«Ich darf nicht mehr in die USA einreisen» oder: Das Trump-Orakel Lamya Kaddor

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Er tut es, er tut es nicht. Er tut es, er tut es nicht …

 

Bis vor Kurzem war ich mir nicht sicher, ob der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, wohl tatsächlich all das umsetzen würde, was er während des Wahlkampfs angekündigt hatte. Inzwischen ist klar: Ja, er tut es.

Er lässt eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, er lässt das Thema Klimawandel «verschwinden», er stellt Hilfen für Frauen ein, die abtreiben wollen, und er hat tatsächlich mit Dekret vom 27. Januar 2017 erlassen, dass Bürgerinnen und Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten (Irak, Iran, Jemen, Libyen, Somalia, Sudan und Syrien) für 90 Tage nicht mehr einreisen können. Dies betrifft auch Besitzer von mehreren Staatsangehörigkeiten – und somit auch mich. Ich bin nicht nur deutsche Staatsangehörige, ich habe auch die syrische Staatsbürgerschaft. Der syrische Staat entlässt seine Bürger nicht aus dieser Staatsbürgerschaft.

Vor einigen Jahren war ich noch auf Einladung des State Departments zu Gast in den USA. Es ging darum, das muslimische Leben im «Land of the free» kennenzulernen. Es war eine wichtige Reise für mich. Zum einen ging es um den amerikanischen Umgang mit Integration und Einwanderung, zum anderen lernte ich dort Muslime kennen, die eine ganz andere Mentalität und Identität entwickelt hatten als Muslime in Deutschland: «We are American Muslims» – «Wir sind amerikanische Muslime». Diese Attitüde war für alle, mit denen ich sprechen konnte, völlig selbstverständlich. Die Herkunft der Familie wurde nicht geleugnet, aber man war angekommen im neuen Land, sah es als seine Heimat. Die von vielen Studien belegte Haltung dieser amerikanischen Muslime – ich konnte sie fühlen, miterleben.

So eine Haltung habe ich damals in Deutschland vermisst. Und vermisse sie leider immer noch bei zu vielen. «Ich bin deutsche Muslimin», so etwas hörte und hört man von Menschen mit Migrationshintergrund eher selten zwischen Füssen und Flensburg. Das Türkische, das Arabische, das Bosnische – es überlagert weiterhin bei vielen das Deutschsein. Warum? Auch weil zu viele Deutsche keine neuen Deutschen akzeptieren wollen.

In den USA ist das Ankommen immer schon etwas einfacher gewesen. Donald Trump ist nun dabei, dies zu verändern. Wie lange wird man dort noch das selbstbewusste «We are American Muslims» hören? Lange Zeit hoffte ich, dass von diesem traditionellen Geist der USA etwas nach Deutschland herüberweht. Nun scheint genau das Gegenteil zu passieren. Der Wind des Chauvinismus und der Ausgrenzung, der in Europa auffrischte, scheint über den Großen Teich in die USA zu ziehen.

Seit meiner ersten Begegnung mit diesem aufregenden Land hielt ich diverse Kontakte mit seinen Vertretern. Vor wenigen Tagen erst dachte ich über einen erneuten Urlaub in den USA nach … Dass ich nun nicht mehr in dieses Land einreisen darf, erscheint mir wie ein verrückter böser Traum. Doch es ist kein Traum, es ist derzeit Realität.

Präsident Trump entwickelt sich zu einer Art Herrscher, auf die wir hier im Westen gerne herunterschauen. Wir geißeln Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus, Selbstüberschätzung und Geldgier anderer Politiker. Nun erlässt ausgerechnet der Präsident der Führungsnation des «aufgeklärten Westens» staatliche Diskriminierung per Dekret. Und wir alle ahnen wohl, dass Trump sich gerade erst warmläuft. Dieses Dekret war erst der Anfang. Noch schlimmer wird die Vorstellung, wenn man bedenkt: Die politische Welt schickt allenfalls wohldosierte Kritik gen Washington. Oder schweigt ganz. Die Realpolitik lehrt: Zu mehr wäre der Rest der Welt kaum imstande.

Deshalb schlägt nun die Stunde der Zivilgesellschaft. Wir müssen wachsam sein und uns erheben. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, es seien ja nur die Muslime von dieser Diskriminierung betroffen, und irgendwie sind die ja wegen der gewaltbereiten Islamisten selbst schuld, haben es vielleicht sogar auch verdient. Die Frage, die wir uns alle zu stellen haben, muss lauten: Welches Feindbild ist als nächstes dran? Wann fällt man selbst mit seiner Haltung durch das Raster?

Das Ganze wird zur Dystopie, wenn wir nicht aufpassen.

Mich erinnert das alles an den syrischen Bürgerkrieg. Die internationale Gemeinschaft hat völlig versagt – dabei ging es nur um ein international unbedeutendes Land mit einem international unbedeutenden Präsidenten, verglichen mit den USA und mit Donald Trump. Apropos Syrien-Krieg: Er tut es, er tut es nicht. Er tut es, er tut es nicht …

 

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