Eine Reise durch die Ukraine Jens Mühling

von

Oktoberrevolution in Kiew

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 Oktober 2010. Bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Kiew erlebe ich mit, wie die örtliche Kommunistische Partei den Jahrestag der Oktoberrevolution feiert. Der Bessarabskaja-Platz vor dem großen Lenin-Denkmal ist ein Meer aus roten Flaggen. Noch steht die Statue des Revolutionsführers an ihrem Platz, die Maidan-Revolution liegt in ferner Zukunft. In den Denkmalsockel ist ein Lenin-Zitat eingraviert: «Bei geeintem Handeln der ukrainischen und russischen Werktätigen ist eine freie Ukraine möglich; ohne eine solche Einheit kann von ihr keine Rede sein.»

 

Lenin, kopflos

 

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Dezember 2014. Ich bin erneut in Kiew, um als Reporter über die Maidan-Proteste zu berichten. Nachts werde ich Zeuge, wie aufgebrachte Demonstranten das Lenin-Denkmal stürzen. Als ich am nächsten Morgen auf dem Weg zum Flughafen noch einmal an der Statue vorbeilaufe, hat es zu schneien begonnen. Eine dünne weiße Puderschicht bedeckt Lenins verstümmelten Körper, dessen Kopf über Nacht verschwunden ist. Zwei alte Kommunistinnen stehen neben dem Denkmal, unschlüssig, auf welche Seite des enthaupteten Granitleibs sie ihre Grablichter stellen sollen. Am Ende stellen sie sie weinend vor den leeren Sockel.

 

Vom Sockel gestürzt

 

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September 2015. Wieder ein Jahr später ist die Lenin-Statue verschwunden, nur der leere Sockel ist übriggeblieben. Ohne erkennbaren Sinn steht er auf dem Bessarabskaja-Platz, ein Denkmal für ein verschwundenes Denkmal. Die Kiewer scheinen sich an den Anblick gewöhnt zu haben, niemand außer mir schenkt dem Sockel Beachtung. Ich bin in die Ukraine zurückgekehrt, um einmal quer durch das ganze Land zu reisen, von der polnischen Grenze im Westen bis zu den umkämpften Separatistengebieten im Osten. Was dazwischen liegt, will ich herausfinden.

 

 Ukrainischer Nationalheld Bandera

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Meine Reise beginnt im äußersten Westen des Landes. In Lwiw, dem alten österreichischen Lemberg, stehen schon lange keine Lenin-Statuen mehr, man hat sie hier bereits unmittelbar nach dem Ende der sowjetischen Ära abgerissen. Neue Denkmäler haben seitdem die ehemalige Hauptstadt der Vielvölkerregion Galizien erobert. In der Nähe des Bahnhofs steht Stepan Bandera, der ukrainische Nationalistenführer, der sich im Zweiten Weltkrieg mit den Deutschen gegen Polen und Russen verbündete, in der Hoffnung, einen eigenständigen ukrainischen Staat durchzusetzen. Obwohl er scheiterte, gilt Bandera vielen hier als Nationalheld.

 

Geografischer Mittelpunkt Europas

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Am südwestlichen Rand der Ukraine, im rumänischen Grenzgebiet der Karpaten, steht ein kleiner Steinobelisk mit einer lateinischen Inschrift. Er stammt aus der Zeit, als die entlegene Region noch zur K.u.k.-Monarchie gehörte. Im heute ukrainischen Dorf Dilowe erzählt man sich voller Stolz, dass der Stein den geographischen Mittelpunkt Europas markiert. Die Legende beruht vermutlich auf einem Übersetzungsfehler – in der lateinischen Inschrift ist nicht von einem Mittelpunkt die Rede, sondern nur von einem nicht näher erläuterten Messpunkt, den österreichische Ingenieure im neunzehnten Jahrhundert beim Bau einer Eisenbahnlinie ermittelten.

Jüdischer Friedhof in Tscherniwizi

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Ebenfalls im rumänischen Grenzgebiet liegt Tscherniwzi, das ehemalige Czernowitz. Der alte jüdische Friedhof der Stadt ist groß. Auf einem Hügel reiht sich Stein an Stein, so weit und so breit, dass vom einen Ende her das andere nicht zu erahnen ist. Es würde Stunden und Tage dauern, alle Querreihen und Längszeilen abzulaufen, und erst am Ende des Weges hätte man ansatzweise eine Vorstellung davon, wie jüdisch die Stadt einst war. Noch zahlreicher aber sind die Gräber, die fehlen. Lange suche ich nach Inschriften aus den Kriegsjahren, bis mir aufgeht, wie unsinnig das ist. Die ermordeten Juden der deutsch-rumänischen Besatzungszeit hätten einen zweiten, einen dritten, einen zehnten Friedhof füllen können, aber man hatte sie weder hier beisetzen können noch irgendwo anders. Sie waren unbestattet geblieben.

