Geist und Gehirn in Kürze Siri Hustvedt

von

Wenn Alice von einem Pferd fällt, mit dem Kopf aufschlägt und einen traumatischen Hirnschaden erleidet, wird man diesen – die Blutung, Schwellung oder Verletzung – als ein organisches, physisches Hirnproblem begreifen und von einem Neurochirurgen oder Neurologen behandeln lassen. Nehmen wir an, dass Alice sich vollständig von ihrem Hirntrauma erholt, aber ein paar Monate nach ihrem Unfall eine krankhafte Angst entwickelt, die eigene Wohnung zu verlassen, so wird man ihre Agoraphobie als psychisch oder geistig bezeichnen. Umgangssprachlich ausgedrückt ist jetzt ihr Geist erkrankt, und wenn sie Hilfe sucht, wird es ein Psychologe oder Psychiater sein, der sie bietet. Beide, der Unfall und die Phobie, betreffen Alice’s Gehirn. Eine im Krankenhaus vorgenommene Computertomographie (CT) des Gehirns hat die Hirnverletzung nach Alice’s Sturz deutlich gezeigt. Eine Gehirn-CT anlässlich ihrer Phobie würde keine Beschädigung des Organs nachweisen, möglicherweise aber eine Aktivierung der Amygdala, eines Gehirnareals, das mit Angst in Verbindung gebracht wird. Ehrlich gesagt, weiß niemand so genau, was in den Gehirnen von Phobikern vor sich geht. Dennoch ergibt sich die dringende Frage: Was meinen wir, wenn wir die Worte physiologisch und psychologisch gebrauchen?

In den Neurowissenschaften gibt es keinen Konsens über die Beziehung zwischen Gehirn und Geist. Die Debatten darüber, ob Gehirn und Geist identisch sind oder irgendwie verschieden, ob sich das menschliche «Bewusstsein» auf seine neuronalen Koordinaten reduzieren lässt oder nicht, ob die subjektive Erfahrung des Bewegens, Fühlens, Empfindens oder Denkens vollkommen mit den objektiven Begriffen von Hirnregionen, synaptischen Verbindungen und neurochemischen Botenstoffen beschrieben werden kann, beruhen auf dem uralten Körper-Geist-Problem, das die westliche Philosophie jahrhundertelang umgetrieben hat.

Die Meinungen dazu teilen sich in verschiedene Lager, so auch im 17. Jahrhundert, als der Streit um die Frage einen Höhepunkt erreichte. In den Neurowissenschaften spielt René Descartes, derjenige, der den Dualismus vertrat – wir bestünden aus zwei Arten von Substanzen, einem materiellen, maschinenähnlichen Körper und einem immateriellen, denkenden Geist –, oft die Rolle des «schlechten» Philosophen, im Gegensatz zu Thomas Hobbes, der überzeugt war, wir Menschen seien ganz und gar materielle Wesen und es könne kein Denken ohne einen Körper geben. In diesem Punkt folge ich eher Hobbes als Descartes, was aber nicht bedeutet, dass Hobbes die Frage der Beziehung zwischen den Gedanken einer Person und ihrem Gehirn gelöst hätte.

Das Problem stellt sich in seiner ganzen Schärfe, wenn Wissenschaftler mit Phänomenen wie dem Placeboeffekt zu tun bekommen. Wenn ich erwarte, dass eine Zuckerpille meinen Zustand verbessern wird, warum verbessert sie ihn dann tatsächlich? Mittlerweile wissen die Forscher, dass Placeboeffekte den Körper verändern. Wie wirkt der Gedanke «Diese purpurrote Pille wird mir helfen» auf meine Hirnanhangdrüse, die daraufhin körpereigene Opioide mit schmerzlindernder Wirkung freisetzt? Können Gedanken Körper beeinflussen? Wenn dem so ist, bedeutet das, dass sie irgendwie immateriell und deshalb anders sind als mein Körper? Wenn ja, woraus bestehen Gedanken? Angesichts der geheimnisvollen Hirnaktivierungen durch Placebos greifen viele Forscher auf Variationen folgender Aussage zurück: Wir wissen nicht, wie psychologische Faktoren mit physiologischen Faktoren interagieren. Genau das war Descartes‘ Problem. Wenn wir aus zwei Substanzen bestehen, wie interagiert dann der Geist mit dem Körper?

Große Teile der kognitiven Neurowissenschaft richten sich nach wie vor an einem starken, obgleich oft verdeckten Dualismus aus. Der Geist wird aus dem Körper herausgehoben. Die Gründe dafür sind historisch und kompliziert, aber es genügt wohl zu sagen, dass die Idee, ein intelligent denkender Geist könne unabhängig vom Gehirn und dem dieses Gehirn enthaltenden Körper existieren, ein wesentlicher Pfeiler der künstlichen Intelligenz und großer Teile der Kognitionswissenschaft war. Wenn es gelingt, das Muster oder die Form des Geistes zu finden, ein Muster der rechnerischen Informationsverarbeitung, die den Körper nur als eine Art Software für die Hardware des Gehirns heranzieht, dann wird das Geheimnis des Bewusstseins gelüftet sein. Ich bin nicht die Einzige, die dies für eine intellektuelle Sackgasse hält.

Viele Forscher der Neurowissenschaften (und der künstlichen Intelligenz) haben sich in der Körper-Geist-Frage der These der Verkörperung (dem Embodiment) zugewandt. Sie bestehen darauf, der Geist sei kein problemlösender Rechenapparat, der vom Körper getrennt werden könne. Auch wenn es nicht allen bewusst ist, bedienen sie sich dabei sowohl des amerikanischen Pragmatismus als auch der europäischen Phänomenologie. Der amerikanische Philosoph John Dewey und der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty sind herausragende Vorläufer der verkörperten Kognition. Bedeutet das nun, dass es bei Alice’s Phobie einzig darum ginge, die Vorgänge in ihrem Gehirn zu ermitteln, weil alles physisch ist, dass Alice’s Angst auf ihr neuronales Netzwerk reduziert werden könnte? Nein, so einfach ist es nicht. Die Stärke der auf Verkörperung ausgerichteten Kognitionswissenschaft liegt in der Idee, dass der Körper und die Umgebung unsere Gedanken formen und strukturieren. Ist man sich darüber einig, wie das funktioniert? Mitnichten. Löst es das Körper-Geist-Problem oder die Frage des Bewusstseins? Nein. Viele Fragen bleiben offen. Das Wesentliche für uns alle ist jedoch, dass die jeweilige Vorstellung von den Zusammenhängen zwischen Gehirn und Geist Einfluss darauf hat, wie Alice behandelt wird, sowohl wegen ihrer Hirnverletzung als auch wegen der Phobie. Oft ist es wichtig zu wissen, dass wir nicht wissen.

 

Aus dem Englischen von Grete Osterwald