Warum heißt der NATO-Saal NATO-Saal?

von

 

Wer jemals den Rowohlt Verlag in Reinbek besucht hat, kennt den großen Raum mit dem Verlagsarchiv an den Wänden: den NATO-Saal! Dort finden Betriebsversammlungen statt und Vertreterkonferenzen, und auch Gäste des Verlags werden dort gern empfangen.

Aber warum heißt der NATO-Saal eigentlich NATO-Saal?

Viele Gäste fragen das zu Recht, und auch neuen Kolleg*innen steht ob dieser irritierenden Namensgebung die Ratlosigkeit ins Gesicht gemeißelt. Die übliche Antwort, die sie bekommen, lautet: Weil das erstens unser größter Raum ist (Assoziation: weite Räume, NATO-Land …) und dort unsere grundlegenden Strategien diskutiert und beschlossen werden – wie im NATO-Hauptquartier. Und zweitens, weil Rowohlt schon immer auch (ein bisschen) links und antimilitaristisch war – also sei die Namensgebung eine Art ironischer Kontrapunkt zum westlichen Militärbündnis.

So heißt es seit Jahren im Volksmund und im Flurfunk.

Aber den Retronauten genügte diese Auskunft nicht. Also haben sie knallhart recherchiert, vor und hinter den Kulissen, speziell aber bei altgedienten Rowohltianern. Und im Gespräch mit Hermann Gieselbusch, langjähriger Sachbuchlektor, kam schließlich die Wahrheit ans Licht. Also: eine neue Wahrheit, sozusagen: die neueste Wahrheit …

Ende der sechziger Jahre, so Gieselbusch, sei die Atmosphäre zwischen Lektorat und Vertrieb nicht immer nur freundlich gewesen. Die Vertriebskollegen mäkelten in genervtem Ton an den Programmen herum, die sie vorgestellt bekamen; die Lektoren ihrerseits reagierten missmutig und unfroh – und dekretierten, Vertrieb und Vertreter sollten gefälligst verkaufen, was sie vorgesetzt bekamen.

Dieser Meinungsstreit eskalierte mit der Zeit, und irgendwann sagte ein Lektor, bevor er zur Programmvorstellung in den noch namenlosen Raum ging: «Das sind doch nichts als tote Hosen da drin!» Daraus wurde in Windeseile eine Abkürzung: «Nichts als tote Hosen» = NATHO, anfangs tatsächlich noch mit «h». Das H wurde dann relativ bald im Zuge einer Art  Reinbeker Lautverschiebung (oder Lauteliminierung) entsorgt. Und so heißt selbiger Saal bis heute: NATO-Saal.

 

Anmerkung:

Wie spätestens ein zweiter Blick auf obiges Bild zeigt, handelt es sich dabei zwar um den NATO-Saal. Aber das Foto entstand NICHT in den bewegten Kampfjahren, von denen der Retronauten-Beitrag berichtet, sondern erst jüngst bei der Präsentation der «Rowohlt e-Revue» (über die digitalen Aktivitäten des Verlags).

Ein historisches Bild des Nato-Saals sähe ganz anders aus: 1. schwarz-weiß, 2. von Menschen in definitiv weniger lässiger Kleidung bevölkert und 3. von Rauchschwaden umwölkt (ja, damals durfte bei offiziellen Meetings noch geraucht werden – und wie!)