Heute bin ich taub Lena Gorelik

von

Jemand hatte ein Feuerzeug genommen, das von zwei verschiedenen Handschriften beschriebene Stück Papier angezündet und das Feuer sogleich wieder ausgepustet. Dem Zettel fehlt nur ein kleines, zackig abgebranntes Stück. Warum? Was hatte an dieser Stelle gestanden? Es war ein Abend voller geschriebener Worte und voll unausgesprochener, das eine verschwamm wie das andere oder ging ineinander über oder wurde von Stille zersetzt. Ein Abend voller Traurigkeit, so könnte ich es auch sagen, und deshalb sind die mit Absicht verbrannten Worte wahrscheinlich nicht von Bedeutung. Die angebrannte Seite liegt vor mir, und der Jemand mit dem Feuerzeug war möglicherweise ich. Und möglicherweise nicht.

Der Junge hatte nichts gehört, also hatte er immerzu gelächelt. Aber vielleicht lege ich mir das auch nur im Nachhinein zurecht. «Schaut mal, da ist eine Kuh!», sagte man zu den kleinen Kindern, und sie drehten alle bei diesem Kommando, «eine Kuh», die Köpfe, er aber lächelte nur. Dann sah er die gedrehten Köpfe, es klackte in seinem Gehirn, erst jetzt klackte es, wo er sah, aha!, und dann drehte auch er den Kopf und lächelte, ein paar Sekunden zu lange.

Sie müssen sich das so vorstellen, erklärte der Arzt, erst der eine, später der andere und dann noch die Ärztin: Sie tragen Ohrstöpsel und sind auch noch unter Wasser. Die Geräusche, die Stimmen, die Sätze verschwimmen zu einem einzigen Geräusch. Stellen Sie sich vor, Sie müssten da Worte herausfiltern. Probieren Sie mal einen Tag lang aus, wie sich das anfühlt, sagte dann noch die Ärztin, oder war es der Arzt, der erste, der zweite, der dritte. Dann legten sie den Jungen auf den Operationstisch, sie sprachen zur Mutter des Jungen, das war dann wohl ich. Während er operiert wurde, trank ich Kaffee und versuchte mich am Kauen eines Sandwichs, was man klischeeweise eben macht.

Der Junge wurde auf den Operationstisch gelegt, was der Mutter die Experimente ersparte. Die begeht sie später im Namen der Literatur. Das Schreiben schmerzt, wenn es denn schmerzt, an einem anderen Punkt. Die Sache mit dem Jungen traf mich da, wo man niemals getroffen werden möchte, der Schmerz bohrte sich mit einem unerträglichen Geräusch in mich hinein. Danach hörte der Junge wieder gut und lächelte nicht hilflos durch die Gegend, auch das niedliche Grübchen in der linken Wange blieb. Für das Schreiben versuchte ich es aber gerne: Ohrstöpsel, die für Profis, für Bauarbeiter und Schlagzeuger, und eine schwarze Mütze bis über die Ohren, schummeln gilt nicht.

Die Welt verschwindet, während ich in der Warteschlange stehe. In Wahrheit ist es ein erhabenerer Eindruck: Ich lasse die Welt verschwinden. Ich habe die Macht. Ich schalte die Welt aus, wie man den Ton beim Fernseher abstellt: mit einem unangestrengten Knopfdruck, einer kaum sichtbaren Daumenbewegung. Ohrstöpsel, Wintermütze. Ich schalte sie aus, die fünfzehnjährigen Mädchen hinter mir, ihren rastlosen, piepsigen Schwall, wer wann wen warum angerufen hat. Ich schalte es aus, das freche Kind, das vor mir an der Theke steht und bereits schrie: Sind wir jetzt dran, ich will Schlittschuh laufen; und die Mutter reflexartig: Nicht da raufklettern, Felix, Felix, ich hab’s dir doch grade gesagt, wir sind jetzt gleich dran. Ich schalte sie aus, die Autos, die man auch hier drin hört, oder die Türen, die zugeschlagen werden, oder die Taschen, die über den Boden scharren, ich schalte sie aus, ich. Die Mütze über den Kopf.
Ich zahle den Eintritt für die Sauna passend, ich höre ja nicht, was die Kartenverkäuferin sagt. Eine Vorsichtsmaßnahme, es wird nicht die einzige bleiben. Taub betrete ich die Sauna. Ich mache die Welt stumm. Die Schritte hallen hier, auf einmal. Ich spüre den Boden; andere würden sagen, ich spüre mich selbst. Es gibt eine Verbindung von meinen Füßen ins Ohr. Anders, es fühlt sich anders an, und anders ist für mich positiv. Wahrnehmungsweisen finde ich immer gut. Da sind die anderen, und da bin ich. Menschen, nackt und ohne Ton, alle präsentieren sich in ihrer prachtvollen Lächerlichkeit. Ein Stummfilm, er heißt «The Naked Stupidity of Manhood». Ich stelle die Idee der Sauna an sich in Frage – nackte, schwitzende, ekelhafte Körper. Lippen werden bewegt, um Nichtigkeiten entweichen zu lassen. Lippen lesen ist nicht schwer, stelle ich erstaunt fest, die da, die reden über Steaks. Da sind Menschen, die in die Sauna gehen und sich über Steaks unterhalten, ich fühle mich erhaben, und Lippen lesen kann ich auch, heute bin ich taub. Die Betonung liegt auf «heute», die Traurigkeit wird erst später kommen und ist dunkelblau, nackte Männer wirken stupider als nackte Frauen: sinnlose Weisheiten, die mir über den Tag verteilt in den Sinn kommen.

