Die Schülerin und die RAF Michael Wala

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Es war wie ein Stolpern: meine Augen, die über das Dokument glitten, blieben plötzlich hängen. Aber da war tatsächlich ihr Name. Völlig unvermittelt tauchte sie in den Akten des Innenministeriums auf, als zwölfjähriger Teenie, zehn Jahre bevor wir uns kannten – und als Gehilfin der Rote-Armee-Fraktion.

Bei Forschungsprojekten sind häufig Berge von Quellen zu sichten, und es bleibt immer zu wenig Zeit, das Geld für den Besuch von Archiven reicht nie wirklich aus. Die Dokumente, die vor einem liegen, kann man daher meist nur kurz scannen, die Augen über die Texte fliegen lassen, das Archiv schließt immer zu zeitig, die geplante Abreise rückt viel zu früh bedrohlich näher. Ein Archivar in den USA hat mich einmal getröstet, als ich Tag um Tag kein Dokument fand, das mir bei meiner Forschung weiterhalf: «You have to kiss a lot of frogs to find a princess!« Sehr flüchtige «Küsse» sind es daher, wenn die Augen die Bilder wie im Vorbeigehen aufnehmen, in der Hoffnung, dass das Gehirn sich an genau den richtigen Stellen einhakt. Selektoren nennt man das bei BND und NSA, aber welche Begriffe als Selektoren in unseren Köpfen stecken, ist nur bedingt steuerbar. Das ist ein Nachteil, aber auch ein Vorteil. Ihr Name jedenfalls hätte nie auf meiner bewussten Selektorenliste gestanden, und ich wäre so nie zu einer kurzen Reise in die Vergangenheit aufgebrochen, meiner eigenen in die 1980er Jahre und einer in den Deutschen Herbst.

Warum gerade ihr Name hängengeblieben ist, unter denen von vielen, die ich damals in Hamburg an der Uni kannte? – Keine Ahnung. Eine junge Frau, rundes, freundliches, aber auch nachdenkliches Gesicht, blond mit ein paar Sommersprossen, Kettenraucherin, sodass Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand gelb von Kondensat waren. Etwas Geheimnisvolles, irgendwie Interessantes war da. Chancen hatte ich bei ihr keine; schon eher mein Freund Christoph – Typ trinkfester Intellektueller, der mich auch heute noch an Jack Palance erinnert; unsere schier unverwüstlichen Harris-Tweed-Jacketts haben wir damals gemeinsam bei Ladage & Oelke gekauft. Es sind nur Fetzen der Erinnerung, ein diffuses Bild von Diskussionen über Geschichte und Politik, von Kneipenbesuchen, Partys und von Filmen im Abaton, ein Bild, bei dem sie nur am Rand erscheint. Warum blieb gerade ihr Name, eher ein norddeutscher Allerweltsname, so klar haften?

Aber da war sie nun, eine Dekade zuvor, im Deutschen Herbst, zwölfjährig, und als vermeintliche Vertraute von Mitgliedern der Rote-Armee Fraktion. Nicht nur der Name stimmte, sondern auch die anderen persönlichen Angaben, an die ich mich erinnere.

Ein Informant hatte bedenkliche Informationen geliefert: in ihrer Schulklasse sei bekannt, dass sie Insiderwissen habe, von konkreten zukünftigen Bombenattentaten der RAF wisse, von weiteren Plänen. Sie sei beauftragt worden, konspirativ Unterschlupf zu organisieren, habe den Klassenkameraden genau erklärt, wie man einen normalen Wecker umbaut, damit er einen Sprengsatz zünden könne, und erzähle davon, dass der NSU Ro 80 eines RAF-Mitglieds innerhalb weniger Tage zu Tarnungszwecken zunächst auf grün und dann auf hellblau umgespritzt worden sei. Sie wisse von den Besuchsterminen bei Andreas Baader, über die Einschleusung von Sympathisanten in die Haftanstalt, über Anschläge auf Richter, habe Zugang zu internen RAF-Kassibern und wisse von Experimenten in einer Hamburger Kommune mit Mitteln, die Menschen bewusstlos machen würden. Das Bild eines gefährlichen, subversiven Kindes, einer gewaltigen Gefahr für Mitschüler und Gesellschaft wurde da konstruiert.

Was denn die größte Bedrohung in den dreißig und mehr Jahren seiner Dienstzeit gewesen sei, haben wir einen Mitarbeiter der ersten Stunde bei unseren Recherchen für die Geschichte des Bundesamts für Verfassungsschutz gefragt. Die Antwort kam ohne Zögern: die Rote-Armee-Fraktion. Denn die kam, überraschend und unerklärlich, aus dem toten Winkel der gutbürgerlichen Gesellschaft. Vielleicht ist es genau das, was auch den Informanten, einen verbeamteten Akademiker umtrieb, dieses Szenario zu entwerfen, diese diffuse Angst, dass die Bastionen der guten Gesellschaft den Bedrohungen durch die revolutionäre Linke nicht standhalten würden, dass sie von innen erodierte, dass den eigenen Kindern nicht mehr zu trauen sei, dass selbst eine Zwölfjährige der RAF zuarbeite und die Mitschüler zu Bombenlegern ausbilde.

Es wäre zu einfach, das alles mit der Weisheit des Blicks in die Vergangenheit als Paranoia abzutun. Es ist vielmehr ein Blick in den inneren Zustand der Bundesrepublik im Deutschen Herbst, ein Szenario, das offensichtlich in der Wahrnehmung bundesrepublikanischer Wirklichkeit der 1970er Jahre tatsächlich einen Platz hatte. Es ist dann auch nicht mehr erstaunlich, mit welcher Gewissenhaftigkeit den für uns so offensichtlich scheinenden Hirngespinsten nachgegangen wurde. Hinweise wurden akribisch abgeglichen und überprüft, Observationen durchgeführt und Nachbarschaftsbefragungen angeordnet. Sogar die Schülerin hat man, im Beisein ihres Vaters, befragt. Es hatte dann aber auch etwas Beruhigendes zu lesen, wie kritisch die endgültige Bewertung und Analyse ausfiel, die klaren Hinweise, dass sich fast alles mit Informationen aus Zeitungsartikeln deckte, anderes höchst unwahrscheinlich wäre, dass hinter den Hirngespinsten der Versuch einer ganz anderen Schülerin stand, sich in der Klasse interessant und damit beliebt zu machen.

Vielleicht liest meine alte Bekannte, lange aus den Augen verloren, diese Zeilen, vielleicht stolpert auch sie beim Lesen und erinnert sich an diese Episode, das merkwürdige Gespräch mit fremden, ernsthaften Männern, die unter Decknamen auftauchten und mit ihr über die RAF und die Rote Hilfe sprechen wollten. Vielleicht reist auch sie dann in der Zeit zurück, in die 1970er und in die 1980er Jahre.