Ticketacke oder Genie und Wahn Aus einem unveröffentlichten Briefwechsel Hans Falladas

von

hans-fallada-beitrag-blog

Walter Hempel: Selbstbildnis mit Revolver und Kalender

 

 

Er war ein treuer Leser, geradezu ein Fan. Friedrich Hermann Küthe betrieb im westfälischen Soest eine Leihbücherei und setzte sich für den Autor Hans Fallada ein. Auf eine naive, fast schon rührende Art: Während der Schriftsteller Anfeindungen in der NS-Presse ausgesetzt war, verteidigte Küthe 1933 ihn in der «Zeitschrift der Leihbücherei» und lobte das «Deutschtum» des Dichters.

Obwohl er nicht über große finanzielle Mittel verfügte, wollte Küthe notleidende Schriftsteller unterstützen. Fallada hielt eigentlich nichts von «kleinen Pflästerchen, die nie die Ursache des Übels beseitigen können», nannte ihm aber doch die Adresse eines Mannes, dem dringend geholfen werden müsste: Walter Hempel, Berlin NO 18, Höchste Str.14. «Lassen Sie mich Ihnen ein paar Worte über ihn sagen. Der Mann war früher ein recht fähiger Bürovorsteher bei einem Anwalt, ist dann plötzlich geisteskrank geworden, in Anstalten gekommen, aus Anstalten entlassen und lebt in einem ganz unglaublichen Loch im Berliner Nordosten mit Frau und zwei Kindern von etwas Wohlfahrtsunterstützung. Das Seltsame ist nun, dass dieser ganz durchschnittliche Mensch, der äußerlich nach gar nichts aussieht, mit seiner Geisteskrankheit plötzlich dichterische Begabung zeigte. Vielleicht schickt er Ihnen einmal sein Buch ‹Irrsinnig›, das schöne Zeichnungen und noch schönere Gedichte von ihm hat.»

Fallada, selbst ein labiler, stets gefährdeter Charakter, traf sich mit Hempel in Berlin. Gemeinsam schrieben sie eine Postkarte aus dem Romanischen Café an Küthe. Fallada gefielen die Kurzgeschichten, die Hempel in Arbeit hatte. «Vieles, sehr vieles ist schön und rein dichterisch», schilderte er Küthe seinen Lektüreeindruck. «Besonders gut gelingen ihm die Bilder aus seinem eigenen Leben, ein Schachwettspiel etwa, eine Liebesszene zwischen Mann und Frau auf dem Wäscheboden, ein Stromer mit einer Tüte Erdnüssen. Da sitzt dann alles bis auf’s I-Pünktchen und es ist eine Wonne, so saubere, gewissenhafte, unbestechliche Arbeit zu lesen. Dass daneben grob Misslungenes steht, namentlich wenn er seine Welt verlässt und beispielsweise einen sekttrinkenden Defraudanten, einen Spieler schildert – und die Weiber dazu –, ist schade, aber nicht schlimm. So was kann man immer ausmerzen, ehe der Druck erfolgt.»

Doch dazu musste Hempel erst einmal einen Verlag finden und da sei er, so Fallada, recht skeptisch. «Die Leserschaft für feine stille Sachen» gebe es schlicht nicht mehr, außerdem – aber dies sprach Fallada nicht offen aus – waren die Geschichten eines psychisch Kranken, wie genial sie auch sein mochten, nicht das, was man in der Nazi-Zeit unbehelligt veröffentlichen konnte. Fallada schickte das Manuskript seinem Verlag. Ernst von Salomon schrieb ein positives Lektorat; darauf bekam Franz Hessel die Geschichten zur Begutachtung. Letztlich überwogen im Hause Rowohlt die Bedenken, und auch kein anderer Verlag fand sich, der das Risiko eingehen wollte.

Der rührige Küthe bemühte sich, Hempels Geschichten in der Presse unterzubringen. Fallada warnte ihn eindringlich: «Ich halte jeden Vorabdruck für ausgeschlossen – und nun noch in einer N.S.-Zeitung!» Er wolle Hempel gewiss nicht eine Chance verbauen. «Aber Sie dürfen das Buch – hoffentlich komme ich mit meiner Mahnung nicht zu spät – keinesfalls direkt auf Ihre Empfehlung an eine Zeitungsredaktion senden lassen, die denken sonst was von Ihnen –!»

Hempel, manisch-depressiv, steigerte sich immer mehr in Größenwahn hinein. Der Mann wurde ihm zunehmend unheimlich, und so zog sich Fallada aus Selbstschutz zurück. Küthe aber kam noch einmal auf den unglücklichen Dichter zurück. «Der Fall Hempel ist trübe», schrieb Fallada am 12. September 1934. «Ich verübele Ihnen das ganz und gar nicht, dass Sie mich deswegen noch interpelliert haben, aber ich bitte es auch mir nicht zu verübeln, wenn ich ihnen ganz offen sage: ich will damit nichts mehr zu tun haben.» Zufällig sei gerade Ernst Rowohlt bei ihm. «R. sagt – und ich bin da ganz seiner Meinung –, dass das Hempel’sche Buch eine Woche nach Erscheinen verboten sein würde – und welcher Verleger kann sich solchen Luxus leisten?»