Eine Stadt in Schutt und Asche Peter Frankopan

von

Jahrtausendelang zählte Aleppo zu den Juwelen des Ostens. Das war einmal. Jene Stadt, die in der Morgen- und Abenddämmerung eine geradezu magische Ausstrahlung besaß, deren majestätische Zitadelle über Meilen die Landschaft beherrschte und in deren Straßen ein Gewimmel von Menschen täglichen Geschäften nachging, gibt es nicht mehr. Tag für Tag dringen immer schlimmere Nachrichten an unser Ohr. Immer ferner scheinen die Erinnerungen an das Leben, wie es hier einmal war.

Jeden Tag verkürzt sich der Atemrhythmus der Stadt. Aleppo zu beobachten, seit der Krieg in Syrien ausbrach, ist, als sähe man dabei zu, wie ein guter Freund von einem aggressiven, unheilbaren Krebsgeschwür zerfressen wird.

Die menschlichen Kosten des Leids in Aleppo lassen sich kaum mit Worten beschreiben, und es ist so gut wie unmöglich, die Angst, den Hass und die Aggressivität der Kämpfenden zu begreifen – weder in der Stadt noch anderswo. Und doch ist Aleppo nicht nur eine syrische Tragödie: Es wurde zum Symbol für eine Welt in Zwietracht, Zerrissenheit und Intoleranz, die uns spürbar näher gerückt ist.

Aleppo war einst ein Leuchtfeuer, eine Oase, wo Menschen verschiedener Konfessionen und Überzeugungen, Ethnizität und Nationalität miteinander auskamen, sich anstelle der Feindseligkeit für Kooperation entschieden, für beiderseitiges Interesse statt beiderseitiger Zerstörung. Die Stadt, die einst der Inbegriff der Harmonie gewesen war, ist vergangen.

Der Traum währte fast fünftausend Jahre. Bei Ausgrabungen in der Zitadelle von Aleppo wurde in den neunziger Jahren ein riesiger Tempel freigelegt, eine der bedeutendsten Kultstätten im Nahen Osten – in der einstigen Wiege der Zivilisation, wo die ersten Städte gebaut wurden, wo man die ersten Gesetze erließ und wo die Menschen zum ersten Mal lernten, Aufgaben untereinander aufzuteilen, zum Wohle der Gemeinschaft.

Bei Ebla, knapp fünfzig Kilometer von Aleppo entfernt, hat man Lehmtafeln entdeckt, die beweisen, dass der Tempel ein dem mesopotamischen Wettergott Addu geweihter Pilgerort war, dessen zerstörerische und lebensspendende Macht die Menschen damals offenbar der Ehrerbietung für würdig erachteten. Auch andere fühlten sich von dem Hügel angezogen, der im Zentrum des heutigen Aleppo – oder was noch von ihm übrig ist – liegt. Der Legende nach bestieg Abraham ihn einst, um den Blick schweifen zu lassen und seine Schafe zu melken, ein möglicher Ursprung des Stadtnamens: abgeleitet von halab, dem arabischen Wort für Milch. Juden verehrten den Ort als heilig: Von Generation zu Generation wurde die Geschichte überliefert, dass ein Feldherr König Davids persönlich das Fundament für die Synagoge gelegt habe, die man vor dreitausend Jahren an dem Ort errichtet hat.

Im Laufe der Zeit bauten Christen und Muslime Kirchen und Moscheen, die ebenso spektakuläre Beispiele der Baukunst waren, wie sie durch ihre Schönheit beeindruckten: etwa die alte Kathedrale der Helena und, allen voran, die überwältigende Große Moschee, die von den Umayyaden-Kalifen mehrere Jahrzehnte nach den arabischen Eroberungen im 7. Jahrhundert erbaut wurde.