 

«Hauptquartier Werwolf»

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Ein paar Kilometer nördlich der zentralukrainischen Stadt Winnyzja liegt ein Waldstück, in dessen Mitte Betontrümmer den Boden bedecken. Gut siebzig Jahre ist es her, dass ukrainische Zwangsarbeiter hier drei Schutzbunker im Boden versenkten – einen für die Soldaten, einen für die Offiziere, einen für den Führer. Das «Hauptquartier Werwolf» war die östlichste Militärbasis, die Hitler in den Kriegsjahren nutzte. In guter Erinnerung dürfte er sie nicht behalten haben – im Hochsommer 1942 fing er sich hier einen fiebrigen Virusinfekt ein. Als die Rote Armee die Ukraine zurückeroberte, sprengten die fliehenden Deutschen die gesamte Anlage. Erhalten blieb allein das Schwimmbecken. Minutenlang stehe ich auf der Betonumrandung und starre in das leere Bassin, in dem dreiundsiebzig Jahre zuvor, wer weiß, Adolf Hitler seinen fiebernden Führerkörper gekühlt hat.

 

«Macht ist nicht ewig!»

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Vor dem Rathaus des zentralukrainischen Städtchens Kalyniwka entdecke ich einen leeren Denkmalsockel. Ich habe genug sowjetische Rathausplätze gesehen, um zu wissen, wer hier einst stand: Lenin. Das Verschwinden des Revolutionsführers scheint noch nicht lange zurückzuliegen, offenbar wurde die Statue während der Maidan-Demonstrationen gestürzt, genau wie in Kiew. Auf die Vorderseite des verwaisten Fundaments hat jemand die Figur eines erschossenen Demonstranten gemalt. Auf der Rückseite, dem Rathaus zugewandt, steht in breiten Buchstaben: «Macht ist nicht ewig!», darunter prangt in den Nationalfarben Blau und Gelb eine alte Losung der Nationalistenbewegung: «Die Ukraine über alles!»

 

 

Revolutionsführer vs. Gottesmutter

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Im weiteren Verlauf meiner Reise werden die leeren Denkmalsockel allmählich zum vertrauten Anblick. Im ostukrainischen Charkiw stand bis zur Maidan-Revolte die größte Lenin-Statue des ganzen Landes. Seit ihrem Sturz schmückt eine orthodoxe Gottesmutterikone das zurückgebliebene Fundament. Im Original hängt das Marienfresko an der Altarwand der Kiewer Sophienkathedrale, der ersten christlichen Kirche, die im zehnten Jahrhundert Fürst Wladimir von Kiew bauen ließ, nachdem er seine Untertanen zwangsweise im Dnjepr taufen lassen hatte. Den Kampf gegen den «tausendjährigen Irrtum» des Christentums hat Lenin verloren.

 

Lenin und die Maidan-Revolte

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Das einzige größere Lenin-Denkmal auf ukrainisch kontrolliertem Territorium, das die Maidan-Revolution unbeschadet überstanden hat, steht heute in der alten Kosakenhauptstadt Saporischja. Was aus der Statue wird, ist unklar – die Stadtoberen wissen nicht recht, was sie mit ihr anfangen sollen, auch die Bevölkerung ist uneins. Einstweilen hat ein Künstler das Denkmal in ein ukrainisches Nationaltrikot gehüllt. Lenin spielt jetzt für die andere Seite.

 

Russifizierung der Krim

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Wo die Maidan-Revolution nicht stattgefunden hat, wurde auch Lenin nicht gestürzt. In Simferopol, der Hauptstadt der von Russland annektierten Krim, steht sein Denkmal unangetastet auf dem Rathausplatz. Auch die Lenin-Straße, die am Platz vorbeiführt, hat ihren Namen behalten, ausgetauscht haben die neuen Machthaber allein das Straßenschild: Aus der ukrainischen «Wulyzja Lenina» ist die russische «Uliza Lenina» geworden. Russifizierte Namen tragen jetzt auch die Kirow-Straße, die Kalinin-Straße, die Schukow-, die Lunatscharskij-, die Majakowskij-Straße … Es ist paradox: Während in der Festland-Ukraine per Gesetz alles Sowjetische aus dem Straßenbild verbannt werden soll, werden auf der Krim brandneue Schilder mit altbekannten Namen aufgehängt.

