Mit Kamu in Teheran Iris Radisch

von

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© Mahshid Mirmoezi

 

Die Ankunft

Flughafen Imam Chomeini, Teheran. Noch im Flieger verschwinden alle Frauen unter den mitgebrachten Kopftüchern. Ich mache es ihnen nach, eine staatlich erzwungene Selbsterfahrung, zehn Tage unterm schwarzen Kopftuch, das nie an der von Allah erwünschten Stelle halten will.

Ich komme in den Gottesstaat, weil meine Biographie über Albert Camus in Teheran erschienen ist. Die Bilder des Covers, die man mir nach Hamburg geschickt hat, zeigen einen sepiabraun entrückten Camus mit Kippe im Mund. Am Flughafen warten meine Übersetzerin und der Sohn des Verlegers. Es ist mein allererster Auslandseinsatz als Autorin. Die erste Übersetzung meines Buches.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet habe. Am ehesten eine Art Kopftuch-DDR, ein Land, aus dem alle Farben und alle Frauen verschwunden sind wie in den Cartoons der iranischen Exilautorin Marjane Satrapi. Das war natürlich eine Dummheit, die nur davon kommt, dass ich zu wenig ins Kino gehe und außer «Taxi Teheran» von Jafar Panahi noch keinen iranischen Film gesehen habe. Jedenfalls war ich auf so viel Modernität nicht gefasst.

Die Fahrt in die Innenstadt dauert Stunden, dicht eingeklemmt, Stoßstange an Stoßstange, im Teheraner Nachmittagsverkehr. Dieser Stau ist offenbar so selbstverständlich, er gehört so sehr zum alltäglichen Teheraner Leben, dass man ihn nicht bedauert, nicht kommentiert, nicht in Radiomeldungen vor ihm warnt wie vor einem Unwetter, sondern ihn einfach hinnimmt wie das Leben und den Tod. Man plaudert, man schreibt, man telefoniert, man hört Musik. Stau ist Schicksal. Das Verlegerauto hat fantastische Lautsprecher.

Am Abend gibt es ein großes Essen mit der Verlegerfamilie. Der korpulente Verlegerpatriarch Ali Jafarieh und seine zarte blond gefärbte Frau sprechen kaum Englisch, der Sohn und die Tochter sprechen es fließend. Sina hat in London studiert und ist dabei, in der Verlagsbuchhandlung seines Vaters eine Galerie für iranische Gegenwartskunst zu eröffnen. Sarah lebt bei den Eltern und entwirft luxuriöse Designkittel und Kopftücher. Eine wahrscheinlich durchschnittliche Oberschichtsfamilie: ein mächtiger Patriarch, der sich außerhalb des Landes schwer zurechtfindet. Die jeunesse dorée, die sehr viel Party und irgendwas mit Kunst macht, das den Radar der Revolutionsgarden problemlos unterfliegt. Zwischen diesen Generationen liegen Jahrhunderte. Eine ungeheure Spannung ist in der Luft. Gestern ist ein Freund der beiden tödlich verunglückt. Drogen, Alkohol, zu schnelles Leben, zu schnelles Fahren, was auch immer.

 

Die Stadt

Es ist von der ersten Sekunde an klar: Man lebt hier kurz vor einem Siedepunkt, von dem jemand, der aus Hamburg kommt, sich keine genaue Vorstellung machen kann. Die Stadt im Stau hat ein ungeheures Tempo, einen Kesseldruck, den man auf der Haut spürt. Niemand, wirklich absolut niemand hält bei Rot an einer Ampel. Jeder fährt, sobald er kann, ohne auf irgendwelche einschränkenden Regeln, Leuchtzeichen oder Straßenspuren zu achten. Wer bremst, hat verloren, steckt fest. Wer eine Strasse zu Fuß zu überqueren versucht, muss um sein Leben fürchten. Wer ohne Atemmaske unterwegs ist, bekommt Kopfschmerzen. In der Nacht, auf dem Heimweg in den Norden der Stadt, an den Fuß der verschneiten Berge, kreuzen ein paar Todesengel im Kapuzenpulli auf Rollerblades durch das Verkehrschaos, lassen sich von den Autos mitziehen, fädeln sich durch zentimeterdünne Freiräume. Teheran ist elektrisch, unermesslich die Energie, die in der Stadt festsitzt.

