer Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen indianischen Liebenden aus den verfeindeten Stämmen. Ein Ausbruch von Prokowjew – dann kommt der Treck deutscher Einwanderer auf die Bühne, ohne zu bemerken, dass er sich auf feindlichem Territorium befindet. «Das ist der komische Teil», sagt Altner. Einer der Einwanderer, Matthäus Aurelius Hampel, erscheint mit einem Esel, den er Rigoletto nennt, während er auf die Melodie von «Oh! Susanna» seinen Mut besingt. Er ist in den wilden Westen gezogen, weil er eine Heldenoper darüber schreiben will. Auch Liza Fitz, der bayrische Kabarettstar in der Rolle der Einwanderin Rosalie, bekommt Applaus. Altner erklärt mir: «Sie sagt, sie sei nach Arizona gekommen, weil sie es zu langweilig finde, in Deutschland zu bleiben.» Als aus der Postkutsche eine Kuckucksuhr ertönt, schießt Rosalie sie ab. Weitere Siedler tummeln sich auf der Bühne; doch kaum beginnen sie zu singen und zu tanzen, tauchen Banditen auf, es gibt eine Schießerei samt Pulvergeruch, die Postkutsche wird in Brand gesteckt, Old Shatterhand und Winnetou kehren zurück und mit ihnen das musikalische Thema. Das waren die ersten zehn Minuten der Vorstellung.

 

Besuch in der Karl-May-Stadt Radebeul

 

Ein paar Monate zuvor hatte ich Radebeul besucht, eine kleine Stadt im ehemaligen Ostdeutschland, die das gleiche Problem zu haben scheint wie alle deutschen Städte: die überwältigende Zahl namhafter Deutscher. Goethestraße, Kantstraße, Schillerstraße, Einsteinstraße, Gutenbergstraße, Anne-Frank-Straße – zwei Ecken weiter wird die Hölderlinstraße zur Karl-May-Straße, wo sich das Karl-May-Museum befindet, in der Villa Shatterhand, dem einstigen Wohnhaus des Schriftstellers. Hinter der Villa Shatterhand steht die Villa Bärenfett, ein Blockhaus, das nach einer Beschreibung des Autors in einem seiner Romane errichtet wurde. Dort traf ich André Köhler, den für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Pressesprecher des Museums. Er trug ein durchgeknöpftes weißes Hemd mit einer Indianerkopf-Bolotie, dazu Wranglers, eine Mustang-Gürtelschnalle und Ledermokassins.

«Ich sage immer, es gab das Kaiserreich, es gab die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die DDR und jetzt die Bundesrepublik; Karl Mays Geschichten haben sie alle überdauert», erklärte er. Das Karl-May-Museum wurde 1928 von Mays Witwe Klara, seiner zweiten Ehefrau, und Patty Frank, einem ehemaligen Stallburschen bei «Buffalo Bill‘s Wild West Show», gegründet. Von 1956 bis 1984 nannte man es «Indianermuseum», weil Karl May und seine Werke nicht in der Gunst der DDR-Führung standen; dem entsprechend präsentierte man die ostdeutschen Western, die parallel zu den westdeutschen Winnetou-Filmen produziert wurden, meistens als «Indianerfilme», ohne Bezugnahme auf die Romane von Karl May. «Ich glaube, es gab drei Gründe, warum die DDR Karl May nicht mochte», sagte Köhler. «Erstens bekamen die Menschen durch seine Bücher Lust, in Gegenden zu reisen, die sie nicht bereisen durften. Zweitens war zu viel Christentum darin.» Eine ganze Menge davon ist in verschiedenen Ausgaben gestrichen worden, sodass der heutige Leser den Eindruck hat, sie seien viel weniger mit christlicher Symbolik und religiösem Beiwerk befrachtet, als etwa die Narnia-Bücher von C.S. Lewis. «Und schließlich war bekannt, dass Hitler ein begeisterter Karl-May-Leser gewesen war. Auch Albert Einstein war ein begeisterter Karl-May-Leser und etliche aus der kommunistischen Führungsriege waren es ebenfalls, aber niemand kommt auf den Gedanken, das zu erwähnen. Sie sprechen immer nur von einem einzigen Karl-May-Fan: Hitler. Ich hasse das.»