Wir vergessen oft, dass der Wettstreit zwischen den Konfessionen in der Vergangenheit nicht immer von Rittern ausgetragen wurde, die sich auf einen Kreuzzug begaben, um einen heiligen Krieg zu führen, oder von muslimischen Marodeuren, die Ungläubige ermordeten. Rivalitäten konnten sich auch darin äußern, dass man das eigene Ansehen zu vermehren suchte oder andere auffallend gut behandelte.

Ein deutscher Besucher im Aleppo des 16. Jahrhunderts war erstaunt darüber, dass er Pilger antraf, die soeben an der Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, teilgenommen hatten und nun allen, die ihren Durst stillen wollten, Wasser anboten, auch Christen, um «all denen, die durstig waren, Liebe und Wohltat» zu erweisen.

Diese Liebenswürdigkeit war eine Eigenart, für die die Bewohner von Aleppo berühmt waren. «Ein Mann aus Aleppo ist ein Ehrenmann», lautete zu osmanischer Zeit eine bekannte Redensart, wie Philipp Mansel uns in seinem neuen Buch über die Geschichte der Stadt in Erinnerung ruft. Es gab gute Gründe für dieses hohe Ansehen. Aleppo ist keine Hafenstadt (die Mittelmeerküste ist über hundert Kilometer entfernt), dennoch hatte sie eine gewisse maritime Aura, weil sie zwar nicht am Rand des Meeres, dafür aber am Rand der Wüste lag.

«In dieser Wüste», so schrieb der mittelalterliche Chronist Wilhelm von Tyrus vor fast tausend Jahren, «erheben und senken sich nämlich wie bei Stürmen auf dem Meer Wogen von Sand, sodass es ebenso gefährlich ist, diese Gegenden zu durchziehen wie das Meer.» Wer sich von Osten her auf den Weg nach Aleppo machte, musste in der Tat dringende Geschäfte in der Stadt zu erledigen haben.

Zur Entschlossenheit der Besucher trug auch die üppige Region westlich der Stadt bei, die von dem arabischen Arzt Ibn Butlan im 11. Jahrhundert als ein Ort beschrieben wurde, «wo sich ein Dorf an das andere reihte, die Gärten voller Blumen und das Wasser in jede Hand fließend». Förderlich war zudem, dass Aleppo Teil des Wegenetzes war, das die Pazifikküste Chinas mit dem Indischen Ozean, dem Persischen Golf und dem Mittelmeer verband.

Wie wir Europäer uns heute in Erinnerung rufen müssen, gehen Handel und Wohlstand Hand in Hand. Sie bringen etliche Nebenprodukte mit sich – darunter eine kosmopolitische Haltung, Toleranz und den Austausch von Ideen. Kommerzielle Transaktionen sind nur ein Teil des Bildes, wenn es darum geht, die Vorzüge einer engen Kooperation mit Nachbarn oder Völkern in der Ferne näher zu betrachten.

Aleppo war ein Handelszentrum par excellence, Händler und Gelehrte aus nah und fern zog es in die Stadt. Es war ein hervorragender Ort für den Kauf von Baumwolle und Stoffen, die in der Stadt angefertigt wurden, aber auch Gewürze aus Indien und Edelsteine wie Rubine, Saphire und Diamanten waren hier zu finden. Dieser Umschlagplatz lockte Kaufleute «aus allen Teilen der Welt» an, schrieb im 17. Jahrhundert ein französischer Reisender, dem auffiel, dass Türken, Araber, Perser und Inder anwesend waren, ebenso wie holländische, französische, italienische und englische Händler.

Im Fall der Letzteren war Aleppo für die Levant Company von besonderem Interesse, die in der elisabethanischen Ära gegründet worden war, um Geschäftsbeziehungen in den Osten zu knüpfen. Dass man sich darum bemühte, war nicht sonderlich erstaunlich in Anbetracht der Berichte über Karawanen mit eintausend Männern und fünftausend Kamelen, die Waren aus Indien und dem Golf durch Kuwait bis nach Aleppo transportierten.

