Tagebuch Rachel Kushner

von

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Mein Ehrgeiz, als notwendiges literarisches Training Zeit auf dem Meer zu verbringen, erlosch bereits im Teenageralter auf einer stürmischen Überfahrt nach Elba mit sintflutartigem Regen. Ich war nicht nur seekrank, sondern sah auch die Menschen an Bord als feindselige Rivalen um Rettung an. Während die Fähre schlingerte und schwankte, warfen wir uns finstere Blicke zu, schätzten ab, wessen Kopf wir unter die Wellen drücken würden, um den eigenen über Wasser zu halten. Die dünne Membran des Anstands zerfranste mit jedem Ruck und Stoß, und das Gesetz des Meeres, das ich aus meiner Lieblingsliteratur kannte, schien nirgends auffindbar. Als ich daher im vergangenen Sommer ein Schnellboot nach Capri bestieg – jenen berühmten Felsen, auf dem schon Lenin und Adorno wanderten und wo heutzutage diejenigen zum Einkaufen hinfahren, die sich für russische Oligarchen gemachte Preise leisten können -, war ich gegen die Vorstellung, dass der gutaussehende Kapitän in seinen engen weißen Hosen uns gegebenenfalls den Haien zum Fraß vorwerfen würde, nicht gefeit. Es ist das Schicksal meiner Generation, so der Schluss, zu dem ich gelangt war, das edle Gesetz des Meeres nie kennenzulernen und stattdessen in einer Epoche zu leben, in welcher der Kapitän das Schiff nicht als Letzter, sondern als Erster verlässt. Nennen wir es den neuen Geist des Kapitalismus, der zusammen mit allen anderen unsere Gegenwart kennzeichnenden Formen der Skrupellosigkeit Einzug gehalten und sich unserer maritimen Geschichte am anschaulichsten durch die – noch dazu jüngste – Tragödie der Costa Concordia und ihren berüchtigten Kapitän Francesco Schettino eingeprägt hat.

Schettino ist ein sonnengebräunter Mann mit glitzernden eisblauen Augen und schwarz schimmernden Haaren, Haaren, in denen sich Spuren von Kokain gefunden haben sollen. Im Auftreten vollblütig, viril, verströmt er eine ungemeine Eitelkeit, die dorthin fließt, wo Intelligenz womöglich fehlt oder sich, zumindest vorübergehend, verabschiedet hat, um solcher Eitelkeit Raum im Geist und Genitalbereich zu verschaffen, wo sie dauerhaften Sitz beansprucht und reichlich Platz findet. Ein paar Stunden nachdem die siebzehnstöckige Costa Concordia in See stach, alles ganz wie immer, gab Kapitän Schettino den Befehl, die Fahrt zu verlangsamen, damit er in Ruhe sein Dessert verspeisen und die Dekantiere Rotwein austrinken konnte, die er mit einer blinden Passagierin, einer 25-jährigen blonden Moldauerin, teilte. Dann meldete er sich an der Brücke zu seiner Kursabweichung und dem angeberischen Abstecher zur Insel Giglio.

An jenem Abend – Freitag, dem 13. Januar 2012 – sprang oder «fiel» Kapitän Schettino in ein Rettungsboot. Das geschah früh an einem langen Abend erschütternder Rettungsaktionen. Schettino war verdächtig trocken – und er war an Land, während viele Hunderte seiner Passagiere sich noch an Bord befanden oder an Tauen die gewaltigen Backbordflanken des Luxusliners hinunterrutschten oder zehn Meter tief ins Wasser sprangen und an Land zu schwimmen versuchten oder hilflos dastanden und beteten, weil sie entweder zu alt und gebrechlich waren oder kleine Kinder hatten, die nicht an den Tauen hinabklettern konnten, oder die, nachdem sie auf den ölüberschwemmten, schrägliegenden Decks ausgerutscht waren, im Schiffsbauch in der Falle saßen, wo das Wasser unablässig stieg. In jener Nacht ertranken oder erfroren zweiunddreißig Passagiere.