In der DDR war es nicht verboten, Karl May zu lesen, doch seine Bücher durften nicht gedruckt oder verkauft werden. (Kurz vor dem Mauerbau war der in Radebeul ansässige Karl-May-Verlag schnell noch nach Bamberg, in den Westen, umgezogen.) «Ein Winnetou-Buch lieh man nur an einen sehr, sehr guten Freund aus», sagte Köhler. Eine westdeutsche Frau, die Familie in der DDR hatte, erinnerte sich, Karl May Bücher nach Prag geschickt zu haben, wo ihre Verwandten hinfahren konnten, um sie abzuholen. Sie erinnerte sich auch, die Teile eines Winnetou-Puzzles in der Schachtel eines Puzzlespiels mit Häschenbild in die DDR geschmuggelt zu haben. Aber es wurden auch Geschenke von Osten nach Westen gemacht. Als Ausdruck des Mitgefühls für jene, in denen sie Opfer des kapitalistischen Imperialismus sahen, schickten manche Ostdeutsche den in Reservaten lebenden Ureinwohnern der USA Care-Pakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung.

André Köhler schlug vor, einen Spaziergang an Karl Mays Grab zu unternehmen. Auf dem Weg dorthin erzählte er mir, wie das Museum seinen ursprünglichen Namen wiederbekam. «In den 80er Jahren entwickelte die DDR ein Interesse an Persönlichkeiten, die sie zuvor abgeschrieben hatte – Martin Luther, Otto von Bismarck, König Friedrich II. und auch Karl May. Es bildete sich eine neue Denkweise in Hinblick auf diese Männer heraus, offiziell. May hatte über den Westen geschrieben, das konnte also problematisch sein, aber, so sagten sie, hier haben wir diesen verarmten Sachsen; er kam aus der unterdrückten Klasse und stieg zu höchstem Ruhm auf. Und er schrieb über die Indianer, ein unterdrücktes Volk, das Widerstand geleistet hat. So wurden in der DDR einige Karl-May-Bücher wieder für den Druck freigegeben. Ich vermute, sie brauchten das Geld. Sie druckten 250.000 Exemplare; ich glaube, es war Der Schatz am Silbersee. Binnen eines Tages waren sie so gut wie ausverkauft. Mein Vater hatte das Glück, in einer Fabrik mit eigener Buchhandlung zu arbeiten, und er kannte die Angestellte dort; infolgedessen lag in diesem Jahr – es muss 1982 gewesen sein – Der Schatz am Silbersee für mich unter dem Weihnachtsbaum.»

Ich fragte ihn, wie alt er war, womit ich meinte, als er das Buch bekam. «Ich bin hundert Jahre und eine Woche nach dem Tod Winnetous geboren“, antwortete er.

Mays Grabstätte ist ein Grufthaus mit vier Säulen, ein Hochrelief zeigt eine weibliche Figur, die am Himmelstor von den Engeln empfangen wird. Es gab frische Blumen. Zwei rechteckige Marmortafeln verweisen auf die sterblichen Überreste von Karl und Klara May. Köhler erzählte mir, 1942, zur Feier von Mays hundertstem Geburtstag, sei ein Festakt am Grab geplant gewesen. Hochrangige Nazis wurden erwartet. Dann fanden die Behörden heraus, Mays liebster Freund, der neben ihm begraben lag, sei Jude gewesen, und «das Ereignis wurde abgeblasen», sagte Köhler. Die Gebeine des Freundes wurden exhumiert und auf einen anderen Friedhof verlegt, nach Dresden.

Zurück in der Villa Shatterhand, stellte Köhler mich René Wagner vor, der seit 1985 Museumsdirektor war. Wagner, Ehrenbürger von Tombstone in Arizona, nahm seinen Cowboyhut ab, ehe er sich setzte, um mit mir zu sprechen. Er zeigte mir die Baupläne für ein neues Besucherzentrum. Sie hätten kürzlich eine große Veranstaltung mit dem Urenkel von Sitting Bull gehabt, sagte er, über dreihundert Leute seien gekommen. Ich fragte ihn, ob es nach all den Jahren eine Lieblingsausstellung oder ein Ereignis gebe, an das er besonders gern zurückdenke.

