Der Vertreter Nis-Momme Stockmann

von

Die Autos stehen entlang der Allee und rosten. Die Reste eines schwachen Fünfuhrschauers verdampfen auf ihren Dächern. Im Hinterhof schaukeln träge ein paar Laken. Kinder stochern mit einem Stock in einem toten Tier. Der Vertreter meint zu erkennen, wie sich etwas aus dem Kadaver löst und am Stock baumelt. Als wäre das schrille Lachen der Jungs ein geheimes Zeichen, steht die Frau wie fernbedient auf, um das Fenster zu schließen.

Es verhakt sich beim Herunterlassen. Eine Bö zieht durch den verbliebenen Schlitz und weht dem Vertreter über die Haut. Eine wunderbare Zäsur in einer Welt aus Hitze, Staub und Schweiß. Für einen Moment hat er das Gefühl, nicht bei 40 Grad im Schatten durch die abgerisseneren Nachbarschaften der Stadt zu tingeln, um Hausfrauen in Impulskäufe und Abonnementverpflichtungen hineinzuverarschen. Für einen Moment hat er das Gefühl, nicht bei 50 Grad Innentemperatur in einem übermondänen Zweireiher, der ihm zuletzt vor 5 Jahren optimal gepasst hat, herumzusitzen. Für einen Moment hat er nicht das Gefühl, der Flachmann im Innenfutter der Aktentasche würde nach ihm rufen, immer lauter: «Hey! Hey! Hey!»

Für eine Sekunde ist er ganz woanders. Ganz wann anders. An einem Strand, an dem er nie war. Und dort mit dieser Frau, die er nie kannte. Mit einem Gefühl in der Brust, für das er – obwohl so groß und klar und leitend – keinen Namen findet: Seine Fantasie vom Schönen.

 

Krachend schnellt das Fenster herunter, und der Moment ist vorbei.

Die Hitze, vorher schon schlimm, staut sich und wird unerträglich. Der Deckenventilator verteilt krächzend Staub im Zimmer. Die in Plastik eingeschlagene Ledercouch quietscht, als er sich nach vorne beugt. Das gesamte Mobiliar ist perfekt geschont, darunter aber abgerissen und verschlissen. Auch die Frau, die sich wieder gesetzt hat, sieht – eigentlich anständig gekleidet – aus wie eine heruntergewohnte Kommode. Ihr Gesicht ist fleckig. Der Hals sieht aus, als würde er regelmäßig gewürgt. Sie hat dunkle Ränder unter den Augen. Alles in allem: wie eine Banane, die man einen Tag lang im Aktenkoffer mit sich herumgetragen hat.

 

Das hat doch mal weh getan, solche Leute über den Tisch zu ziehen, denkt der Vertreter.

«Wo ist dieses Gefühl hin?», fragt er sich, grinst breit und setzt an, um weiterzureden.

«Können Sie das bitte noch mal wiederholen?», fragt die Frau.

«Hey! Hey!», schreit der Flachmann.

Der Vertreter lächelt höflich und wiederholt seinen Satz.

«Nein: ganz von vorne», sagt sie und guckt ihn an, als wäre er gar nicht da. Oder eher: Als wäre sie nicht da. Oder noch genauer: als wären sie beide nicht da und irgendjemand würde diese Welt nur träumen.

«Natürlich, sehr gerne», sagt er. Dabei meint er: «Bitte nicht – ich falle gleich in Ohnmacht.» Lange hält er das nicht mehr aus. Es ist so heiß.

«Hey, verdammt! Tu nicht so, als wäre ich nicht da!», schreit der Flachmann.

«Liebe Mrs. …»

«Connor», sagt sie und das Wort hört sich fremd aus ihrem Mund an.

«Liebe Mrs. Connor – wussten Sie, dass Orchideen Spargelpflanzen sind?»

«Nein», sagt sie verträumt.