Die Insel Giglio, Schettinos geplanter, wenngleich inoffizieller Abstecher, ist der Ort, wo die Costa Concordia auf einen Felsen prallte, nachdem Schettino davon abgesehen oder sich geweigert hatte, die Wassertiefe messen zu lassen, was so ziemlich das Gleiche ist, was am Morgen des 2. Juli 1816 geschah, als Kapitän de Chaumareys die französische Fregatte Medusa in seichtes Gewässer nahe der Küste Senegals navigierte – nur dass es sich in seinem Fall um reine Inkompetenz und keine absichtsvolle Entscheidung handelte. Einige Männer der Besatzung bemerkten, dass das Wasser, in das die Medusa segelte, bedrohlich warm war. Der Kapitän nahm davon keine Notiz. Das Meer wurde grün, und die Besatzung war besorgt. Der Kapitän nicht. Sand durchwirbelte die Wellen. Städte aus schwimmendem Seetang tauchten auf: Ein schlechtes Zeichen, wusste die Besatzung. Das Meer wurde klar: Sie waren erledigt. Die Medusa lief in der tückischen Arguin-Bucht auf Grund. Chaos entstand. Der Kapitän verließ sein Schiff und, schlimmer noch, ließ das Tau kappen, mit dem er das Floß voller Überlebender abzuschleppen versprochen hatte. Nur 15 der 147 Menschen auf dem Floß überlebten.

Wie der Kapitän der Medusa stahl sich auch Schettino von Bord. Nicht nur verursachte er unnötige Tode und zerstörte ein 372 Millionen Pfund Sterling teures Kreuzfahrtschiff – ein Schiff, dessen Verschrottung mehr als eine Milliarde Pfund kostete – sowie dort, wo die Concordia kenterte, praktisch einen ganzen Küstenabschnitt inklusive der Lebensgrundlage der Italiener, die auf der Insel wohnen: Er war auch ein Feigling. ‹Vada a bordo, cazzo!›, befahl ihm ein Kapitän der Küstenwache in Livorno, jener berühmte Ausruf, der aufgezeichnet und in der Folge wieder und wieder abgespielt wurde: Vada a bordo, vada a bordo. Ich würde nicht gern an Bord zurückgehen. Wer würde das schon? So angenehm ist die Aussicht nicht, mit dem Schiff untergehen zu müssen. Sie ist kein bisschen verlockend. Aber mit dem eigenen Schiff unterzugehen ist die alte ethische Vorschrift des Berufes, den Schettino gewählt hat. Ungeachtet geltenden modernen Rechts und aller Küstengesetze: Hier handelt es sich um uralte Erlasse. Schettino verweigerte die hehre Verfügung, sich zu opfern. Anders als Conrads Jim, dessen moralische Verfehlung, die Patna zu verlassen, später wettgemacht wird, hat Schettino, bislang jedenfalls, keinen empathischen Marlow für sich gefunden. Er ist nicht «einer von uns». Wir sind verpflichtet, Verachtung für ihn zu empfinden, und das tun wir.

In Reise ans Ende der Nacht beschreibt Célines Erzähler, Ferdinand Bardamu, den Kapitän des Schiffes, auf dem er sich befindet, so: «ein dicker, verwarzter, gerissener Schleichhändler, der mir zu Anfang der Fahrt gern die Hand geschüttelt hatte». Bardamu geht in Marseille an Bord der Admiral Bragueton, die Kurs auf Afrika nimmt. In der Hitze und feuchten Tropenluft geben sich die anderen Passagiere dem Suff hin. Mit ihren wabbeligen Bewegungen sehen sie aus wie Tintenfische. Bardamu bekommt unterdessen größenwahnsinnige Phantasien, bildet sich ein, dass es infolge von Alkoholismus, moralischem Verfall, sexueller Frustration und kosmischer Langeweile an Bord gäre und unter den Passagieren ein Komplott stattgefunden habe, in dem Bardamu als eine Art Schettino identifiziert worden sei: ein Feind und Sündenbock, den die anderen stillschweigend dazu ausersehen hätten, in die Enge getrieben und vernichtet oder wenigstens über Bord geworfen zu werden.