«Nun ja», sagte er, «es gibt Shows über Shows.» Als die DDR Karl May für sich entdeckte, organisierte das Museum eine Ausstellung über sein Leben und Werk, nachdem man jahrelang kaum etwas von ihm gehört hatte. «Die Ausstellungseröffnung war im Februar. Die Schlange vor dem Eingang reichte bis ans Ende der Straße. Die Leute warteten drei Stunden in der Kälte.» Wagner schossen Tränen in die Augen. «Wir hatten 5.000 Besucher am Tag.» Vor dem Mauerfall hat das Museum um die 300.000 Menschen jährlich angezogen; jetzt sind es um die 60.000. «Bis 1990 war das Karl-May-Museum vielleicht unsere einzige Quelle des Wissens über die indigenen Völker Amerikas. Heute können alle Deutschen hinfahren und das wirkliche Amerika bereisen», sagte Wagner. Viele Ranches und Reservate haben Sondervereinbarungen mit deutschen Reiseagenturen.

Die Koordination des Kulturtourismus liegt zu einem großen Teil in den Händen amerikanischer Indianer, die in Deutschland leben, oder Deutscher, die im amerikanischen Westen leben. (Köhler zum Beispiel hat ein Praktikum im «Buffalo Bill Historical Center» in Wyoming gemacht.) Zahlreiche indianische Soldaten der US Army sind nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geblieben und haben deutsche Frauen geheiratet. Zu DDR-Zeiten arbeiteten manche Ostdeutsche, insbesondere Frauen, politisch mit der Amerikanischen Indianerbewegung zusammen und hofften, eines Tages in ein Reservat ziehen, einen Indianer heiraten und indianische Kinder haben zu können, aber es war fast unmöglich, ein Visum zu bekommen, um das Land zu verlassen. Es bildeten sich Hobbygruppen, in denen sich Menschen zusammenschlossen, um die Kunstfertigkeiten und Sprachen der Ureinwohner Amerikas zu lernen, sich wie diese zu schmücken und in meist selbst gefertigter Indianerkleidung Rollenspiele zu veranstalten. Ein Angehöriger des kleinen Stamms der Kaska in Yukon erzählte mir von seinem jüngsten Besuch in einer deutschen Grundschulklasse, deren Schüler ihn in seiner Muttersprache begrüßt hätten.

«Heute ist die Beziehung kompliziert», sagte Wagner. «Hier gibt es einen Mann, der sich auf den Bau von Indianerflöten spezialisiert hat. Indianer in den USA kaufen seine Flöten. Er war dort, um anderen das Flötenbauen beizubringen. Aber es kann Leute wütend machen, wenn ein deutscher Hobbyindianer seine Werke auf einem indianischen Kunstgewerbemarkt verkauft. Sie sagen, das sei nicht echt, und in gewissem Sinne stimmt es ja auch. Solange es die DDR gab, war die Beziehung einfacher.»

Der Historiker H. Glenn Penny von der University of Iowa sagte mir zum Thema der heutigen Beziehung zwischen den Ureinwohnern Amerikas und den Deutschen: «Wenn die Deutschen bestimmte Probleme durchdenken, denken sie auch durch und in Hinblick auf die Indianer darüber nach. Daher hatte ihr Denken in den 1960er Jahren viel mit politischem Protest zu tun, mit dem Bild des Widerstand leistenden Indianers. Während der Anti-Atom-Bewegung der 1970er Jahre ließen sie eine Menge Indianer aus der Pine Ridge Reservation einfliegen. Dann, in den 1980ern, war der esoterische Indianer angesagt – die Vorstellung vom Medizinmann, von einem tiefen Wissen um die Natur. Jetzt ist es die Politik der Grünen. In mancher Hinsicht», sagte Penny, «werden die Indianer instrumentalisiert, aber sie werden auch dazu gebracht, ihr Selbstbild zu gestalten, zumindest ein wenig.» Auf der Berlinale von 2009 wurden Pläne für einen neuen, vorwiegend mit indianischen Schauspielern besetzten Winnteou-Film angekündigt, aber seither sind die Pläne ins Stocken geraten, insbesondere wegen Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Indianer in dem Film dargestellt werden sollten.