Es war ein Zeichen für den kosmopolitischen Charakter Aleppos, dass im Jahr 1676 etwa vierzig Männer, die bei der Levant Company beschäftigt waren, beschlossen, sich eine Auszeit vom Geschäft zu gönnen, um vor der Stadt eine Freizeitvergnügen zu organisieren. Sie legten ein Spielfeld an und spielten eine Partie Kricket. Es war das erste Mal, dass dieses Spiel außerhalb von England gespielt wurde.

Was die Einheimischen daraus machten, ist nicht bekannt. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie von neuen Ideen und Bräuchen überrascht wurden. Die Bewohner Aleppos waren absolut offen und genossen seit vielen Jahren den Ruf, mit ihren Mitmenschen unabhängig von Rasse, Sprache oder Religion Umgang zu pflegen.

Die Bewohner der Stadt achteten sorgsam darauf, unterschiedliche Ansichten zu respektieren und miteinander zusammenzuarbeiten. Im späten 18. Jahrhundert hatten etwa alle führenden Familien der Stadt enge Beziehungen zur christlichen Elite, sodass jeder von der Stärke des anderen profitieren und die eigene Schwäche überspielen konnte. Aleppo hatte immer eine vielfältige Bevölkerung, mit einer knappen muslimischen Mehrheit, die neben den Anhängern verschiedener christlicher Glaubensrichtungen und einer ansehnlichen jüdischen Gemeinde lebte.

Auch das war in den Städten entlang der Seidenstraßen nicht ungewöhnlich. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit waren wesentliche Bestandteile des Erfolgs. Und erfolgreich waren diese Städte – nicht nur Samarkand, Isfahan und Bagdad, die einst Synonyme für guten Geschmack und atemberaubenden Reichtum waren, sondern eben auch Aleppo.

Die Stadt war die Heimat «vieler prächtiger Bauten, die, wie man sagt, eine enorme Geldsumme verschlangen», schrieb ein Besucher im 15. Jahrhundert. Die Baudenkmäler und Gebäude Aleppos, pflichtete ein Schreiber dreihundert Jahre später bei, mussten im ganzen Osmanischen Reich keinen Vergleich scheuen – sie waren selbst der Pracht Konstantinopels ebenbürtig oder gar noch schöner.

Hauptsächlich lag das an den Karawansereien, den Lagerhäusern und den Läden des Al-Madina-Suk, der zur größten Markthalle der Welt heranwuchs und sich rund dreizehn Kilometer weit über enge Straßen und Gassen erstreckte – bis große Teile von Artilleriebeschuss und Feuer im Laufe der letzten vier Jahre zerstört wurden. Der Basar war einzigartig und ist unersetzlich.

Unweit davon liegt die Große Moschee, die einen Schrein mit den Gebeinen Zacharias’ enthalten soll, des Vaters von Johannes dem Täufer, mit ihrem sehenswerten Hof und den klassischen Fassaden. Sie wurde in den Kämpfen ebenfalls schwer beschädigt. Das gegen Ende des 11. Jahrhunderts von den Seldschuken erbaute Minarett, eines der Wahrzeichen der Stadt, wurde zerstört.

Die Zitadelle, die im Wesentlichen der Sohn des großen Feldherrn Saladin erbaute, mit einer ansteigenden Brücke über einen tiefen Graben, massiven Mauern und einem gewaltigen Tor, ist von Bombenangriffen und Granatbeschuss auf Soldaten der syrischen Armee, die hier Stellung bezogen hatten, schwer beschädigt worden. Und schließlich die Vierzig-Märtyrer-Kathedrale, die vor über fünfhundert Jahren mit Hilfe von Spenden aus der armenischen Gemeinde errichtet worden war und im vorletzten Jahr Ziel eines Bombenangriffs wurde, ob absichtlich oder nicht.

Der Verlust und die schwere Beschädigung dieser Baudenkmäler sind jedoch nichts im Vergleich zu dem menschlichen Leid und den unvorstellbaren Verlusten, die so gut wie jede Familie hinnehmen musste, die sich noch in der Stadt aufhielt. Und nicht nur Gebäude und Menschenleben sind zerstört worden, auch die Seele Aleppos. Von hier führt kein Weg zurück.