In dem Jahr, bevor die Costa Concordia auf die Seite kippte und 32 Menschen tötete, spielte sie eine Hauptrolle in einem Film. In Godards Film socialiste kommen Glücksspiele und ein Brunchbuffet vor, wilde Disconächte, das Geplänkel der Geschichte, verschwundenes Gold, Palästina. In HD gedreht, verwandeln die Aufnahmen das gewaltige Kreuzfahrtschiff in etwas Mythisches – blendend, sauber, mächtig, prachtvoll. Da ist das leuchtende Blau und satte Gelb seiner breiten, glänzenden Decks und des gigantischen Schornsteins. Das funkelnde Weiß des Rumpfs und der weiße Schaum der gloriosen Heckwelle. Das Schiff ist der Traum, den die Passagiere träumen. In einer Szene auf dem Schiff hält Alain Badiou vor leeren Stühlen eine Rede über Husserl und die Geometrie, so als träume auch er: der Philosoph, der nicht merkt, dass er kein Publikum hat (oder der begreift, dass er wach ist, während die anderen schlafen, und nichts tun kann, um sie aufzurütteln). Godards Film gliedert sich in drei Teile. Zwei spielen auf der Concordia, der dritte dagegen wirft, in den Häfen, wo die Concordia haltmacht, auch historische Wochenschauen und Filmbilder ein. Als das Schiff in Neapel ankommt, zitiert Godard, ohne die Quelle zu nennen, Curzio Malapartes Roman Die Haut: «Am 1. Oktober 1943 war die Pest in Neapel ausgebrochen.» Die Pest, das sind die Amerikaner, die an diesem Tag eintrafen, zusammen mit ihrem amerikanischen Frieden, dessen Anwesenheit oder Versprechen jede Frau, wie Malaparte schimpft, zur Prostituierten und jeden Mann zum intrigierenden Schuft macht. Die Haut feiert, auf verdrehte und unerbittliche Art und Weise, die Verzweiflung der Neapolitaner, ihre zweischneidige Dankbarkeit gegenüber den amerikanischen «Befreiern». Neapel, erklärt Malaparte, «die einzige Stadt der Welt, die nicht in dem ungeheuren Schiffbruch der antiken Kultur versunken ist», hat nur überlebt, um ihren wahren Ruin zu finden, als die Amerikaner mit ihrer Gesundheit, ihrem Frohsinn, ihrer sauberen Moral, ihren engsitzenden Uniformen und tiefen Widersprüchen auftauchen. Doch wie Godard uns in seinen majestätischen Ansichten der Concordia als eines überirdischen, glitzernden – schieren und heilen – Eisbergs vorführt, kann die Pest wunderschön sein.

Das Kreuzfahrtschiff, sagte Jonathan Franzen der Paris Review im Jahr 2010, ist «ein Sinnbild unserer Zeit». Ich bezweifelte das, trotz David Foster Wallace’s geistreicher Reportage über ihre «nahezu tödlichen Annehmlichkeiten» sowie Franzens kunstvoller langer Kreuzfahrtszene in Die Korrekturen. Für mich waren Luxusliner ein Beispiel für den Surrealismus von Otto Normalverbraucher und ganz sicher kein Sinnbild. Aber sie schieben sich immer wieder in den Blick. Monströs gleiten sie den Giudecca-Kanal hinauf und stören den alten, wässrigen Traumzustand namens Venedig, lassen selbst nach der Katastrophe der Concordia den Campanile des Sankt-Markusdoms immer wieder zwergenhaft erscheinen. In Wahrheit ist das Kreuzfahrtschiff tiefer in meinen Gedanken verankert, als ich bisher zugeben wollte. Der erste längere Text, den ich je alleine las, als kleines Kind, war eine Zeitschrift: Mad, Ausgabe #161 vom September 1973, die eine Parodie mit dem Titel «The Poopside-down Adventure» über einen untergehenden Luxusliner enthält. Ich las die Ausgabe so oft – ein Handbuch und Meisterstück, dachte ich, um den Humor der Erwachsenen zu verstehen -, dass ich ihn fast auswendig konnte:

«Alle mal herhören! Wenn wir gerettet werden wollen, müssen wir rauf nach unten!»

«Rauf nach unten?!»

«Ja! Alle, die nach oben runter wollten, sind tot!»

«Wir müssen uns zum Schiffsschraubenschacht hocharbeiten!»

«Der ist so schmal, was erwartet uns da oben?»

«Das dicke Ende!»

«Dann brauchen wir jetzt was zum Raufklettern! Ich weiß! Wir nehmen den umgekippten Weihnachtsbaum! Wird nicht leicht sein, bei all dem spitzen Metallschmuck, den durchgebrannten Lichtern und der ganzen Wackeligkeit! Aber das ist ein Opfer, das Gott von uns verlangt!»