Ein Jahrzehnt lang war der Iran von der Weltgemeinschaft abgeschnitten. Die Sanktionen sind erst vor kurzem aufgehoben worden, die Tinte unter dem Atomabkommen ist kaum trocken. Noch immer haben die reichen Kinder der Mullahs keine internationalen Kreditkarten. Noch immer muss der Reisende seine Reisekasse im Brustbeutel mit sich führen, obwohl auf den Straßen der Westen schon da ist, als BMW, Peugeot und Mercedes-Benz. Touristen gibt es hier kaum. Um das Visum zu bekommen, bin ich mit meinen Kopftuchpassbildern viele Male auf das Hamburger Konsulat der Iranischen Republik bestellt worden und musste in Gegenwart einer fest verschleierten Konsulatsmitarbeiterin schließlich unterschreiben, dass ich im Iran nicht journalistisch arbeiten werde. Ist eine Buchpräsentation davon ausgenommen? Ich möchte das lieber nicht wissen.

 

Die Buchpremiere

Am Tag der Buchpremiere ist das gesamte Schaufenster der Verlagsbuchhandlung des Saless Verlages von den sepiabraunen Camus-Büchern belegt. Ich war sehr neugierig, wie ein persischer Camus-Leser aussieht. Jetzt sehe ich ihn. Er sieht gar nicht so anders aus als ein Camus-Leser in Deutschland. Er ist unbestimmten Alters, unscheinbar gekleidet, vertrauenerweckend, jemand, den man nach dem Weg fragen würde oder auch nach mehr. Einige Schriftsteller sind gekommen, Journalisten, Übersetzer und Kritiker. Vielleicht sechzig oder siebzig Leute. Ein Herr eröffnet den Abend, er spricht ziemlich lange, leider verstehe ich nichts außer Reich-Ranicki, Karasek, Camus, Sartre. Danach sprechen zwei weitere Herren, die schon in der ersten Reihe auf ihren Auftritt gewartet haben. Auch sie sprechen sehr lange, ich verstehe nur Camus, Sartre, Malraux. Der eine Herr, erklärt man mir, finde mein Buch nicht gut, es sei zu detailreich. Der andere verteidige den Detailreichtum, gerade darin sei das Buch stark. Dann kommt eine junge Dame nach vorne. Eine Kritikerin? Nein, nur die verschleierte Mitarbeiterin eines weiteren Herrn, der seine Rede über mein Buch leider nicht persönlich vortragen kann und sie verlesen lässt. Auch dieser abwesende Herr, wird mir bedeutet, habe an meinem Buch und an der Übersetzung einiges auszusetzen.

Dann spricht der fünfte Herr. Diesmal verstehe ich alles, denn es handelt sich um den Leiter der Kulturabteilung der deutschen Botschaft in Teheran. Er kritisiert mein Buch nicht und beglückwünscht den Verlag dafür, dass er die Übersetzungsrechte an dem Buch legal erworben habe. Das ist nämlich im Iran absolut nicht üblich. Jeder darf übersetzen und veröffentlichen, was ihm auf dem ausländischen Buchmarkt gefällt. Meine Übersetzerin wird mir ein paar Tage später ein anderes Buch von mir zeigen, dass ohne mein Wissen schon vor Jahren auf Persisch erschienen ist. Am Ende dürfen auch wir, meine Übersetzerin und ich, auf die Bühne. Ich erzähle, warum ich das Buch geschrieben habe und was ich mir von ihm erhoffe. Ich lese eine Seite, und meine Übersetzerin liest eine Seite. Danach spricht der erste der fünf Herren ein Schlusswort.

