Die lindernde Stimme im Ohr Georg Klein

von

 

Womit unsere Fußballkommentatoren in Wirklichkeit ringen

Erneut schwieg er erstaunlich viel. Auch zurückliegende Woche war von dem, der das zweite Europameisterschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft fürs Fernsehen kommentierte, mehr als die Hälfte der Zeit rein gar nichts, nicht einmal ein Räuspern oder ein tiefes Durchschnaufen, zu hören. Und in den vielen, oft merklich langen Phasen dieses Stillseins dominierte unser Ohr stattdessen jenes diffuse Ineinanderklingen vieler tausend Stimmen, das die Mikrophone im Stadion einfangen und das man im Jargon der tonverarbeitenden Medien «Atmo» nennt.

Ich kann mich erinnern, dass es gelegentlich schon Übertragungen gab, bei denen die Leitung zum Kommentator eine Zeitlang ausfiel. Schon bevor die Studioregie einen Ersatzton lieferte, hatte mich und meine Beisitzer vor dem jeweiligen TV-Gerät ein merkwürdig klammes Gefühl beschlichen. Offenbar genügt eine gewisse Überschreitung der üblichen Sprechpausenlänge, und unsereiner verspürt, wie Millionen andere Bildschirmzuschauer auch, eine Art Abriss, die unangenehme Ahnung, dass man ohne Vorwarnung mit dem Bild und dessen jäh aufklaffender Ferne allein gelassen worden ist.

Eigentlich eine überraschende Beklommenheit! Denn oft genug wird das, was uns die Kommentatoren an Text zu bieten haben, als überflüssig, ja als läppisch oder gar ärgerlich empfunden. Auch beim Polen-Spiel am Freitag rissen meine Frau und einer unserer Söhne Witze über das, was der Mann am Mikro für mitteilenswert hielt. Wem gilt die Aufklärung, wenn wir zu hören bekommen, dass Boateng und Lewandowski – wer hätte es gewusst! – beide bei Bayern München spielen? Wessen Augen bedürften des Hinweises, dass es gerade – Piszczek hält den Ball mit beiden Händen über dem Schopf! – Einwurf für Polen gibt? Und warum bekommen wir zu hören, dass erst zwanzig Minuten vorüber sind und damit noch mehr als die Hälfte der ersten Halbzeit vor uns liegen, wo doch die verflossene Spielzeit auf die Sekunde genau beständig ins Bild eingeblendet ist und sich die Differenz zu den wohlbekannten 45 Minuten ohne besondere Rechenkünste bestimmen lässt?

Die Aversion gegen die Banalität, die Redundanz und die dürftige Floskelhaftigkeit des jeweils gebotenen Kommentars kann so weit gehen, dass der Zuschauer zur Fernbedienung greift und sich des Tons beraubt, auf den er bloß noch mit Gereiztheit zu reagieren vermag. Auch ich habe dies gelegentlich versucht, jedoch stets nicht allzu lange durchgehalten. Ein merkwürdiger Horror vacui wurde schnell noch unangenehmer als die Überempfindlichkeit gegen das, was da als Begleittext zum Bild geboten wurde.

Könnte es sein, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir von unseren Kommentatoren die überraschende Information, die subtile Beobachtung, das unmittelbar treffende Urteil und die spontan gekonnte Formulierung erwarten? Vielleicht ringen diese Begleitstimmen – insgeheim und zugleich offensichtlich – mit einer Misslichkeit, die grundsätzlich mit der Medialität des Moments zu tun hat: Wir sehen scheinbar alles, wir sehen es zum Teil sogar mehrfach und aus verschiedenen Perspektiven, aber wir sind doch nicht wirklich dabei.

Im Internet, dem jüngsten Medium, das Bild und Ton parallelisiert, fanden sich schon einen knappen halben Tag nach dem Spiel dessen sogenannte «Highlights», und wer mag, kann seitdem beliebig oft prüfen, wie der Kommentator diese wenigen besonderen Augenblicke nahezu zeitgleich mit seinem Wort in eine zweite tiefere Sinnlichkeit zu bannen versucht. Erhellend könnte sein, sich zudem auf derselben virtuellen Plattform eine zweieinhalbminütige Swing-Nummer aus dem Jahre 1949 anzuhören und die Fotos zu betrachten, die diesem Tondokument beigegeben sind. Das Orchester Count Basie spielt:

«Did you see Jackie Robertson hit that ball?»

In just dieser Frage scheint mir seit mehr als einem halben Jahrhundert der ganze Zauber sportlicher Teilhabe enthalten. Wer damals, als das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, «Nein!» sagen musste, tat dies im schmerzlichen Bewusstsein, einen einmaligen Moment verpasst zu haben. Wer hingegen «Ja! Ja!» stammeln durfte, gehörte zu denen, die auf den Rängen des Baseball-Stadions, eingebunden in den Jubel der Anwesenden, erfahren hatten, zu welch großartigen Lichtpunkten der moderne Mannschaftssport den trüben Fluss unserer Zeit verdichten kann.

«Ö – ö – ö –zil-ll!», trompetete uns ZDF-Kommentator Oliver Schmidt letzten Donnerstag ins kollektive Ohr, als unser aller Mesut ein Zuspiel von André Schürrle direkt abnahm und den Ball aufs polnische Tor jagte.

«Ö- ö – ö – zil –ll!» Fürwahr kein rhetorischer Geniestreich und, medienhistorisch gesehen, eigentlich ein Rückfall in selige Radiozeiten. Aber wir wollen nicht ungerecht sein: ein kleiner Trost, eine Linderung unseres  Distanzschmerzes, eine kurze Ablenkung von der ganzen Fatalität unseres gespenstisch unwirklichen Pseudo-Dabei-Seins war es schon.