 

Sieben Wochen Karl May nonstop

 

Ein paar Wochen vor meinem Besuch in Radebeul hatten ein Professor und Studenten der nahegelegenen Hochschule Mittweida eine sieben Wochen lange Rund-um-die-Uhr-Lesung der gesammelten Werke von Karl May organisiert. Der Zeitrahmen entsprach der Dauer, die Karl May 1870 im Gefängnis von Mittweida inhaftiert gewesen war, weil er sich, unter anderem, als amerikanischer Botschafter ausgegeben hatte. Die Studenten teilten das Opus in Leseabschnitte von zwanzig Minuten ein. Am Anfang waren sie genötigt, viel davon selbst zu lesen, vor allem die Nächte hindurch, doch als sich das Projekt herumsprach – es wurde ins Internet gestellt –, kamen immer mehr freiwillige Vorleser. Einige waren Kinder, einige über 80, einige waren Tschechen, und andere reisten sieben Stunden mit dem Zug aus Frankfurt an, lasen und fuhren wieder zurück.

Ich fragte Wagner, ob er glaube, dass May bei den jungen Leuten von heute wieder so beliebt werden könne wie in seiner eigenen Generation.

«Es wird sicher einen neuen Höhepunkt geben», meinte er. «Mag sein, dass es diesmal eher um seine späten Werke geht. Das sind wohl diejenigen, die am besten geschrieben sind – seine Fantasiegeschichten.» Diese Romane sind seltsamer, trauriger und weniger bekannt. Sie spielen auf dem von Gegensätzen gezeichneten Stern Sitara. Sitara, so erklärt es der Roman, kann erreicht werden, «wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges zur Sonne fliegt und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang über die Sonne hinaus» – was sehr nach einer Rundreise klingt.

Im Jahr 1908, mit 66 Jahren, unternahm May endlich einige der Reisen, die er längst gemacht zu haben behauptete. Er schaffte es nicht bis in den Westen, aber er besuchte Upstate New York und traf Indianer in einem Reservat bei den Niagarafällen. Nach seiner Rückkehr schrieb er den letzten Band der Winnetou-Reihe. Darin hilft Old Shatterhand, ein Denkmal für den ermordeten Winnetou zu planen.

Während meines Aufenthalts in Deutschland wurde ich des Öfteren gefragt, warum es in Washington, D.C., ein Holocaust-Museum gebe, aber keines, das der Sklaverei oder dem Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern gewidmet sei. Als ich von Bad Segeberg nach New York zurückkehrte, sah ich die ganze East 22nd Street in Manhattan mit einem neuen Poster von Fairy Shepard beklebt. Es zeigte einen Indianer neben einem Pferd und verkündete nur: «Wir sind noch da.» Dieses Poster wäre in München, wo eine so elementare Erklärung selbstverständlich ist, vollkommen sinnlos.

Von den Karl-May-Spielen wurde gesagt, sie seien ein Ausdruck unterdrückter homosexueller Wünsche, und es wurde gesagt, sie seien ein Versuch, das Trauma der Nürnberger Prozesse aufzuarbeiten. Es wurde gesagt, sie schöpften faschistisch-nationalistische Gefühle ab; sie lieferten eine Blaupause für den Umgang mit dem Anderen; sie lieferten keine positive Blaupause für den Umgang mit dem Anderen. Es wurde gesagt, sie seien eine Flucht vor den beunruhigenden ethnischen Spannungen im heutigen Deutschland. Das alles mag stimmen.

Als Amerikaner neigen wir dazu, die deutsche Indianer-Begeisterung kitschig und naiv zu finden. Aber das Selbstbewusstsein, mit dem die Karl-May-Fans dessen historische Ungenauigkeiten behandeln, geht sicher zum Teil auf ihr fundiertes Wissen über die tatsächliche Geschichte zurück. Während wir fast nichts darüber wissen. Wir geben keine Unschuldserklärung ab; wir fühlen uns nicht auf dem Prüfstand.

 

Aus dem Englischen von Grete Osterwald