Am nächsten Tag erscheinen in den Teheraner Tageszeitungen ganzseitige Artikel, in denen die Reden der Herren und mein Statement abgedruckt sind. Es gibt sogar ein Kopftuchfoto von mir auf der Titelseite. Zwei weitere Zeitungen haben mich zu Gesprächen über Camus in ihre Redaktionsräume geladen. Ich habe viel gelernt. Unter anderem, dass Camus im Iran nicht Kamü, sondern Kamu genannt wird. Dass Herren im Iran viel zu sagen haben. Und dass Damenjacken im Merkel-Schnitt hier absolut nicht gehen.

 

Das Teheraner Doppelleben

Jedenfalls nicht draußen. Drinnen ist alles anders. Mein iranischer Verleger ist sehr gastfreundlich. Er lädt mich und meine Übersetzerin Mahshid zu einer Reise nach Isfahan ein. Er reserviert Zimmer im besten Hotel der Stadt. Er führt mich durch den Golestanpalast. Er mietet sogar eine Kutsche dorthin. Er nimmt mich mit zum Geburtstag seines Schwagers. Hier lerne ich: Hinter geschlossenen Türen gibt es noch ein anderes Land, das mit dem Land draußen nur wenig zu tun hat. In diesem zweiten Land tragen Frauen keine Kopftücher, hier wird gesungen und getanzt und Whisky und Cognac getrunken.

Das ist das Interessanteste in dieser verwirrenden Stadt: In der langen einsamen Quarantänezeit, in der das Land mit seinem arabischen Nachbarn verfeindet und vom Westen abgeschnitten war, hat es sich in zwei Teile zerlegt: in sich selbst und in sein Gegenteil. Nahezu alles scheint es in doppelter Ausführung zu geben. Draußen Zensur, Verhaftungen, Männerherrschaft und Religionsdiktatur. Drinnen ein kopftuchloses, vollverkabeltes Leben auf der Höhe der Zeit. Doch über beidem wachen alte Herren mit weißen Bärten, die überall – eine offenbar staatlich betriebene Ayatollah-Street-Art – überlebensgroß von den Hauswänden der Stadt herabsehen. Die Revolutionswächter kontrollieren nicht nur die islamische Lebensführung der Bevölkerung, sie organisieren auch den Schmuggel mit dem verbotenen westlichen Teufelszeug, das hinter verschlossenen Türen konsumiert wird. Ihre Überwachung ist total: Sie herrschen sowohl über die Einhaltung als auch über die Nichteinhaltung der islamischen Gesetze. Sie haben alles und jeden im Griff, sogar mein Buch, das der Zensor allerdings ohne jede Änderung abgesegnet hat.

 

Die iranischen Frauen

In Isfahan, der alten Sultan-Stadt inmitten der Wüste, 450 km südlich von Teheran, ist vom Teheraner Doppelleben zwischen den Zeitaltern und Kulturen nichts mehr zu spüren. Während in Teheran das Kopftuch bei den meisten Frauen nur locker am Hinterkopf klemmt, gibt es hier eine Armee schwarzer Gespenster, die im Tschador durch die Gassen des Basars huschen. In den Teehäusern und Läden rund um den sagenhaften Platz Meidan-e Emam nichts als … Männer, Männer und noch mehr Männer. Meine einfallslose Hamburger Dunkelkluft, schwarzer Mantel, schwarze Brille, graue Hose, schwarzes Kopftuch erfüllt hier vorbildlich ihre Aufgabe, sie lässt ihre Trägerin von der Bildfläche verschwinden. Nur Mahshid, eine extravagante Erscheinung mit rot gefärbtem Haar, roten Fingernägeln, roten Lippen und bunten Kopftüchern, ist hier eine vielbestaunte Fremde.

Mahshid Mir-Moezzi ist eine erfahrene Übersetzerin. Mein Buch ist ihr in einer Wiener Buchhandlung zufällig in die Hand gefallen, und schon nach den ersten Seiten habe sie beschlossen, es zu übersetzen. Sie sucht sich die Bücher, die sie übersetzt, selber aus. Im Iran ist das Übersetzen eine sehr entbehrungsreiche Arbeit, es gibt keine Verträge, häufig werden die vereinbarten Honorare einfach nicht bezahlt. Man kann nie sicher sein, ob ein Kollege nicht gerade dasselbe Buch übersetzt, da das Lizenzgeschäft nicht existiert. Die Einladung nach Isfahan, ins Luxushotel aus der Schahzeit, bleibt hoffentlich nicht die einzige Bezahlung für die Übersetzung meines Buches.