Es ist möglich, die prächtigen Kaufmannshäuser wiederaufzubauen, deren unscheinbare Eingänge an den engen Straßen nichts von den wunderbaren Höfen, Empfangsräumen und privaten Bädern ahnen ließen, wo sich die Reichen vergnügen und ihren Wohlstand zur Schau stellen konnten. Aber es ist nicht möglich, die Art wiederherzustellen, wie die Menschen zu leben pflegten oder wie sie miteinander umgingen.

Die Stadt hatte immer schon etwas Magisches an sich gehabt. Lawrence von Arabien hat dies mit Sicherheit gespürt. Es sei erstaunlich, schrieb er, dass in dieser außergewöhnlichen Stadt «Kameradschaft zwischen Christen und Mohammedanern, Armeniern, Arabern, Türken, Kurden und Juden herrschen sollte, [mehr] als in wohl jeder anderen großen Stadt des Osmanischen Reiches». Nirgendwo habe er eine Bevölkerung angetroffen, die den Europäern gegenüber freundlicher war als die Aleppiner.

Das alles hat sich mittlerweile geändert. Die Stadt hatte ihre Höhen und Tiefen in der Geschichte – wie jede andere Stadt auch. Es gab Phasen der Spannung zwischen den verschiedenen Teilen der Bevölkerung, häufig wegen der Steuern, manchmal wegen repressiver Gouverneure, und gelegentlich eskalierten diese Spannungen zu Gewalttaten, wie im Jahr 1850, als es zu einem zweitägigen Angriff auf die Christen im Norden der Stadt kam. Doch diese Fälle waren selten, und Aleppo ist, bis vor wenigen Jahren, ein Mahnmal der Stabilität gewesen.

Die Stadt war schon früher im Staub gelegen und hatte sich langsam wieder erholen müssen – etwa nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 1170 und nach dem Schwarzen Tod, der im Nahen Osten ebenso wie in Europa wütete. Auch unter den Mongolen im Jahr 1260 und dem Eroberer Timur – oder Tamerlan – im Jahr 1400 hat die Stadt Entsetzliches erlebt. Diese Außenstehenden brachten brutale Gewalt gegen die Bewohner der Stadt.

Was aber in den vergangenen vier Jahren geschehen ist, hat einen ganz anderen Grad des Leidens, der Zerstörung und Erstickung erreicht. Aleppo gibt es nicht mehr. Sich von Naturkatastrophen, Seuchen und Angriffen von Außenstehenden zu erholen ist das eine; ein Blutbad in dem Ausmaß der vergangenen Jahre zwischen ehemaligen Freunden, Nachbarn und Kollegen ist etwas ganz anderes.

Vor über hundert Jahren war die Stadt die Heimat von Perlen wie dem literarischen Salon Maryana Marrashs, einer bemerkenswerten Frau, die Intellektuelle und Damen der Gesellschaft um sich scharte, um über den Muallaqat – einen Zyklus vorislamischer, arabischer Dichtung – zu diskutieren, wie auch über das Werk des französischen Dichters François Rabelais. Das ist jedoch, zusammen mit Aleppos stolzer Geschichte, zu einer fernen Erinnerung geworden, für immer in die Vergangenheit verdammt.

Mit jedem Tag, der vergeht, zeigt sich immer deutlicher, dass wir nicht nur den furchtbaren Tod einer Stadt miterleben, sondern dass auch ein Schatten auf die Menschheit fällt. Tausende von Jahren war Aleppo ein Symbol für das Gute im Menschen. Heute lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob die Stadt uns alles Schlechte zeigt.

 

«A city of ashes» wurde am 16. Oktober 2016 in der Sunday Times veröffentlicht. Norbert Juraschitz hat den Text ins Deutsche übertragen.

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