Karl Marx versucht, Donald Trump zu verstehen. Und scheitert. Alan Posener

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Im «Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte» spricht Karl Marx von der «kleinlauten Verzweiflung» der Franzosen nach dem Staatsstreich des Napoleon-Neffen; von dem «Gefühl der ungeheuersten Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Atem stocken lässt. Es fühlt sich wie entehrt.» So ähnlich ergeht es der Republikanischen Partei in den USA, der Partei des von Marx verehrten Abraham Lincoln, nach der feindlichen Übernahme durch Donald Trump.

Die Republikaner müssen nun, wie damals Frankreich, «die Autorität eines Individuums ohne Autorität» erdulden. Es ist ein Albtraum, wie ihn nicht einmal Hollywood ausdenken könnte. Zwar wird in der TV-Serie «House of Cards» ein machtgeiler und prinzipienloser Intrigant, der vor Mord nicht zurückschreckt, Präsident der USA. Aber der von Kevin Spacey gespielte Frank Underwood hat immerhin Charakter, wie sein Vorbild, Shakespeares Richard III. Ja, der schon von Marx als Organ des Kapitals gern zitierte Economist kritisierte die Serie als nostalgisch, denn Männer von solchem Format, die Intrigen von solcher Komplexität weben, gebe es in Washington lange nicht mehr.

Stattdessen gibt es Trump, der «wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich gerichtet zu halten», «die Anarchie selbst im Namen der Ordnung» erzeugt, «während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht». So Marx noch einmal über Louis Napoleon.

Der deutsche Schreibtischrevolutionär mochte sich immerhin einbilden, mit dem Coup d’état des Napoleon-Neffen habe der bürgerliche Staat die Maske abgestreift, sich auf den reinsten Ausdruck reduziert und dadurch reif gemacht für den Sturz durch das Proletariat. Von solchen Hoffnungen, wenn denn die Aussicht auf den Sozialismus eine Hoffnung sein soll, sind wir Bewohner der Postmoderne nicht affiziert. Wenn Louis Bonaparte, wie Marx sagte, die Tragödie seines Onkels als Farce wiederaufführte, so ist der linke Bernie Sanders als Reinkarnation Franklin D. Roosevelts der Stoff, aus dem die Seifenopern sind.

Nicht, dass wir in Europa Grund hätten, uns in irgendeiner Weise überheblich in die Brust zu werfen. Allenfalls könnten wir darauf hinweisen, dass wir eine Art Patent auf den Typus Trump haben: Der singende Clown Silvio Berlusconi etwa nahm vieles von «The Donald» hinweg, von Bunga-Bunga bis zur Vorstellung, ein Geschäftsmann wisse am besten, wie man einen Staat lenkt; eine ebenso absurde Vorstellung wie die sozialistische Idee, Politiker könnten die Wirtschaft lenken. But who the fuck gives a shit who runs Italy? Bei den USA ist es etwas anderes. Sie sind, wie zu Marxens Zeiten Frankreich, das Musterland der kapitalistischen Demokratie.

Marx glaubte daher, den Aufstieg Louis Bonapartes aus den Kämpfen der damaligen Klassen erklären zu können. Am Ende erschien die Herrschaft Bonapartes als die logische Folge der Zänkereien zwischen Bauern und Bourgeois – und da wieder zwischen Industrie-, Handels- und Finanzkapital – und ihres historischen Kompromisses angesichts der proletarischen Bedrohung: «So kam es, dass der einfältigste Mann Frankreichs die vielfältigste Bedeutung erhielt. Eben weil er nichts war, konnte er alles bedeuten, nur nicht sich selbst.« So Marx in «Die Klassenkämpfe in Frankreich». Trump jedoch bedeutet nichts außer sich selbst, und die Tatsache, dass er sich die traditionelle Partei des Kapitals – und nicht die traditionell für den Populismus anfällige Demokratische Partei – unterwerfen konnte, ist ein Menetekel.

Denn bei Betrachtung der politischen Verhältnisse in den USA – und also, weil sie eben das Musterland im Guten wie im Schlechten sind, in der demokratischen Welt allgemein – haben sich Linke und Rechte immer damit getröstet, wenn sie diesen Trost auch zuweilen als Kritik formulieren, dass am Ende niemand gewählt würde, der den Klasseninteressen des Kapitals zuwider wäre. Niemand will wirklich mehr tun, als hier und da eine Stellschraube zu drehen; niemand will wirklich die Macht in Staat und Gesellschaft irgendeiner Interessengruppe überlassen, die nicht wegen ihrer gewaltigen Besitztümer das größte Interesse an der Stabilität der bestehenden Ordnung haben muss. Darum werden Wahlen in der Mitte gewonnen. Oder wurden es.

Trump jedoch hat die Republikanische Partei mit dem reinen Ressentiment überrumpelt – und mit der Drohung, die Partei zu zerstören, wenn sie ihn nicht nominiert. Natürlich ist er selbst Milliardär, aber er ist nur in dem Sinn Mitglied der herrschenden Klasse, wie ein Pirat auch Seefahrer ist. Nun ist der Pirat Admiral, und es ist nicht sicher, wohin er die Flotte lenken wird. Jetzt sagen alle: Gut, also wird Hillary Clinton Präsidentin. Aber sicher ist das eben nicht, weil nichts mehr sicher ist. Trump ist ein Beleg für die anarchistische, unberechenbare, unkontrollierbare, zerstörerische und selbstzerstörerische Kraft der Massendemokratie. Und deshalb stockt uns auch im Alten Kontinent der Atem.

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