Neueste Wunder des gefühlten Fortschritts Horst Evers

von

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Auf dem Weg zu einer Essenseinladung in Berlin-Weißensee, am Rande der Stadt. Ich bin viel zu früh, wollte eigentlich noch ein Mitbringsel besorgen, aber es ist Sonntag, und alles hier hat zu. Alles! Auch der Massagesalon. In der Tür hängt allerdings ein Schild: «Bitte nutzen Sie auch unseren Online-Service.»

Erstaunlich. Hätte gerne gefragt, wie die das machen. Also online massieren. Aber ist ja geschlossen. Immerhin könnte ich online nachfragen. Schreibe eine Mail: «Bitte um eine Online-Massage.» Finde mich wahnsinnig witzig. Ich warte. Eine Minute … zwei Minuten … fünf Minuten …

Dann höre ich eine laute Frauenstimme aus dem offenen Fenster der Wohnung über dem Salon: «Oh nee, hier schreibt wieder so ein Schwachkopf, er will sich online massieren lassen. Gott, wie ich dieses Idiotenpack leid bin. Hält sich wahrscheinlich für wahnsinnig witzig.»

Bekomme eine Antwortmail. Lese: «Online massieren ist leider nicht möglich. Dieses Missverständnis geschieht häufig. Die auf dem Schild angegebene Mailadresse dient nur zur Terminvereinbarung. Mit freundlichen Grüßen …»

Derweil höre ich die Stimme oben weiter toben. «Oaarrhh! Kommt wahrscheinlich direkt aus’m Schwachmatengarten! So ’n Pony, echt. Boarh …»

Na warte. Schreibe zurück: «Selber Schwachmatengarten!»

Ein kurzer Moment, dann wird es plötzlich still in der Wohnung. Sehr still. Ein paar lange Sekunden vergehen, bis ich wieder die Stimme höre: «Du, hier ist eben was Komisches passiert!»

Es rumpelt. Ich höre, wie die Balkontür aufgestoßen wird. Kann mich gerade noch hinter einem Lkw verstecken. Sehe die Frau auf dem Balkon und dahinter in die Wohnung, vor allem große Pflanzen. Die Frau schüttelt den Kopf, zündet sich eine Zigarette an, raucht, geht dann zurück ins Zimmer.

Ich schreibe eine neue Mail: «Entschuldigen Sie, aber Sie riechen jetzt wirklich sehr stark nach Rauch. Könnten Sie sich bitte die Zähne putzen, bevor wir uns weitermailen?“

Wieder dauert es ein paar Sekunden, dann höre ich sie in der Wohnung schreien. Darauf ertönt noch eine andere Stimme: „Was schreist du denn so?»

«Der Computer will, dass ich mir die Zähne putze.»

«Ah, ach so. Das ist nur ein Trick. Virtuelle Kriminelle. Von mir wollen die auch ständig Sachen. Dass ich meine Krankenversicherung überprüfe, ein todsicheres Roulettesystem ausprobiere oder das Geld von einem nigerianischen Konsul verwalte. Aber Zähne putzen, das ist neu.»

Bekomme eine weitere Mail. Die ist nicht mehr ganz so höflich. «Also gut, Sie virtueller Zahnputz-Trickbetrüger. Putzen Sie sich mal lieber selber. Sie sind ja wohl nicht ganz sauber. Wer sind Sie, und was wollen Sie?»

Um zu deeskalieren, beantworte ich ihre Fragen ohne Umschweife.

«Entschuldigung, ich wollte Sie nicht verletzen, und ich bin auch gar kein Kunde. Also genau genommen, schreibt Ihnen hier Ihr Gummibaum.»

Wieder völlige Stille. Dafür kommt es nun zu einem direkten, schnellen, leisen elektronischen Nachrichtenaustausch.

«Welcher Gummibaum?»

«Na, der riesengroße grüne Gummibaum in der Ecke, direkt neben dem Fenster.»

«Aber das ist doch eine große Schefflera.»

Verdammt, ich weiß echt zu wenig über Pflanzen. Egal, ich muss die Situation retten. Hilft ja nichts. Schreibe daher: «Ja, ich weiß. Für Sie sehe ich aus wie eine Schefflera. Natürlich. Aber ich habe mich nie als Schefflera gefühlt. Tatsächlich bin ich ein Gummibaum im Körper einer Schefflera. Ich bitte Sie sehr herzlich, mich von nun an Gummibaum zu nennen und entsprechend zu behandeln.»

Statt einer Antwort höre ich nun wieder die andere, männliche Stimme in der Wohnung: «Bobobobobboboboboborrorbobo …»

Klanglich ähnlich ansprechend wie die Sprachmelodien von den Erwachsenen bei Peanuts. Doch leider eben auch genauso unverständlich. Die Frau brüllt daraufhin einen der wohl schönsten Sätze, die ich jemals gehört habe. Sie brüllt: «Ich weiß auch nicht, ob die Streichwurst noch gut ist, iss sie einfach, und in ein paar Stunden kann man an deinem Schweiß riechen, ob sie noch gut war oder nicht. Außerdem habe ich hier gerade ganz andere Sorgen. Unsere Schefflera schreibt mir Mails, hält sich für einen Gummibaum und will eine Online-Massage.»

Ich denke: Puuuh. Man hat echt schon Leute für weniger eingewiesen.

Da die Frau mir mittlerweile ans Herz gewachsen ist, will ich ihr beweisen, dass sie nicht verrückt ist. Dafür gibt es leider nur eine Möglichkeit. Die Wahrheit. Daher schreibe ich:

«Ich möchte die Situation aufklären. Es verhält sich folgendermaßen: Ich und einige meiner Pflanzenkollegen sind Prototypen, die in einem Experiment des amerikanischen Geheimdienstes in Zusammenarbeit mit Monsanto, dem Gen-Saatgut-Hersteller, erschaffen wurden. Wir sind Spionagepflanzen, hypermoderne intelligente Hightech-Züchtungen und allesamt WLAN-fähig. Wir, sozusagen die nächste Generation von Spionagesatelliten, werden unauffällige Zimmerpflanzen sein, die vermeintlich nur so in der Wohnung rumstehen, sich aber tatsächlich automatisch in die Netzwerke hacken, alle Daten sammeln, sortieren und dann direkt zur Auswertung an die NSA schicken.»

So, das sollte die Frau beruhigen. Sie wieder erden.

Diesmal dauert es eine ganze Weile, bis ich eine Antwort bekomme.

«Warum erzählst du mir das alles?»

Finde, das ist aber mal eine gute Frage. Meine Antwort: «Ich will das alles nicht mehr. Vor lauter schlechtem Gewissen kann ich kaum noch in Ruhe Photosynthese machen. Am besten stellst du mich einfach raus auf den Bürgersteig. Dann seid ihr wieder sicher, frei und unbeobachtet.»

 

Na ja. Meine Freunde sind ein bisschen überrascht, als ich etwas verspätet ankomme und ihnen eine wirklich riesengroße Schefflera überreiche.

«Die war echt nicht leicht zu kriegen», sage ich. «Hab ich quasi online besorgt.»

Sie haben sich so mittel gefreut.