Noch ein paar Worte zum Kopftuchthema: Ich habe keine Frau getroffen, die es gerne trägt. Ich habe aber auch keine einzige gesehen, die es nicht trägt. Alle tragen es, immer und überall, auf der Straße, in den Restaurants, im Auto, in den Büros, den Läden, in den Redaktionen, am Filmset, selbst Künstlerinnen, Journalistinnen, Nachrichtensprecherinnen und Filmstars sind vom Kopftuchzwang nicht ausgenommen. Nur einmal in den zehn Tagen habe ich ein großes kollektives Kopftuch-Abnehmen erlebt: im Theater während eines Konzerts von Frauen für Frauen. Eine merkwürdig emanzipatorische Veranstaltung, die es aber nur deswegen gibt, weil das Musizieren und Singen der Frauen Allah genauso wenig gefällt wie das öffentliche Zeigen ihrer Haare und deswegen in der Öffentlichkeit verboten ist. Da es das Nichterlaubte dennoch gibt in Form von iranischen Sängerinnen und Musikerinnen, ist man auf den Ausweg verfallen, sie nur vor Frauen auftreten zu lassen. Und so kommt es, dass Hunderte von Frauen, darunter viele berühmte iranische Filmschauspielerinnen, im restlos ausverkauften Teheraner Theater ihr Kopftuch abnehmen und einer züchtig verschleierten Frauenband zujubeln.

Überall, beim Gallery-Hopping, im Theater, in den märchenhaften Restaurants in den Bergen oberhalb der Stadt, sieht man selbstbewusste, gebildete Frauen. Viele von ihnen haben studiert, die weiblichen Studienabschlüsse sind sogar zahlreicher als die der Männer. Doch der Lage der Frau nutzt das wenig. Das Erb- und das Scheidungsrecht benachteiligen sie, zur politischen und religiösen Macht haben iranische Frauen keinen Zugang. In den klassischen weiblichen Rollenfächern wie Mode, Schauspiel und Design werden den Frauen der wachsenden iranischen Oberschicht gewisse Freiheiten eingeräumt, die aber mit echter Freiheit so viel zu tun haben wie die Ayatollahs mit Demokratie.

Niemand wagt es, mit mir über das Schicksal der 29-jährigen iranischen Künstlerin Atena Farghadani zu sprechen, die seit vielen Monaten im Gefängnis sitzt, weil sie auf ihrer Facebook-Seite eine Karikatur iranischer Parlamentsabgeordneter gepostet hat, denen sie Tierköpfe verpasst hat, um dagegen zu protestieren, dass die Abgeordneten den Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln erschweren wollten. Die bewundernswert tapfere stellvertretende Chefredakteurin einer reformistischen Zeitung, die bereits im Gefängnis saß, bittet mich, über ihr Schicksal nicht zu berichten. Sie befürchtet, in der Redaktion verhaftet zu werden, wenn ihr Kontakt zu ausländischen Kollegen bekannt würde. Die junge Studentin Neda Agha-Soltan, die vor sieben Jahren bei den Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen von iranischen Milizen erschossen wurde und deren Todeskampf Millionen im Netz gesehen haben, ist das große Vorbild dieser Frauen.

 

Und Schluss

Zurück in Hamburg-Eppendorf kommt mir hier alles so schön vor wie in einem Werbefilm, Ruhe, Luft, Ampeln, grüne Bäume, die Jogger an der Alster, entspannte Leute, frische Brötchen, Fahrradwege. War ich in der Wirklichkeit und bin in ein Sanatorium zurückgekommen? Oder war ich im Irrenhaus und bin wieder entlassen? Verrückte Welt, wir leben alle gleichzeitig auf verschiedenen Planeten. Das Kopftuch trage ich seither in Hamburg ab und zu noch. Ich finde es plötzlich irgendwie ganz kleidsam.