 

«Krim.Russland. Ewig.»

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Zum ersten Mal annektiert hat Russland die Krim im April 1783. Nach ihrem Krieg gegen die Türken erklärte Katharina die Große die Schwarzmeerhalbinsel zu russischem Eigentum, «von jetzt an und für alle Zeiten». Wie ein Echo dieses Zarinnenschwurs klingt die Losung, die sich auf der Krim heute unter den allgegenwärtigen Putin-Plakaten findet. In Überlebensgröße lächelt Russlands Herrscher seine neuen Untertanen an. Außer seinem Gesicht zieren nur drei Wörter die Plakate: «Krim. Russland. Ewig.»

 

Besuch in der «Donezker Volksrepublik»

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Auch in den umkämpften Separatistengebieten im Osten des Landes hat sich Lenin gehalten. In der Donbass-Metropole Donezk steht sein Denkmal nach wie vor auf dem zentralen Lenin-Platz. Über dem dazugehörigen Obelisken weht die Flagge der selbsterklärten «Donezker Volksrepublik». Der Anblick überrascht mich kaum noch, nachdem ich die Lenin-Denkmäler auf der Krim gesehen habe. Etwas erstaunter bin ich, als ich vor der Donezker Oper ein großes Stalin-Poster hängen sehe. Es ist ein Propagandaplakat aus dem Zweiten Weltkrieg, unter Stalins Konterfei steht: «Unsere Sache ist gerecht, wir werden den Feind vernichten, der Sieg gehört uns.»

 

Donbass-Metropole Donezk

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Donezk sieht auf den ersten Blick verwirrend normal aus. Ich hätte nicht sagen können, welche Bilder ich erwartet, mit welchen Kriegsspuren ich unbewusst gerechnet habe, ich spüre nur, dass ihr offenkundiges Fehlen mich überrascht. Dass die Donbass-Metropole zur Frontstadt geworden ist, merke ich dem Straßenbild erst auf den zweiten Blick an, aber dann immer deutlicher. Propagandaplakate der Separatisten zieren Häuserwände. An den Eingangstüren der Cafés kleben kleine Verbotsschilder mit rot durchkreuzten Sturmgewehren. Jenseits des Zentrums ist jedes zweite Ladenlokal geschlossen, in manchen Straßenzügen gibt es kein einziges Geschäft mehr. Die Inhaber scheinen die umkämpfte Stadt verlassen zu haben, zusammen mit all den anderen Kriegsflüchtlingen. In manchen Häusern sehe ich abends kaum Licht brennen, ganze Bürotürme scheinen verwaist zu sein, auch die Straßen wirken vielerorts gespenstisch menschenleer. Die ausgedünnte Bevölkerung füllt die Stadt nicht mehr, Donezk wirkt wie ein schlotterndes, zu weit gewordenes Kleid.

 

Steppengrabmal im Separatistengebiet

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Im südlichen Teil des Separatistengebiets, wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, besuche ich kurz vor dem Ende meiner Reise einen Naturpark, in dem die ukrainische Steppe in ihrer ursprünglichen Form konserviert wird. Ein altes polowzisches Grabmal erhebt sich über der herbstmüden Wiese. Eine Parkmitarbeiterin erzählt mir später eine Legende aus der Zeit der alten nomadischen Steppenvölker. Es ist die Geschichte von Kowyl und Tiptschak, Federgras und Schafschwingel, zwei Gräsersorten, die in der Steppe meist nebeneinander wachsen. «Zwei verfeindete Heere», erzählt die Frau, «lagerten eines Nachts in der Steppe, nicht weit voneinander entfernt. Der Anführer des einen Heers hieß Kowyl, die Anführerin des anderen Tiptschak. In der Nacht verliebten sich die beiden ineinander und ließen ihre Heere im Stich. Als der Verrat am nächsten Morgen bemerkt wurde, tötete man die Liebenden. Wo ihr Blut in die Steppenerde floss, wachsen seit jenen Tagen Federgras und Schafschwingel.»