«Oder: dass, wenn sich die Weltbevölkerung mit der gegenwärtigen Wachstumsrate uneingeschränkt vermehrt, im Jahr 3530 die Gesamtmasse an Fleisch und Blut der Masse der Erde entsprechen wird?»

«Nein.»

«Natürlich wussten Sie das nicht. Woher auch? Wer hat Zeit und Muße, sich all diese Informationen anzulesen? Aber –», gekonnte Zäsur, «– gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist – das wissen Sie sicher am besten – Bildung Kapital.»

 

Jeder nickt an dieser Stelle.

 

«Gerade deswegen bin ich heute hier, um Ihnen Amerikas einzige universale Kompaktenzyklopädie vorzustellen. Eine Investition, die –»

«Hey, verdammt, verdammt, hallo! Tu nicht so, als würdest du mich nicht hören.»

«– sich mit Zins und Zinseszins für Sie –“

«Trink mich, Mann! Was ist los mit dir?!»

„– bezahlt machen wird.“

 

Der schreiende Flachmann wird tatsächlich noch mal lauter, als der Vertreter den Aktenkoffer öffnet.

«Produkt, Lächeln, Schnaps, Schusswaffe – mehr braucht ein amerikanischer Vertreter nicht» – so hatte der alte Mitchell ihn angelernt. Die im Boden des Koffers versteckte 38er hat er in 20 Jahren Beruf nicht einmal benötigt. Den Schnaps umso mehr.

«TRINK MICH!»

Zitternd greift er nach dem Amerikanischen Handlexikon. Gerade sein Bemühen um Mühelosigkeit macht seine Präsentation grotesk umständlich. Ihm ist, als würde er Boxhandschuhe tragen, als er das Buch präsentiert.

 

War die Welt eben noch langsam wie in Brei, passiert jetzt alles sehr schnell. Als er zu sprechen anfangen will, fliegt die Tür krachend auf. Die Verträumtheit der Frau verschwindet schlagartig. Nervosität steigt in ihr auf.

Sich nähernde Schritte bringen das Parkett zum Knarzen.

 

«Oh», sagt die Frau.

«Oh?», wiederholt der Mann, der jetzt am Türrahmen lehnt.

«Bist du gar nicht auf der Arbeit?»

«Doch», sagt der Mann eine Spur zu ruhig und mit zu langer Pause, «ich bin gerade auf der Arbeit.»

Die Frau erwidert nichts. Sie schaut nur hektisch zwischen dem Mann und dem Vertreter hin und her. Der Vertreter setzt sein offenstes Grinsen auf und versucht es mit Grandezza:

«Gestatten Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist–»

Der Mann sagt: «Halt – das – Maul», ohne seinen Blick von der Frau zu nehmen. Einen unsichtbaren Slalom nehmend, torkelt er zum Tisch, holt sich einen Stuhl, stellt ihn neben den der Frau, lässt sich langsam auf ihm nieder und steckt sich mit ausgesuchter Langsamkeit einen Zahnstocher in den Mund.

Der Vertreter sagt: «Ich denke, dass hier eine riesige Verwechslung vorl–»

«Ich – sagte: – Halt – das – Maul, sagt der Mann ruhig. Er lehnt sich nach hinten, schiebt den Zahnstocher mit der Zunge vom linken in den rechten Mundwinkel, öffnet seine Weste, entblößt einen Revolver und schiebt den Zahnstocher wieder zurück.

Eine leichte Fehlstellung der Augen verrät, wie besoffen er ist.

 

«Du brauchst keine Angst haben. Ich möchte dir lediglich danken», sagt der Mann.

«Bitte?», sagt der Vertreter.

«Du hast mir heute sehr geholfen –»

«Wie … habe ich Ihnen geholfen?»

«Du hast mir das Größte gegeben, was ein Mann bekommen kann.»

Der Mann packt die Frau im Nacken. Es muss wehtun, so gewaltig spannt sich die Muskulatur seines Arms. Aber sie macht keinen Mucks.