Jahrelang hielt ich die Mad-Fassung für die echte Geschichte und nahm an, dass der Hollywood-Film Die Höllenfahrt der Poseidon ihre fehlerhafte Kopie sei. Ich kannte den Film nicht, hatte keine Möglichkeit, ihn zu sehen, und zog das direkte Erlebnis, als solches empfand ich es, vor. Die echte Höllenfahrt der Poseidon ist eine Allegorie auf den Zusammenbruch des Kapitalismus, und ich habe ihn nach wie vor nicht gesehen.

Die Costa Concordia ist keine Allegorie. Aber wie in Die Höllenfahrt der Poseidon war weiter oben im Gefüge einiges faul gewesen. Das Schiff, das dem amerikanischen Superunternehmen Carnival gehört, hatte offenbar eine billige, dünne Haut, die allzu leicht aufschlitzte. «Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich Menschen schubste und meine Fäuste benutzte, um mir einen Platz zu sichern», sagte ein Passagier später. «Ich habe die Leute schließlich angebrüllt», berichtete ein freiwilliger Helfer aus der Stadt, der an Bord ging, um Leben zu retten. Er wurde als raubeinig-gutaussehender Mann beschrieben (neun Zehntel von denen, die in einem solchen Notfall den Überlebenden zu Hilfe eilen, Ortsansässige, die den dringenden Ruf zum Heldentum verspüren und dies als Teil der natürlichen Ordnung betrachten, werden später als raubeinig-gutaussehende Männer beschrieben). «‹Seid doch keine Tiere! Hört auf, euch wie die Tiere zu benehmen!› Das habe ich mehrfach gerufen, um Kinder in die Boote zu lassen. Es hatte keine Wirkung.» Zwei Jahre später kenterte die Fähre MV Sewol vor der Südküste Koreas, während sich der Kapitän in Unterwäsche in seiner Kabine aufhielt und rauchte. Er wurde gerettet. 304 Passagiere ertranken.

The Love Boat, die Fernsehserie der 1980er, wartete jede Woche mit neuen Passagieren auf, mit neuen Verwirrungen und Problemen, die gelöst werden mussten. Sie ist eine Kehrseite von Godards Film socialiste, der eine genauso banale Kreuzfahrtträumerei ist, durch Godards Linse jedoch unerklärliche Anmut bekommt. Godard filmte auch mit versteckten Kameras, Überwachungskameras und Telefonen. Der Effekt dieser Blicke ist ein entpersönlichtes Love Boat: der gleiche Kontext, nur ohne die Liebesgeschichten und mit einem Ensemble echter Passagiere, die zufällig zu Statisten werden. «Armes Europa», sagt eine von Godards Figuren, «durch das Leid nicht geläutert, sondern korrumpiert. Durch die wiedergewonnene Freiheit nicht erhöht, sondern erniedrigt.» Hier besteht keine Möglichkeit für eine Auflösung binnen einer Stunde.

Das Love Boat dagegen geht, wie es im Titelsong heißt, «schon bald auf die nächste Fahrt». Niemand an Bord sorgt sich wegen historischen Leids. Das Love Boat, heißt es im Song weiter,

 

promises something for everyone.

Set a course for adventure,

your mind on a new romance.

And love won’t hurt anymore.

It’s an open smile on a friendly shore.

Can you handle more?

Love exciting and new.

Come onboard, we’re expecting you.

Love … life’s sweetest reward. Let it flow.

It flows back to you.

 

Sie ist pestfrei, die Liebe, die hier angeboten wird. Eine Liebe, die nicht mehr weh tut. Was für ein Versprechen.

Hatte ich diesen Song im Kopf, als unser Schiff an Ischia vorbeifuhr, wo in Elena Ferrantes Romanen Liebe und Grausamkeit Lenù und ihren Leser beuteln, und an Sorrent, Kapitän Schettinos Heimatstadt, bevor es im Hafen von Capri schwappend und spritzend zum Stehen kam? Nein. Ich hatte nichts anderes im Kopf, als mit dem Menschenschwarm zurechtzukommen, dem Gedrängel und Geschubse auf dem Weg zum Luxusgepäck und dann zum Ausgang. Glücklicherweise stellte sich eine natürliche Ordnung ein, eine einvernehmliche, ja sogar elegante Hierarchie: Es waren Profi-Basketballspieler an Bord, und die durften zuerst aussteigen.

 

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