Meine Taubheit macht die anderen stumm. Ich stehe in der Küche meiner Freundin und schneide Tomaten, und sie, die am Tisch sitzt und raucht, muss aufstehen und mich anstupsen, damit ich reagieren kann: Rede, bedeutet sie mir, es ist so still. Sie nimmt den ersten Zettel. Es ist so unerträglich still. Das muss sie hinschreiben, ich habe sie verstummen lassen. Ich schneide Tomaten, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, das Geschenk eines Monologs müsste gut genutzt werden, und was ich auch nicht weiß: welches Geräusch das Messer macht, wenn es auf das Plastikbrett trifft. Ich stehe mit dem Rücken zu ihr, und wenn ich jetzt nicht beginne zu sprechen, so kann ich verschwinden: Ich sehe sie nicht, ich höre sie nicht. Ich entfremde mich. Sie erreichen mich nicht, und wer «sie» sind, ist plötzlich nicht von Bedeutung. Nach den Tomaten hacke ich Kräuter, Minze, Petersilie und Koriander, meine anderen Sinne müssten geschärft sein, denke ich, aber die Kräuter riechen wie an jedem anderen Tag: wie Kräuter. Als ich spreche, spreche ich. Darauf kommt nichts, keine Antwort, kein Widerspruch, kein Einwand, auch: keine Emotion, nichts, was mich berühren könnte. Wenn ich möchte, drehe ich mich um, wenn ich möchte, lese ich Lippen, aber vielleicht möchte ich nicht. Sie schreibt, eine Ruhe überkommt sie, es ist, als könne sie besser ausreden lassen. Und wenn ich möchte, lese ich das. Wenn ich möchte – das ist ein Gefühl.

Jetzt kommt ein Bruch, und ich weiß nicht, wann und wie und warum der Bruch geschieht. Vor mir liegen Zettel, vollgekritzelt, ein Kommunikationsversuch, es ist beim Versuch geblieben, und die Erinnerung daran sagt mir, dass ich das nicht wieder lesen möchte. Eine Seite ist an einer Stelle abgebrannt worden, warum? Die Zettel sollen der Erinnerung beim Schreiben dienen, aber an den Bruch erinnere ich mich nicht. Nach dem Bruch war jedenfalls alles dunkelblau. Es lag nicht an der untergehenden Sonne oder am Dunkel vor dem Fenster, es lag noch nicht einmal an uns. Alles war einfach dunkelblau.

Die Traurigkeit hatte kein Ende, sie blieb. Wann sie Einzug hielt, vor dem Essen bereits, dem schweigsamen, von Zigaretten begleiteten, oder erst danach? Der Rauch stand der Stille gut. Auf einem der Zettel steht: Wie fühlst du dich? Und in meiner Schrift darunter: Ist wie in einem Käfig. Und vielleicht waren es auch die Gitterstäbe, die dunkelblau waren. Mit einem Mal wurde ich der Ohrstöpsel gewahr: Sie schmerzten in den Ohren, es war, wie wenn man Kind ist und Windpocken hat, die Finger kreischten danach, die Stöpsel ziehen zu dürfen und die Ohren zu kratzen. Lippen lesen zu müssen verursacht mit der Zeit Aggression, eine, die im Bauch beginnt, aber in den Fingerspitzen endet. Die Fingerspitzen kreischen, das ist doch mal ein Geräusch. Die Freundin schüttelt den Kopf: Nein. Fünf Stunden jetzt, schreibt sie auf einen der Zettel, und ich weiß, das «jetzt» müsste ein «erst» sein. Ich bin ein kleiner, tauber Welpe, heute bin ich taub und klein.