«Gewissheit», sagt er.

«Ich weiß nicht, was du denkst, Abbott», sagt die Frau flüsterleise.

«Es ist scheißegal, ob du weißt, was ich denke», sagt der Mann, ohne den Blick vom Vertreter zu nehmen.

«Hey Hey Hey Hey HEY HEEEEEY!», schrei-singt der Flachmann.

So heiß wie dieses Zimmer muss die Hölle sein.

 

Die Frau will etwas sagen. Es bleibt aber bei einem Geräusch. Der Mann schlägt ihr mit der Faust mitten ins Gesicht. Blut läuft ihr in einem dicken Strom aus der Nase. Sie macht ein «Gni». So weint jemand, der es verlernt hat.

«Nur – ein – Geräusch», sagt der Mann, ohne sie anzusehen.

Er zieht sich an der Stuhllehne hoch, geht zum Fenster und beginnt langsam, die Gardinen zuzuziehen.

 

«Hey! Lass uns endlich hier abhauen! Wir haben doch was zusammen vor!»

 

Die Frau sieht den Vertreter jetzt zum ersten Mal klar und direkt an. Sie hat etwas Flehendes im Blick.

Ja: Mit einem Schlag – und es erwischt ihn regelrecht – versteht der Vertreter: Da sitzt ein Mensch. Wie blind man wird als Vertreter. Die Menschen werden Haustüren. Die Haustüren zu Bilanzen.

Diese Frau aber – ist echt.

Und jetzt, wo er sie zum ersten Mal sieht, also sieht – erkennt er mit Erschrecken: Sie erinnert ihn an die Frau am Strand, aus seiner Fantasie vom Schönen. Ja: Sie sieht ihr zum Verwechseln ähnlich.

Ihre Lippen formen ein Wort.

Er versteht es sofort.

 

Der Vertreter starrt auf den schwarzen Samt des Aktenkoffers. Der Revolver ist nur zwei Handgriffe entfernt.

 

Der Mann zieht die letzte Gardine zu. Das Zimmer liegt im Halbdunkeln.

«Verpiss dich jetzt », sagt der Mann, streicht sich eine Locke aus der Stirn und lässt links und rechts die Hosenträger runter.

Die Frau sieht den Vertreter direkt an und spricht das tonlos geformte Wort laut aus:

«Bitte!»

Ein «Bitte» wie ein Schnitt mit dem Messer.

Heiß und kalt.

Und tief.

 

Als er auf die Straße tritt, sieht er die Jungs mit dem Gedärm auf dem Stock ein Mädchen ärgern. Eine plötzliche Wut packt ihn. Ein paar hundert Meter lang jagt er sie, vorbei an den rostenden Autos, bis zum Ende der Allee. So schnell ist er seit Jahren nicht gerannt. Auf der Hauptstraße wird ihm schwarz vor Augen. Ein Knopf springt ihm vom Zweireiher.

Vor einem großen Schaufenster kommt er zum Stehen und muss sich übergeben. Als er sich wieder aufrichtet, entdeckt er mit Schrecken, dass ihn aus einem Schaufenster ein Mann entgegenstarrt. Als er näher kommt, erkennt er: Nein, kein Mann. Ein verzerrt groteskes Abbild eines Mannes. Auch diesem Mann fehlt ein Knopf im Zweireiher.

 

Er befreit den aufatmenden Flachmann aus der Aktentasche und nimmt einen Hieb.

Leichtigkeit fließt ihm in den Kopf.

 

Er schaut sich den Fremden im Schaufenster von oben bis unten an, der plötzlich fast sympathisch wirkt. Als er sich schon umdrehen und die ganze Geschichte vergessen will, fällt ihm plötzlich mit einem Schlag der Name des Gefühls ein, aus seiner Fantasie von dem Schönen. Hektisch nimmt er die Enzyklopädie und schlägt unter dem Begriff nach. Es gibt keinen Eintrag dazu.