Ziehen (3) Tex Rubinowitz

von

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Ziehen und Blasen

Ich stehe vor einer Flügeltür. Auf dem linken Flügel steht Ziehen, auf dem rechten auch. Ich nehme an, auf der anderen Seite der Türen steht zweimal Drücken; andererseits, die Vorstellung von einer Welt oder auch nur von einem Türproduzenten, dessen Drücken-Schilder schon lange aufgebraucht sind oder der noch nie welche besessen hat und der, weil er nun mal irgendwas anschrauben muss, an den anderen Seiten stumpf ebenfalls Ziehen angebracht hat, ist so unerregend nicht. Und dessen Sohn nur deshalb kein Junkie geworden ist, weil er, statt zu drücken, immer nur gezogen hat, und als er es dann ganz gelassen hat, zu rauchen anfing, aber aus irgendeinem Grund sucht ihn jetzt das Heroindrücken heim, und er zieht nicht an den Zigaretten, sondern pustet, Pusten, das Drücken des Rauchens, also gibt er auch das auf und greift zur Flasche, um die «schrecklichen Schilder in seinem Kopf» zum Schweigen zu bringen. Seine Freundin ist verzweifelt, fleht, er möge doch auch hier nicht anziehen, sondern blasen, das Getränk wieder zurück in die Flasche pusten, aber er murmelt nur was von «Drück mal Senf wieder in die Tube zurück», nimmt einen großen Zug und denkt: der Zug nach Nirgendwo. Seine Freundin isst indessen eine Cocktailkirsche nach der anderen, sie trinkt gar nichts, kriegt nichts runter, zumindest keine Flüssigkeiten, selbst bei der Fellatio bläst sie wirklich, anstatt zu saugen, man nennt das ja auch umgangssprachlich ganz widersinnig blasen. Es passiert allerdings selten, immer nur wenn sie betrunken genug ist von zu vielen mit Alkohol vollgesogenen Cocktailkirschen, und dann stellt sie sich bei der Eichel ihres Freundes immer eine letzte Cocktailkirsche vor, aus der sie den Alkohol bläst, so wie er, wenn es nach ihr ginge, den Alkohol wieder in die Flasche oder ins Glas zurückspuckt. Sie bleiben dann auch nicht lange zusammen, das mit den Türschildern seines Vaters erfährt sie gar nicht, und woher das alles kommt. Wenn sie die Ursachen gekannt hätte, wie alles zusammenhängt, hätte sie therapeutisch dort angefangen, den Vater auf die Verwirrungen seines Sohnes und all der Türbenutzer hingewiesen, wie daraus so ein ungeordnetes Miteinander entsteht, ein unendliches Aneinandervorbeiziehen.

Als der Mann schon sehr alt war, kaum noch in der Lage, Türen zu tischlern, fiel ihm auf, dass er keine Schilder mehr hatte, sie waren aufgebraucht, wie sein Leben aufgebraucht war, er wusste, das würden jetzt seine letzten zwei Türen werden, und dachte sich: Ehe ich auf die dumme Idee komme, meinen besoffenen Sohn zu bitten, auf meinen Grabstein so was Banales wie «Lasst mich ziehen» zu schreiben, hinterlasse ich der Menschheit, dem türbenutzenden Teil der Menschheit, eine Botschaft in meinem Sinne, denn er wusste es die ganze Zeit, dass sein Ziehen/Ziehen-Programm falsch war. Irritierend, aber was heißt schon falsch, was hätte ihn das bekümmern sollen? Sein Plan war eben, lasst die Leute immer nur ziehen, sich ziehend durch ein Missverständnis näherkommen, über diesem kleinen Fehler im Geiste des Fluxus: Das passive, mütterliche Ziehen siegt gegen das aktive, aggressive Drücken. Und mit dem Lied «Pushin too hard» von The Seeds auf den spröden Lippen prägte er vier letzte Schilder, auf die eine Seite der Türen schraubte er Können und Wollen und auf die andere Wollen und Können.