Da ist keine Sehnsucht nach Stimmen und Worten. Es gibt da die anderen, es gibt die Welt. Und es gibt mich. Um mich ist alles dunkelblau, das Dunkelblau ist nur ein Gefühl. Eines, das mich greift.

Ein Telefonanruf, den ich nicht selbst erledigen kann, das sind so die Alltäglichkeiten, an denen man im Vorfeld zu scheitern meinte, die aber jetzt ein Versprechen sind: sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man Telefonanrufe erledigt, wenn man taub ist, anstatt sich dem Dunkelblau zu ergeben. Ich sehe meine Freundin an meinem Telefon lachen und weiß nicht, worüber sie lacht. Ein Freund hinterlässt mir eine Sprachnachricht, der Witzbold, aber er weiß ja nicht, dass ich heute taub bin. Heute bin ich taub. Das Heute hat ein Ende, auch wenn das Dunkelblau mit dem Gegenteil droht, es droht zu bleiben. Auf einem Zettel steht: «Du willst so viel besprechen & hörst nix. Wie soll das gehen?», damit hätte ich diesen Text auch anfangen oder beenden können.

Der Junge lächelte viel. Ich stehe am Fenster, weil die Autos und die Menschen da draußen ein Leben versprechen, an dem ich vielleicht teilnehmen will, der Junge lächelte viel, sage ich, lächelte er vielleicht darüber hinweg? Die Freundin schüttelt den Kopf, dann schreibt sie mir auf: Es war für ihn sicher was anderes, er kannte das nicht anders, und jetzt hört er alles und immer nur das, was er will, der Sturkopf. Ich vermisse ihn plötzlich, das passiert mir sonst nicht. Sie, die das aufschreibt, ist vielleicht außen vor, vielleicht von der Notwendigkeit zu schreiben genervt, aber sie ist. Noch einmal aufzuschreiben, dass die Mütze kratzt, ist wahrscheinlich eine enervierende Wiederholung, aber die Mütze kratzt nun einmal, die Ohrstöpsel drücken, und die Ohren fühlen sich rot an, und ich mag nicht mehr, und vielleicht gehe ich jetzt einfach ins Bett. Heute bin ich taub.

Das Leben verkommt zu einer Modelleisenbahnwelt, während das Unausgesprochene das Aufgeschriebene zersetzt, was übrigens genauso in der Umkehrung gilt, Worte verlieren an Bedeutung oder gewinnen daran in unangemessener Weise, sodass man meint, sie anbrennen zu müssen; sieben Stunden schleppen sich in einer Stille vor sich hin, die auch eine Langsamkeit ist. Ich sitze, damit die Schritte nicht hallen. Ich denke an den Jungen. Ich denke an meine Ohren, die schon immer abstehend waren, meine Eltern wollten sie mir anlegen lassen, als ich klein war, ich ließ es nicht zu. Ich denke an das Klacken des Zuges, früher, wenn man nachts fuhr, das Geräusch einer Reise, das war noch vor den ICEs und in einem anderen Land. Ich denke und denke und denke, und das ist das Dunkelblau: Ich denke, und sonst ist nichts.

Als ich mir die Ohrstöpsel herausreiße, zu früh übrigens, es ging einfach nicht mehr, dröhnt der Computer. Es ist ein penetrierendes wie pulsierendes Geräusch, und das sage ich als Allererstes: Der Computer ist zu laut. Worauf ich nur eine Antwort erhalten kann: Ich höre ihn gar nicht. (Spoiler: Es wird eine Stunde dauern, dann höre ich ihn auch nicht mehr.) Und ich darauf: Sprich leiser, du bist mir zu laut.

Der Junge spricht bis heute, wenn er aufgeregt ist, zu laut. Dann sage ich das auch immer so: Du bist mir zu laut.